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Paraschat Noach

Den vollständigen Text der Parascha findet Ihr in unserem Buch Erzähl es deinen Kindern. Die Torah in fünf Bänden. Band 1 Bereschit / Am Anfang, Ariella-Verlag, Berlin, ISBN 978-3-9813825-9-4, 28,80 €, gebunden 128 S. mit 12 Illustrationen. Hier bieten wir eine Auswahl an sowie Fragen zur Parascha und einen Link zum Raschi-Kommentar.

Einleitung

Die ersten beiden Paraschijot stehen in der Spannung von Gut und Böse. Wurde im ersten Schöpfungsbericht noch betont, dass das, was G’tt erschaffen hat, »gut« war, so wird nun da- von berichtet, dass die Menschen seit der Vertreibung aus dem Gan Eden »böse« wurden. Die Flut und die Erwählung des »gerechten« Noach sollen dem zwar Einhalt gebieten, sind aber nicht genug, um »paradiesische« Zustände zurückzuho- len. Dennoch hat sich durch die Flut etwas geändert, auch wenn der Turmbau wieder der Versuch zu sein scheint, das menschliche Selbstbewusstsein zu überhöhen: Die Menschen machen sich nun nicht mehr gegenseitig fertig, sondern ver- suchen, in Einigkeit Großes zu leisten und über sich hinaus- zuwachsen. Bereits unsere Rabbinen haben deshalb darauf hingewiesen, dass die Generation der Flut viel »böser« war als die Generation des Turmbaus. In der Logik der bisherigen Geschichte liegt denn auch be- gründet, dass die Einheit der Menschheit von G’tt gestört wird. Denn in der Schöpfung geht es um Ausdifferenzierung. Der Begriff der Einheit ist allein G’tt vorbehalten. Menschliches Dasein gründet dagegen auf Unterscheidung und Differenz. Dies gilt sowohl im Physischen (die zwei Geschlechter), aber auch im Kulturellen (Differenz der Sprachen) sowie in räum- licher Hinsicht: Die Menschen sollen die ganze Erde füllen und nicht an einem Ort Richtung Himmel wohnen wollen. Insofern ist es nur konsequent, dass die beiden ersten Paraschijot von der Spannung zwischen Gut und Böse handeln. Denn der Mensch ist nicht nur physisch und kulturell ausdifferenziert, sondern in seinem Dasein immer ambivalent: Der Mensch ist nicht einfach nur gut, denn er hat immer auch die Möglichkei- ten, anders zu sein. Und eben dies möchte die Torah betonen: Es geht hier um die Ambivalenz des Daseins und nicht um sich widerstreitende Prinzipien von Gut und Böse. Das Böse exis- tiert nicht als eigenständige Macht, sondern ist die Möglich- keitsbedingung für das Gute. Wer »gut« sein will, hat stets die Möglichkeit, es nicht zu sein, weil »das Böse« immer schon im Guten enthalten ist. Insofern ist es auch nur konsequent, dass sich im Judentum nie eine Erbsündenlehre durchgesetzt hat, da eine solche Lehre zu sehr von der selbstständigen Macht der Sünde und des Bösen ausgeht.

Noach baut die Arche

6,9

G’tt hatte die Welt erschaffen. Aber es waren viele böse Menschen
auf der Welt, die so gar nicht nach G’ttes Anweisungen
lebten. Nur einen einzigen gerechten Mann gab es. Der lebte
genauso, wie G’tt es sich vorgestellt hatte. Dieser Mann hieß
Noach. Noach hatte eine Frau, und er hatte auch drei Söhne:
Schem, Cham und Jefet. Da G’tt aber die Bosheit der Menschen
sah, sagte er zu Noach:
»Ich habe beschlossen, alle Lebewesen zu vernichten, denn
sie sind so böse zueinander, dass ich es nicht ertragen kann.
Du aber sollst dir ein großes Schiff, eine Arche (tevah), aus
Holz bauen. Bestreiche sie innen und außen mit Teer, damit
sie wasserdicht ist. Denn ich will eine riesige Wasserf lut über
die Erde bringen, damit alle Lebewesen, die auf der Erde leben,
ertrinken. Du aber sollst in die Arche gehen, wenn du sie fertiggestellt
hast, du, deine Frau, deine Söhne und auch die
Frauen deiner Söhne, deine ganze Familie, auch Tiere sollst du
mitnehmen, denn mit dir möchte ich einen ganz besonderen
Bund schließen.«
Und Noach machte sich ans Werk, und er machte alles so,
wie es ihm G’tt gesagt und geraten hatte.

