Einleitung zu Paraschat Mezora

Bevor das Thema „Unreinheit bei den Fortpflanzungsorganen“ wieder aufgenommen wird und damit die „Tora der Reinheit“ abgeschlossen wird, werden noch weitere Themen behandelt: zunächst wird die Frage behandelt, wie der an Aussatz Erkrankte wieder rein wird, und schließlich der Aussatz an den Häusern. Dieser Aussatz setzt (zusammen mit dem Aussatz an Kleidern) einen etwas anderen Akzent, da es bei der Unreinheit von Personen darum geht, wer für das Heiligtum tauglich ist. Bei der Kleidung steht das nicht im Vordergrund und Häuser können überhaupt nicht zum Heiligtum gebracht werden. Kleidung und Häuser sind aber die Dinge, die den Menschen unmittelbar umgeben und die sozusagen zu seinem Selbst gehören. Kein Mensch ohne Kleidung, kein Mensch ohne Haus. Deshalb werden sie bezüglich von äußerlichen Schädigungen eigens behandelt und in die Kategorie „rein“ und „unrein“ gebracht.
In der Einleitung zur letzten Parascha (Par. Tasria) haben wir schon darauf hingewiesen, dass Flüssigkeiten aus den Fortpflanzungsorganen bezüglich der Unreinheit unter besonderer Aufmerksamkeit stehen. Wir haben auch schon vermutet, dass es damit zusammenhängen könnte, dass das Gebot der Fortpflanzung das allgemeinste und zugleich das unjüdischste Gebot ist, weil es im Prinzip alle Menschen trifft. Fortpflanzung ist auch der Akt, in dem der Mensch selbst am ehesten schöpferisch ist, also eine Tätigkeit verübt, die dem göttlichen Schöpfungsakt am nächsten kommt. Deshalb unterliegt genau dieser Akt einer besonderen Gesetzgebung, um ihn unter das göttliche Gebot zu stellen.

Leider hat sich auch im Judentum immer wieder die Meinung durchgesetzt, dass die Unreinheit des Menschen einer negativen Handlung durch diesen Menschen folgt. Bei Aussatz wird stets darauf verwiesen, dass er auf üble Nachrede zurückgehe, entsprechend sei auch die Unreinheit bei Mann und Frau die Äußerung einer negativen Haltung oder Handlung. Eine solche Sichtweise hat zur Folge, dass Sexualität eine negative Betrachtung erfährt, da sie grundsätzlich Unreinheit voraussetzt (Menstruation, Pollution) oder nach sich zieht (denn auch eine Frau, die geboren hat, ist unrein). Aber da der Mensch grundsätzlich geschlechtlich verfasst ist und jede Generationenbildung Geschlechtlichkeit voraussetzt, kann die mit Geschlechtlichkeit unmittelbar zusammenhängende Unreinheit nicht die Folge negativer Haltungen oder Handlungen sein, da das Ideal (keine negativen Haltungen und Handlungen) die Geschlechtlichkeit aufheben müsste, was ein unmittelbarer Eingriff in die Geschöpflichkeit des Menschen bedeutete (Kastration bei Männern und Frauen). Wenn wir davon ausgehen, dass der Begriff „Unreinheit“ nur im Kontext des Heiligtums wirklich Sinn macht, dann erübrigt sich ohnehin eine solch negative Betrachtung von „Unreinheit“. Denn der Begriff „Unreinheit“ formuliert eher etwas über das Heilige als über den Unreinheit Tragenden. Dass wir Heutigen alle und überall halachisch betrachtet unrein sind, sagt weniger über uns etwas aus als über die Tatsache, dass es kein Heiligtum mehr gibt. Deshalb ist es heute auch unerheblich, ob jemand an einer Hautkrankheit leidet. Er ist im Judentum deshalb weder aussätzig, noch wird er von liturgischen Handlungen ausgeschlossen, noch unterliegt er sonstigen Restriktionen. Auch ein Mann, dem Samen abgeht, kann am andern Morgen in die Synagoge gehen, auch ist er sonst nicht durch irgendwelche Auflagen beschränkt. Unreinheit ist also eher ein theo-logischer denn ein antropo-logischer Begriff. Dass gerade die Juden des aschkenasischen Mittelalters wieder priesterliche Traditionen aufleben lassen wollten und sich ohne Unterlass in die Mikwe begeben haben, hatte seinerzeit nachvollziehbare Gründe, sollte für uns heute aber nicht Grund sein, alles Körperliche einem grundsätzlichen Ekelverdacht zu unterwerfen. Auch wenn es das Heiligtum, den Tempel, nicht mehr gibt, so können wir heute den Gedanken des Heiligen ernst nehmen, indem wir das Profane als das nehmen, was es ist: das dem Heiligen entgegenstehendes, weshalb wir heute nicht überall und vorschnell nach dem Heiligen schreien sollten und alles und jedes für „heilig“ erklären.

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