Einleitung zu Paraschat Jitro

Nachdem Mosche in der letzten Parascha nur andeutungsweise von der Tora erzählt und „versuchsweise“ vom Schabbatgebot gesprochen hat, werden in dieser Parascha die wichtigsten Gebote aufgezählt, nämlich die Gebote des Zehnwortes (auch die Zehn Gebote genannt). Wenn man das Zehnwort genau betrachtet, lassen sich die einzelnen Ge- und Verbote in zwei Gruppen einteilen: nämlich in solche, die sich unmittelbar auf Gott, und auf solche, die sich auf den Mitmenschen beziehen. Dabei ist klar, dass sich die ersten Gebote auf Gott beziehen: Verbot, andere Götter anzubeten, das Verbot, sich (heilige) Bilder zu machen und das Schabbatgebot. Diese Gruppe wird mit dem Verweis eingeleitet, dass es schließlich auch der Ewige war, der die Jisraeliten aus Ägypten herausgeführt hat. Das bedeutet, dass die Erfahrung der Befreiung von den Ägyptern und der „Selbstwerdung Jisraels“ der Grund für diese Gebote ist bzw. – umgekehrt – die „Selbstwerdung“ durch diese Gebote am Besten zum Ausdruck kommt. Dies entspricht auch der beschriebenen Szenerie: Die Jisraeliten lagern um den Berg herum: alle warten jetzt gespannt, was passiert. Und wie um diese Spannung zu untermauern, verbietet Gott den Jisraeliten, den Berg zu betreten. Mosche zieht gar einen Zaun und schafft dadurch einen „heiligen“ Raum. Dadurch wird die Aufmerksamkeit der Jisraeliten noch mehr auf den Berg – und damit auch auf Gott – gelenkt.
Aber weshalb wird ausgerechnet ein so wichtiger Abschnitt wie das Zehnwort in einer Parascha erzählt, die ausgerechnet den Namen eines Nichtjuden trägt? Und nicht nur das: Unmittelbar vor diesem wichtigen Abschnitt wird der Rat des Jitro erzählt. Ausgerechnet Jitro, ein Nichtjude, gibt Mosche Ratschläge, wie er am besten zu verfahren habe, ausgerechnet Mosche, der ein paar Zeilen weiter das Zehnwort von Gott in Empfang nehmen wird! Man könnte natürlich immer argumentieren, dass das Zufall sei oder mit Raschi: Es gibt kein früher oder später in der Tora, was soviel bedeutet wie: die Reihenfolge der erzählten Ereignisse ist egal. Aber wenn man sich die gestellte Frage zum Problem machen möchte, dann könnte man darin einen schönen Gedanken erkennen: Dass Mosche Richter einsetzt und sich selbst damit an die Spitze einer Hierarchie stellt (es soll eine ganze Reihe von Richterebenen geben!), ist der Ratschlag von Jitro. Das ist also praktisch, modern gesprochen: die Verwaltung soll effizient arbeiten. Mehr ist das nicht! Schon gar nicht eine von Gott gegebene Struktur. Wie wir Menschen unsere Gesellschaft aufbauen, welche Struktur wir ihr geben, hat mit Gott nichts zu tun, das ist eine Frage der Effizienz und kann von jedem Menschen organisiert werden. Anders ist es mit der Grundausrichtung Jisraels: Das, was Jisrael heilig sein soll, kann nur Gott selbst sein, da gibt es kein zweites, kein anderes.

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