Paraschat Bereschit mit Raschi

Die Erschaffung der Welt

(1) Ganz zu Anfang, als G“tt Himmel und Erde erschuf*, da war die Erde noch kahl und leer und überall herrschte Dunkelheit. Nur der Geist G“ttes schwebte über dem Wasser.

Ganz am Anfang: Eigentlich hätte die Tora mit dem Abschnitt: „Dieser Monat sei euch…“ (Ex 12) anfangen müssen. Denn hier wird das erste Gebot für Jisrael formuliert. Weshalb fängt die Tora aber mit Bereschit an? Damit der Ewige seinem Volk die Allmacht zeigt: Er ist der G“tt aller Nationen. Und wenn die Völker irgendwann einmal zu Jisrael sagen werden: Ihr seid Räuber, denn ihr habt das Land, in dem ihr wohnt, von anderen gestohlen! so könnt ihr beruhigt sagen: G“tt ist der G“tt über alle Länder und er verteilt die Länder nach seiner Auffassung und nach der Gerechtigkeit der Völker.

Ganz am Anfang: Unsere Lehrer sagen: Die Erde wurde um der Tora willen erschaffen, denn die Tora ist das Erste auf den Wegen des Ewigen (Prov 8), wie auch Jisrael der Erstling seines Ertrages ist. Wenn man den Vers nach dem einfachen Wortsinn (Peschat) nimmt, dann bedeutet er: Am Anfang der Erschaffung der Welt, da alles noch kahl und leer war, da sagte G“tt u.s.w.   [Üblicherweise wird dieser Vers  meist anders gelesen, nämlich in dem Sinn: Am Anfang schuf G“tt Himmel und Erde. Dagegen bringt Raschi eine eigene Lesart, die keineswegs unbegründet ist, und Raschi erklärt es sehr ausführlich aufgrund der hebräischen Grammatik].

Ganz am Anfang, als G“tt schuf: Es heißt „G“tt“ (elohim der Richter) und nicht „Ewiger“ (j“h der Erbarmende). Eigentlich sollte die Welt mit dem Maß der Gerechtigkeit erschaffen werden. Aber G“tt sah, dass dann die Welt keine Überlebenschance hätte. Deshalb wurde, wie der Vers Gen 2,4 zeigt, zuerst die Barmherzigkeit vorangestellt und dann mit der Gerechtigkeit verbunden, wie es heißt: Am Tag, da der Ewige (der Erbarmende), G“tt (der Richter), Erde und Himmel erschuf. [Raschi greift hier einen rabbinischen Gedanken auf, wonach die beiden G“ttesnamen „G“tt“ und „Ewiger“ für die beiden Eigenschaften G“ttes stehen: Gerechtigkeit und Barmherzigkeit].

kahl und leer (Tohu vavohu): Das heißt eigentlich „Staunen“ und „Entsetzen“. Denn ein Mensch hätte über diese Wüstenei gestaunt und wäre entsetzt gewesen.

Geist G“ttes schwebte: Es war der Thron der Herrlichkeit, der aufgrund des Wortes des Ewigen über dem Wasser wie eine Taube über dem Nest schwebte.

über dem Wasser: Das meint natürlich über dem Wasser der Erde.

Da sagte G“tt: „Es soll Licht sein.“ Und es war dann Licht. Und G“tt sah, dass das Licht gut war, und machte einen Unterschied zwischen Licht und Dunkelheit. Und das Licht nannte er „Tag“, die Dunkelheit nannte er aber „Nacht“. Es war Abend, es war Morgen: ein Tag.

dass das Licht gut war: Nach dem einfachen Wortsinn soll es heißen: Das Licht war gut, deshalb sollte es nicht mit der Dunkelheit vermischt werden. Deshalb erhält das Licht den Tag als eigenen Bereich und die Dunkelheit die Nacht. Nach der *Aggada heißt es, dass G“tt sah, dass es nicht gut wäre, wenn das Licht von den Bösen gebraucht würde, weshalb er das erste Licht für die Gerechten in der künftigen Welt zurückbehielt.

ein Tag: Die Aggada erklärt: Eigentlich hätte es, wie an den anderen Tagen auch, erster Tag heißen müssen (wie: zweiter Tag u.s.w.). Es heißt aber ein Tag (jom echad), weil an diesem Tag G“tt noch allein war; die Engel wurden erst am zweiten Tag erschaffen. Deshalb heißt es: der Tag des Einzigen.  [In Anlehnung daran, dass es im Schma Jisrael heißt: G“tt, der Ewige ist einer (echad), oder: der Einzige].

