Einleitung zu Paraschat Balak

Im Zentrum dieser Parascha steht vor allem die Geschichte vom Seher Bilam (Bil’am gesprochen) und Balak, dem König von Moav. Sie wird aus einer völlig neuen Perspektive erzählt und stellt insofern etwas Besonderes dar. Werden nämlich ansonsten alle Geschichten der Torah aus der Sicht Mosches erzählt, so wird hier der Blick von außen auf das Volk Jisrael geworfen: von den Nichtjisraeliten Bilam und Balak. Mosche und Aharon werden nicht einmal erwähnt, und das Volk Jisrael wird nur aus der Ferne in den Blick genommen.

Dadurch, dass Bilam den Segen über Jisrael ausspricht – und dies viermal! –, werden die Kinder Jisraels zum ersten Mal äußerst positiv dargestellt, was durch die poetische Sprache noch unterstrichen wird. Gezeichnet wird das Bild von einem großartigen Volk und einem wunderbaren Land: ein Bild, das sich in dieser Weise weder davor noch danach in einer der Erzählungen findet. Dass sich mit der Erzählung von Jisrael in Baal Peor gleich eine Schandtat der Jisraeliten anschließt, unterstreicht die Einmaligkeit der Geschichte von Bilam nur umso mehr.

 

Was ist aber nun die Aussage dieser Parascha? Diese Frage lässt sich gar nicht so leicht beantworten, denn eigentlich geht es weniger um Jisrael und Balak als um das Verhältnis Bilams zum Ewigen. Wie sich andere Völker zum G’tt Jisraels verhalten oder gar verhalten sollen, interessiert die Torah sonst eigentlich wenig. Deshalb ist es aufschlussreich, Bilam selbst in den Blick zu nehmen.

Er wird zunächst als ein »Seher« vorgestellt, also als einer, der mehr sehen kann als andere und dessen Wort wirkmächtig ist: Wen Bilam verf lucht, der ist verflucht, wen er segnet, der ist gesegnet. Als König Balaks Boten zu ihm kommen, erscheint Bilam zunächst sehr g’ttesfürchtig. Er lässt sich nicht einfach kaufen, sondern fragt beim Ewigen nach. Doch auch nachdem er eine Auskunft vom Ewigen erhalten hat, geht er mit derselben Frage erneut zu ihm, so als hätte das g’ttliche Wort keinerlei Bestand. Mit dem permanenten Schielen nach g’ttlicher Anweisung offenbart Bilam seine falsche Vorstellung von G’ttesfürchtigkeit. Doch das ist noch nicht alles.

Die Erzählung führt dem Leser die Unfähigkeit Bilams als Seher (!) schonungslos vor, da seine Eselin mehr sieht als er selbst. Dies ist schon fast eine Satire, die sich im Zusammenspiel mit Balak noch zuspitzt: Der König von Moav ist ein reiner Machtmensch, der sich nicht um G’ttliches oder Menschliches schert. Er bezahlt einen Seher und hat damit aus seiner Sicht ein Recht auf die Verfluchung der Jisraeliten. Dass er Bilam immer wieder auf neue Anhöhen schleppt, Altäre bauen und Tiere darauf schlachten lässt, zeigt die quirlige Hilf losigkeit eines Machtbesessenen, der nicht verstehen will, dass er den Kürzeren gezogen hat. Da helfen auch die magischen Sieben – sieben Altäre, sieben Stiere und sieben Widder – nichts! Bilam ist zwar derjenige, der Balak vorführt, aber darin, wie er es tut, offenbart er ebenfalls keine Größe. Denn Bilam ist ein Seher, der nichts sieht, und nur das sagen kann, was ihm unmittelbar in den Mund gelegt wird.

Mit beißendem Spott wird hier ein fremder »Seher« aufs Korn genommen, der vom Ewigen so gar nichts versteht oder verstehen will. Darin zeigt sich zugleich auch ein deutlicher Gegensatz zum »Propheten« Mosche, der zwar ebenso das g’ttliche Wort empfängt, aber selbst einen Begriff davon hat, was der Ewige mit seinen Worten bezweckt. Mosche weiß sehr genau um die Grundlinie g’ttlichen Handelns: Befreiung aus der Knechtschaft, Dienst am Ewigen und das Land Jisrael als Zielpunkt aller Wanderung.

Unabhängig von dieser indirekten Gegenüberstellung des tumben Bilam und des wissenden Mosche lässt sich diese Erzählung aber auch als eine allgemeine Verspottung von Bigotterie verstehen. Das frömmelnde Schielen nach G’tt und dessen Anweisungen macht den Menschen blind für den eigentlichen Anspruch G’ttes an sein Volk. Wer seine eigene Autonomie aufgibt, nicht selbst denkt und nur noch nach »G’ttes Anweisung« leben möchte, verheddert sich in den Wirrungen der Realität und den g’ttlichen Ansprüchen.

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