Einleitung zu Paraschat Bamidbar

Nachdem das dritte Buch Wajikra nahezu ausschließlich Verordnungen und Bestimmungen zu Opfern, Kohanim, Heiligtum und Rein-Sein aufgelistet hat und insofern erzählerisch sehr wenig Bewegung stattfand, berichtet das vierte Buch Bamidbar über den Aufbruch vom Berg Sinai. Der Erzählung nach (Buch Schemot, S. 72, bis zum Ende vom Buch Wajikra) lagern die Kinder Jisraels am Berg Sinai und erfahren hier, was sie alles zu beachten haben, um als Volk G’ttes dem Ewigen gegenüber angemessen leben zu können. Allerdings können der Aufbruch und die Weiterreise in das Land Knaan ebenfalls nicht ohne Anordnungen vonstattengehen. Denn immerhin zieht nun der Ewige mit den Kindern Jisraels mit, und zu dem, was auf Reisen mitgeführt wird, gehört das Heiligtum selbst. Das Volk wird aufgeteilt in Kohanim, Lewiim und gewöhnliche Jisraeliten und nach Stämmen organisiert. Und all das, was in den vorhergehenden Büchern der Torah an Heiligkeitsgedanken entwickelt worden ist, soll nun für die weitere Bewegung des Volkes bis hin zum Ziel angewandt werden. Auf diesem Zug durch die Wüste wird es auch immer wieder zu Begegnungen mit anderen Völkern kommen, für die man sich wappnen muss. Daher beginnt dieses Buch nicht unmittelbar mit dem Aufbruch, sondern zunächst mit einer Zählung des Volkes – beziehungsweise der Musterung der wehrfähigen Männer – und mit einer genauen Beschreibung zur Anordnung der einzelnen Heerlager sowie mit einer Rast und Marschordnung.

Im Zentrum aller Zählungen steht das Heiligtum. Um das Heiligtum herum lagern sich die Lewiim in einem inneren Kreis und die Jisraeliten in einem äußeren Kreis. Selbst beim Aufbruch wird diese Ordnung eingehalten, und das Heiligtum wandert in der Mitte der Jisraeliten mit. Waren die Jisraeliten von Mizrajim bis zum Berg Sinai noch in keiner spezifischen Formation unterwegs, so ändert sich dies in diesem Buch: Die Wanderung durch die Wüste erfolgt nach einem Ordnungsprinzip, das im Wesentlichen durch das Heiligtum bestimmt wird.

Das Buch Bamidbar spart auch die Aufstände und Fehleinschätzungen, die das Volk immer wieder irrewerden lässt, nicht aus. Die Jisraeliten zeigen sich weiterhin mit der Wüstensituation unzufrieden, zetern immer wieder und wünschen sich nach Mizrajim zurück. Dass das Heiligtum in der Mitte der Jisraeliten mitzieht, macht das Volk also nicht automatisch gefügig oder gelehrig oder gar heilig, sondern belässt es in seiner menschlichen Verfasstheit, die auch durch Verzagtheit, Verzweiflung oder Eigeninteressen bestimmt ist.

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