Dann sagte G“tt: „Es soll ein riesiges Gewölbe mitten durch das Wasser gehen und das Wasser zwischen oberem und unterem Wasser trennen.“ Und so geschah es auch: Das Wasser trennte sich in ein oberes und ein unteres Wasser. Und G“tt nannte das Gewölbe Himmel. Es war Abend, es war Morgen: ein zweiter Tag.

Gewölbe: Ein Raum soll fest werden. Denn zuvor war alles flüssig (von Wasser). Wenn in Jov 26,11 steht: Die Säulen des Himmels wackelten den ersten Tag, am zweiten aber erstarrten sie von Seinem Drohen, dann wird genau darauf angespielt: der Raum wird fest.

Durch das Wasser: Die Entfernung des oberen Wassers zum Himmel ist gleich groß wie die Entfernung vom Himmel zum unteren Wasser. Das obere Wasser schwebt aufgrund des Wortes des Ewigen.

Oberes Wasser: Es heißt nicht einfach: das Wasser über dem Gewölbe, sondern oberhalb des Gewölbes. Denn dieses Wasser schwebte weit oben.

Himmel: Das hebräische Wort für Himmel „Schammajim“ lässt sich auch lesen wie: „trage Wasser! oder „dort ist Wasser“ [Der Himmel als Teil, der den Himmel trägt. Raschi führt noch weitere Wortspiele auf].

Ein zweiter Tag: Weshalb heißt es beim zweiten Tag nicht: und es war gut? Weil die Sache mit dem Wasser noch nicht abgeschlossen war. Und was noch nicht vollendet ist, das kann auch nicht als gut gelten. Am dritten Tag wird das Wasser vollendet. Dort heißt es denn auch gleich zweimal „Und es war gut“: einmal für den zweiten, einmal für den dritten Tag.

Dann sagte G“tt: „Es soll sich das Wasser unter dem Himmel an einem einzigen Ort sammeln, damit Trockenes entstehe.“ Und so geschah es: Das Wasser sammelte sich und gab Trockenes frei. Und G“tt nannte das Trockene Land, das gesammelte Wasser nannte er Meere. Und G“tt sah, dass es gut war.

Sammeln: Das Wasser war über die ganze Erde ausgebreitet. Deshalb musste es sich erst in den Ozeanen sammeln.

Dann sagte G“tt: „Die Erde soll sich begrünen und Kräuter, Bäume und Pflanzen hervorbringen.“ Und so geschah es auch: Die Erde wurde grün, und Pflanzen und Bäume, Blumen und Kräuter wuchsen überall auf der Erde. Und G“tt sah, dass es gut war. Es war Abend, es war Morgen: ein dritter Tag.

Begrünen: Mit Begrünen meint man nicht die einzelnen Pflanzen, sondern das Grün, mit dem sich die Erde überzieht. Deshalb nennt der Vers auch die einzelnen Grünpflanzen.

Kraut und Bäume: Das Kraut bringt seinen Samen hervor, um an anderer Stelle auszusäen, die Bäume tragen die Kerne in der Frucht.

Bäume: Eigentlich sollten die Fruchtbäume so schmecken wie ihre Früchte. Aber die Erde hielt sich nicht daran, und so waren die Bäume keine Frucht. Weil die Erde hier gesündigt hat, wird sie später bestraft und verflucht, als der Mensch bestraft wurde.

G“tt sagte: „Es sollen Himmelskörper am Himmel aufleuchten, damit der Tag von der Nacht unterschieden werden kann. Sie sollen Zeichen für die Zeit sein, für den Tag und die Jahre, und sie sollen die Erde beleuchten.“ Und so geschah es: Die Sonne strahlte am Tag, der Mond und die Sterne strahlten in der Nacht. Und sie beleuchteten die Erde und schieden zwischen Licht und Dunkelheit. Und G“tt sah, dass es gut war. Es war Abend, es war Morgen: ein vierter Tag.

