Einleitung zu Paraschat Mischpatim

Dies ist nun die erste Parascha, die nahezu ausschließlich Vorschriften aller Art enthält, erzählerische Teile treten völlig in den Hintergrund. Lediglich die Erzählung vom Bundesschluss am Berg Sinai zwischen Gott und dem Volk Jisrael nimmt noch den erzählerischen Faden der letzten Paraschiot auf und bringt einen ersten Abschluss von Auszug und Wüstenwanderung.

Bei den Vorschriften handelt es sich um eine ganze Bandbreite verschiedener Gesetze, die von einer gerechten Rechtssprechung über Mord bis hin zu Vorschriften für Schabbat und Festtage reicht. Dabei sind uns einige Vorschriften sehr vertraut und bestätigen unser eigenes Rechtsempfinden (z.B. die Vorschriften zur Gerechtigkeit), andere dagegen sind uns sehr fremd oder stehen unserem Rechtsempfinden unmittelbar entgegen (z.B. die Verhängung der Todesstrafe, Umgang mit anderen Völkern, mit Knechten, mit „Zauberern“). Das darf natürlich weiter nicht verwundern, da die Zeit, in die diese Vorschriften erlassen worden sind, völlig andere waren als wie sie wir heute vorfinden. Und dass es auch um den kulturellen Rahmen geht, in den etwas gesprochen wird, wird gerade durch die letzten und diese Parascha sehr deutlich. Bei der vorletzten und letzten Parascha haben wir schon darauf hingewiesen, dass die Vorschriften nicht einfach erlassen werden. Vielmehr erzählt der Text sie so, dass es ein vorsichtiges Vortasten ist. Zuerst werden Vorschriften im Rahmen einer Erzählung geliefert, so als müsste man sich erst langsam daran gewöhnen, dass nun nicht mehr erzählt wird, sondern der eigentliche Inhalt der Tora Vorschriften sind. In dieser Parascha scheint ein „didaktisches“ Element ebenfalls enthalten zu sein. Weshalb fängt die Parascha ausgerechnet mit den Vorschriften um die Knechtschaft an. Wenn wir die erzählerische Ebene ernst nehmen (das Volk ist gerade befreit worden und steht in der Wüste am Berg Sinai), könnte man meinen, dass es für diese Situation etwas wichtigeres gibt, als die Knechtschaft, die jemand aus Not eingehen muss. Aber gerade das ist der Anknüpfungspunkt: Die Jisraeliten kommen aus der Knechtschaft, sind jetzt befreit. Da macht der Text von vornherein deutlich, dass Abhängigkeitsverhältnisse deshalb nicht Vergangenheit sind. Wirtschaftliche Notsituationen sind Realität. Aber ein Wesentliches hat sich geändert: Die Knechtschaft ist ein wirtschaftlicher Faktor, und deshalb immerwieder zeitlich begrenzt. Die Knechtschaft ist keine Unterdrückung mehr, keine Selbstaufgabe durch die Unterwerfung unter ein anderes Regime. Der jisraelitische Knecht bleibt ein Jisraelit und damit immer auch auf die Freiheit hin ausgerichtet. Deshalb sagt Raschi, dass selbst derjenige, der überhaupt nicht frei sein möchte, spätestens mit dem Yoveljahr befreit wird (ob er will oder nicht!). Diese „Didaktik“ der Mizwot tritt natürlich zurück, wenn die eigene Jetztzeit den erzählten Rahmen hinter sich lässt und nur noch Vorschriften vorfindet, die nicht immer mit der eigenen Vorstellung konkruent sind. Deshalb fällt es uns manchmal schwer, die einzelnen Vorschriften der Tora zu verstehen oder ihnen zu nähern.

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