Einleitung zu Paraschat Qorach

Obwohl in der letzten Parascha deutlich gemacht worden ist, dass die Jisraeliten, die schon aus Mizrajim ausgezogen waren, nun keine Zukunft mehr haben werden, geht die Geschichte unvermindert weiter. Diesmal steht der Aufstand von Korach (und Datan und Aviram) im Mittelpunkt. Korach thematisiert ein neues Konf liktfeld: die Konkurrenz der Lewiim zu den Kohanim, den Priestern. Datan und Aviram wenden sich gegen Mosche und machen ihn dafür verantwortlich, dass er die Jisraeliten aus einem Land, in dem Milch und Honig f ließen (!), herausgeführt habe, um sie in der Wüste umkommen zu lassen. Dies ist ein schwerer Vorwurf gegen Mosches militärische und politische Führungsqualit.ten. Dieses Motiv ist nicht ganz neu, denn auch Aharon und Mirjam begehrten schon einmal gegen Mosche auf, und dies ebenfalls, indem sie anzweifelten, dass allein Mosche eine besondere Autorität zukäme.

Es ist erstaunlich, mit welchem Gespür die Torah diese allzu menschlichen Ansprüche und Konkurrenzvorstellungen thematisiert. Denn was die Meuterer um Korach, Datan und Aviram fordern, ist letztlich nichts anderes als ein sehr demokratisches Mitspracherecht für andere einf lussreiche Gruppen. Sie stellen den Autoritätsanspruch einzelner Personen und Gruppierungen, von Mosche, Aharon und Aharons Söhnen, infrage, um für sich selbst mehr Macht und Mitsprache zu beanspruchen. Ihre »Heiligkeit« begründen sie damit, dass alle am Berg Sinai gestanden und die Worte des Ewigen vernommen hätten. Die Torah hingegen legitimiert die besondere Position Aharons und seiner Söhne einzig mit dem Hinweis darauf, dass der Ewige die Kohanim ausgewählt habe. Und zu diesem besonderen Dienst mussten sie eigens in ihr Amt eingesetzt werden (vgl. drittes Buch Wajikra, Paraschat Zaw). Damit macht die Torah also deutlich, dass es nicht darum geht, alle in gleicher Weise mit Macht auszustatten, und dass dies nicht die Basis für die Legitimation von Macht beziehungsweise für die Position einer Gruppe sein kann. Was in erster Linie auch auf der für die Torah sehr wichtigen Unterscheidung zwischen heiligem und nicht-heiligem Bereich beruht: Um Heiligkeit zu denken, müssen auch nicht-heilige Räume und Personen existieren. Daher werden auch alle, die im inneren Bereich ihren Dienst tun, von denen unterschieden, die nur dienende Funktionen innehaben, um den Betrieb des Heiligtums am Laufen zu halten. Und diese Gruppierung (der »innere Ring« um das Heiligtum) wird wiederum nochmals von den normalen Jisraeliten abgesetzt.

Das Eingreifen des Ewigen in diesen Konf likt bewirkt deshalb nichts anderes als eine Bekräftigung seiner Vorentscheidung, was durch die Geschichte von den Stäben sehr anschaulich wird. Aharons Stab, und damit Aharon und die Kohanim insgesamt, werden noch einmal für den besonderen Dienst am Heiligtum bestimmt, während zuvor die Meuterer ihrer jeweiligen Strafe zugeführt werden. Übrigens ist es entsprechend konsequent, dass die Kohanim und Lewiim, nachdem der Tempel 70 n. u. Z. zerstört worden war, faktisch keine Rolle mehr spielten und die Rabbinen in ihre religiöse Führungsposition traten. Diese legitimierten sich nicht durch ihre Abstammung, sondern allein durch ihre intellektuellen Fähigkeiten im Diskurs.

Aus: Liss/Landthaler, Erzähl es deinen Kindern, Bd. 4 Bamidbar – In der Wüste, S. 67-68.

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