Himmelskörper: So wie alles, das Gott erschaffen hat, bereits am ersten Tag erschaffen hat, um es am bestimmten Tag einzusetzen, so auch bei den Himmelskörpern. Sie wurden am vierten Tag zum Schweben gebracht. Das kann man daraus schließen, dass es zu Beginn (1,1) heißt: den Himmel und die Erde (et ha-schammajim we-et ha-aretz).

Unterschieden werden kann: Das weist darauf hin, dass das erste Licht (vgl. Gen 1,1 mit Raschi) zurückgehalten wurde. [Jetzt handelt es sich um das Licht, das den Tag zum Tag macht].

Zeichen: So wie Jer 10,2 sagt: Vor den Zeichen des Himmels müsst ihr euch nicht fürchten, wenn ihr den Willen des Ewigen achtet.

Zeit: Das bezieht sich auf die Zukunft, wenn Jisrael die Festtage einhalten wird.

Dann sagte G“tt: „Das Wasser soll von lebendigen Wesen wimmeln, und über der Erde sollen Vögel durch die Luft fliegen.“ So schuf G“tt die Seetiere und Fische und alle Wesen, die im Wasser schwimmen und wimmeln, und auch die Vögel, die durch die Lüfte fliegen. Und G“tt sah, dass es gut war. Er segnete sie alle und sagte: „Seid fruchtbar und vermehrt euch und füllt die Meere. Auch die Vögel sollen sich über der Erde ausbreiten.“ Es war Abend, es war Morgen: ein fünfter Tag.

Wesen wimmeln: Grundsätzlich werden Lebewesen als wimmelnd bezeichnet, wenn sie sich nicht über die Erde erheben können. Bei den Vögeln z.B. die Fliegen, bei den Kriechtieren z.B. Ameisen, Käfer und Würmer, bei den größeren Tieren z.B. Wiesel, Mäuse und Schnecken und alle Fische. [Dies ist später bei den erlaubten und nichterlaubten Tieren (Lev 11) wieder von Bedeutung].

Die großen Seetiere: Nach dem einfachen Schriftsinn sind damit die großen Fische im Meer gemeint. Die Aggada meint, dass damit Leviathan und sein Weibchen gemeint sei, also Seeungeheuer. Das Weibchen wurde aber bald getötet, damit sie sich nicht vermehren konnten. Denn die Seeungeheuer hätten das Leben auf Erden unmöglich gemacht. Das Fleisch des Weibchens schaffte Gott beiseite für die Gerechten in der künftigen Welt.

Segnete sie: Die Tiere hatten den Segen nötig, denn sie werden gejagt und gegessen. Deshalb bedurften sie des Segens. Es heißt auch fruchtbar und vermehren. Hätte es nur fruchtbar geheißen, hätte eines immer nur eines gezeugt. So zeugte eines viele.

Dann sagte G“tt: „Auch die Erde soll lebendige Wesen hervorbringen.“ Und so geschah es: G“tt machte das Wild und das Vieh und alles Gewürm der Erde, und er sah, dass alles gut war.

Hervorbringen: Dass die Erde hervorbringt, zeigt, was vorher gesagt worden ist: Alles ist am ersten Tag erschaffen, und an den einzelnen Tagen kommen die Dinge hervor.

machte: Er bildete sie in ihrer Schönheit und ausgewachsenen Gestalt.