Die Flut kommt

Da sagte der Ewige zu Noach: »Geh nun in die Arche, du und
deine ganze Familie, denn du sollst nicht in den Wasserf luten
umkommen. Und dann nimm von allen reinen Tieren je sieben
Stück mit in die Arche, und zwar männliche und weibliche
Tiere. Und von den Tieren, die nicht rein sind, nimm zwei
Stück mit, immer ein Männchen und ein Weibchen. So können
alle Tierarten auf der Erde gut überleben. Denn du musst
wissen, dass ich es in sieben Tagen auf die Erde regnen lasse,
einen Regen, wie ihn noch niemand gesehen hat.«
Und Noach machte alles ganz genau so, wie es der Ewige ihm
gesagt hatte. Und Noach war sechshundert Jahre alt.
Und nach sieben Tagen öffnete sich der Himmel, und der
Regen stürzte auf die Erde nieder, vierzig Tage und vierzig
Nächte. Aber Noach, Schem, Cham und Jefet und auch Noachs
Frau und die Frauen seiner Söhne und all die Tiere waren in
der Arche sicher vor den schweren Wassermassen.
Alle Tiere und auch alle Menschen aber, die auf der Erde lebten,
kamen um. Allein Noach und alle, die in der Arche lebten,
blieben übrig. Und das Wasser stieg und stieg, 150 Tage lang.

Die Welt nach der Flut

8,1
Dann endlich dachte G’tt an Noach und an alle, die in der
Arche waren, und ließ einen Wind über die Erde brausen,
damit die Wassermassen sich wieder zurückzogen und die
Erde freigaben. Es dauerte noch einmal 150 Tage, bis sich das
Wasser allmählich verlor. Da endlich setzte die Arche auf dem
Gebirge Ararat auf.
Aber erst nach weiteren vierzig Tagen öffnete Noach das
Fenster der Arche, um einen Raben auszuschicken. Der f log
immer wieder hin und her, bis die Erde vom Wasser trocken
war. Danach schickte Noach eine Taube aus, aber sie fand
noch keinen trockenen Ort auf der Erde und kehrte zur Arche
zurück. Noach ließ wieder Zeit verstreichen und schickte dann
die Taube abermals aus. Da endlich kam die Taube zur Arche
zurück, und siehe da, sie hatte ein kleines Blatt von einem
Olivenbaum in ihrem Schnabel. Daran erkannte Noach, dass
das Wasser auf der Erde zurückgegangen war. Als Noach die
Taube ein weiteres Mal ausschickte, kam sie nicht wieder zu-
rück. Da konnte Noach die Arche öffnen und sehen, dass die
Erde schon ganz trocken geworden war.
Da sagte G’tt zu Noach: »Geh aus der Arche, du und deine
ganze Familie. Alle Tiere, die mit dir in der Arche sind, nimm
mit nach draußen, damit sie sich auf der Erde tummeln und
sich vermehren können.« Da gingen Noach, seine Söhne, seine
Frau und seine Schwiegertöchter aus der Arche hinaus und mit
ihm alle Tiere, die in der Arche waren.
Da baute Noach dem Ewigen einen Altar, nahm von allen
reinen Tieren eines und ließ sie auf dem Altar in Rauch zum
Ewigen hinaufsteigen. Da sagte sich der Ewige: »Ich werde die
Erde nie wieder verf luchen und alle Lebewesen töten. Die
Menschen sind nun mal, wie sie sind.«

Der Turmbau

11,1
Obwohl die Menschen schon viele geworden waren, so hatten
sie alle doch nur eine einzige Sprache, und sie konnten einander
verstehen. Als sie nun weiter östlich zogen, fanden sie eine
große Ebene. Und dort ließen sie sich nieder. Dann sagten sie
zueinander: »Kommt, wir wollen eine Stadt bauen und in die
Stadt hinein einen Turm, so hoch, dass er mit seiner Spitze in
den Himmel reicht. Damit können wir uns einen großen Namen
machen und brauchen uns nicht mehr über die ganze
Erde auszubreiten.«
Als der Ewige das sah, stieg er herab, um sich die Stadt und den
Turm genauer anzusehen, die die Menschen da bauten. Da
sagte er zu sich: »Jetzt sind sie ein einziges Volk mit einer
einzigen Sprache. Wenn sie so weiter machen, wird ihnen alles
gelingen, was immer sie sich ausdenken! Lasst uns also ihre
Sprache verwirren, sodass der eine den andern nicht mehr
verstehen kann.« Da zerstreute der Ewige die Menschen über
die ganze Erde, und sie mussten aufhören, ihre Stadt weiterzubauen.

Fragen zur Parascha

A) Allgemeine Fragen zur Parascha

Weshalb wollte G“tt die ganze Welt vernichten und weshalb wählte er Noach und seine Familie aus, damit er neues Leben auf der Erde beginnen konnte?

Was (und wen) sollte Noach alles mit in die Arche nehmen?

Was ist das Zeichen dafür, dass G“tt die Welt und die Menschen nie wieder vernichten wird?

Weshalb wollten die Menschen einen Turm bis zum Himmel bauen?

Weshalb verwirrt G“tt die Sprache der Menschen?

B) Fragen für Fortgeschrittene

Noach sollte von den Tieren je ein Paar mit in die Arche nehmen. Weshalb sollte er aber von den koscheren Tieren sieben Paare mitnehmen?

Was bedeutet denn der Regenbogen für G“tt?

Welches war die Sprache, die die Menschen vor dem Turmbau sprachen?

Text mit Raschi