Einleitung zu Paraschat Wajiqra

Das erste Buch Bereschit erzählt die Vorgeschichte des Volkes Jisrael, das zweite Buch Schemot erzählt, wie aus den Sklaven in Ägypten ein Volk wird: Auszug aus Ägypten, Wanderung bis zum Berg Sinai, erste Gebote für das Volk. Dieses Volk soll nun ein Heiligtum für G“tt bauen, damit von vornherein klar ist, wessen Volk das ist. Und nun werden im dritten Buch Wajiqra Opferbestimmungen aufgezählt. Was dabei besonders auffällt: Am Anfang dieser Bestimmungen, die allesamt das Heiligtum betreffen, stehen nicht die Rechtssätze für die Kohanim (Priester), wie die sich zu verhalten haben. Nein. Zunächst werden die Opfergaben behandelt, also das, was der Einzelne (freiwillig) zum Heiligtum bringt. Obwohl also das Heiligtum ohne Kohen nicht zu denken ist (der einfache Jisraelit darf das Heiligtum nicht einmal betreten!), geht es zunächst nicht im Wesentlichen um den Kohen, sondern um das Volk, das Qorbanot (Opfer, in der Kleinen Tora auch als Geschenk für G“tt bezeichnet) freiwillig bringt. Dieses Religionsverständnis ist für uns heute sehr ungewohnt: Denn es gibt die Fachleute fürs Judentum, das sind die Rabbiner und Vorbeter in der Gemeinde. Die sollen alles richten und alles seine schöne Ordnung haben lassen. Während wir „normalen“ Synagogengänger das Können unserer Religionsspezialisten konsumieren, aber ansonsten ein normales Leben führen, das mit Religion mitunter sehr wenig zu tun hat. Die Vorstellung der Tora geht da in eine etwas andere Richtung: Jeder Einzelne ist auf das Heiligtum hingeordnet und soll deshalb Opfer zum Heiligtum bringen. Der Kohen sorgt dabei dafür, dass nichts der individuellen Beliebigkeit anheimgegeben wird, sondern dass die Heiligtums- und Opferregeln sehr genau eingehalten werden. Dennoch ist ein solches Verständnis von Religion geradezu basisdemokratisch, weil es nicht einfach um die Aufrechterhaltung einer religiösen Instanz (Heiligtum) geht, sondern um die Hinordnung des ganzen Volkes zu dieser Institution. Ohne diese Hinordnung wäre alles nichts und das Heiligtum wäre kein Heiligtum mehr, und das Volk das Volk nicht mehr.

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