Dann sagte G“tt: „Wir wollen Menschen machen nach unserem Bild, uns ähnlich, damit sie über die Fische, über die Vögel und über alle Tiere der Erde und über die ganze Erde regieren.“

Wir wollen einen Menschen machen: [Raschi geht auf das Problem des Plurals ein:] Da der Mensch den Engeln gleicht, hätte es leicht passieren können, dass die Engel auf die Menschen neidisch werden. Deshalb hat der Ewige seine Engel um sich versammelt und sich mit ihnen besprochen, so wie es 1Kön 22,19 geschildert wird. Weitere Erklärung: Obwohl dieser Ausdruck für Andersgläubige Gelegenheit bietet zu diskutieren, hält sich die Tora doch nicht zurück, den Plural zu verwenden, weil sie die Demut Gottes zum Ausdruck bringen möchte, dass der Ewige sich auch mit den Kleinen [den Engeln] berät. Außerdem folgt die Antwort auf die Andersgläubigen: „Und G“tt schuf den Menschen“ und nicht: „wir schufen“.

Uns ähnlich: Unterscheiden und verstehen zu können.

Regieren: Den hebräischen Ausdruck für „regieren“ kann man auch als „sinken“ lesen. Daraus kann man folgern: Wenn der Mensch würdig ist, dann regiert er. Ist er nicht würdig, dann wird er den Tieren unterwürfig und sie regieren über ihn.

Und G“tt schuf den Menschen nach seinem Bild, ihm ähnlich, als Mann und Frau schuf er ihn. Und G“tt segnete sie und sagte zu ihnen: „Seid auch ihr fruchtbar und vermehrt euch, füllt die Erde und regiert über die Fische, über die Vögel und über alle Tiere der Erde.“

Nach seinem Bild: Nach der Form, die für den Menschen gebildet war.

Als Mann und Frau: [Raschi geht auf das Problem ein, weshalb hier Mann und Frau zusammen erwähnt werden, während in Gen 2,21 die Frau nach dem Mann aus dem Mann erschaffen wird:] In der Aggada heißt es, dass Gott den Menschen zunächst mit doppeltem Gesicht erschaffen habe, um ihn dann in zwei Menschen zu teilen. Einfacher Wortsinn: Hier heißt es, dass Gott Mann und Frau am selben Tag erschaffen hat, dort (Gen 2) wird berichtet, wie er Mann und Frau erschaffen hat.

Bezwingt sie: Der hebräische Ausdruck ist so in der Tora geschrieben, dass es auch heißen kann: „Bezwinge sie“, also Singular. Dann ist es so zu verstehen: der Mann soll die Frau bezwingen. Und wie die Art des Mannes auch ist zu herrschen, so ist auch nur der Mann zur Fortpflanzung verpflichtet, nicht die Frau. [Hier steht die Halacha im Hintergrund, nach der nur der Mann die Mizwa hat, sich fortzupflanzen, eine Halacha, die sich auf die Familienplanung bis heute auswirkt].

Weiter sagte er: „Seht, ich gebe euch alles Kraut und alle Bäume zum Essen. Aber auch allen Tieren und allen Vögeln gebe ich das grüne Kraut zur Nahrung.“ Und so geschah es. Und G“tt sah alles, was er gemacht hatte, und er sah, dass es sehr gut war. Es war Abend, es war Morgen: der sechste Tag.

Ich gebe euch alles Kraut: G“tt hat sowohl den Menschen als auch den Tieren alles Kraut und alle Früchte zum Essen gegeben. Fleisch sollte noch nicht gegessen werden. Dies ändert sich erst mit den Söhnen Noachs.

Der sechste Tag: Im Gegensatz zur Angabe der anderen Tage heißt es der sechste Tag [mit Artikel], hebräisch mit einem „He“ ausgedrückt. Dieses „He“ hat den Zahlwert 5. Das bedeutet: Am Ende der Erschaffung der Welt setzt G“tt die Bedingung für die Existenz der Welt, dass Jisrael die Tora (=die fünf Fünftel der Tora!) akzeptiert. Andere Erklärung: Der sechste Tag bedeutet der 6. Siwan (=Schavuot, das Fest zur Gabe der Tora). Alles blieb bis zum 6. Tag in der Schwebe, bis Jisrael die Tora annahm.

(2) So wurde Himmel und Erde und alles vollendet. Am siebten Tag vollendete G“tt sein Werk, das er gemacht hatte, und ruhte am siebten Tag von seinem ganzen Werk, das er gemacht hatte. Und G“tt segnete den siebten Tag und heiligte ihn, denn an ihm ruhte er von allem Werk, das er geschaffen hatte.

vollendete G“tt sein Werk: Was fehlte der Welt noch zur Vollendung? Die Ruhe. Und mit dem Schabbat kam die Ruhe.

Segnete und heiligte: Das bezieht sich auf das Man, das die Jisraeliten in der Wüste erhalten sollten: Am sechsten Tag der Woche gab es die doppelte Portion Man, an Schabbat überhaupt keines.

Zusammenfassung:Die Erschaffung der Welt wird zunächst in einem Sieben-Tage-Schema erzählt, wobei der Text großen Wert darauf legt, von der Erschaffung der Welt zu sprechen. G“tt wird als der Schöpfer von allem erklärt. Das ist die besondere Aussage dieses Textes. Aber nicht nur. Auch wird das, was G“tt erschafft, als „gut“ bezeichnet. Das ist wichtig. Denn der Gegensatz Gut – Böse wird hier – noch – nicht erwähnt. Die Welt ist gut. Das richtet sich gegen die Schöpfungsmythen, nach denen bereits durch die Erschaffung der Welt ein gutes und ein böses Prinzip Eingang in die Welt gefunden habe. Es richtet sich aber auch gegen die moderne Vorstellung von der Welt als Zufallsprodukt. Da G“tt die Welt erschaffen hat, ist diese Welt „gut“ in ihrer Anlage. G“tt hat die Welt nicht einfach nur erschaffen, er hat sie auch für „gut“ befunden. Dass der biblische Text sehr wohl „das Böse in der Welt“ kennt, zeigt der weitere Fortlauf des Textes, vgl. Gen 2,3ff.
Aber schon Raschi weist darauf hin, dass nicht jedes Einzelne, das erschaffen worden ist, von G“tt als „gut“ bezeichnet wird und legt das so aus, dass alles, was noch nicht vollendet ist, auch noch nicht als „gut“ bezeichnet werden kann. Das trifft vor allem auf den Menschen zu, der gerade nicht als „gut“ bezeichnet wird. Aber nicht, weil er „böse“ ist, sondern weil er nicht vollendet ist. Der Mensch ist gerade der Teil der Schöpfung, der sich selbst weiter entwickeln muss, in dessen Händen es liegt, wie die Welt weitergeht.
Insofern kann man sagen, dass der Mensch die „Krone der Schöpfung“ ist, aber nicht als ein ‘toller Held´, sondern nur insofern, als er die Verantwortung für die Schöpfung aufgetragen bekommen hat. Die Tora formuliert das natürlich nicht allgemein menschlich, sondern bezieht diese Aussagen immer wieder auf das Volk Jisrael. Die ganze weitere Geschichte nach der Urgeschichte läuft ja darauf hinaus, wie das Volk Jisrael die Tora an die Hand bekommt, um überhaupt dieser Verantwortung gerecht werden zu können.
Bereits Raschi formuliert diese ambivalente (unsichere) Position des Menschen: wenn der Mensch würdig ist, dann kann er über die Tiere regieren, wenn nicht, wird er regiert. Der Mensch zeichnet sich gerade darin aus, dass er nicht wie eine Maschine vorprogrammiert ist, sondern dass er seinen Weg selbst gehen muss. Daher kann der Mensch – anders als das Tier – auch verstehen und unterscheiden. Darin ist der Mensch den Himmlischen ähnlich.
Gleichzeitig ist der Mensch G“tt unähnlich: denn der Mensch ist eine zweifache Größe: er ist männlich und weiblich und nicht einfach nur Mensch. Das ist in zweifacher Weise wichtig in Bezug auf G“tt: Einmal ist der Mensch deshalb zweifach, männlich und weiblich, um von G“tt ganz klar unterschieden zu sein; Raschi sagt dazu: Der Mensch ist deshalb zweifach, damit es nicht heißt: bei den Himmlischen ist G“tt einzig und allein, und bei den Irdischen ist der Mensch einzig und allein. Da würde der Mensch unmittelbar zum Konkurrenten zu G“tt werden. Zum zweiten ist das auf G“tt hin wichtig, weil durch die Zweiheit Ungleichheit in die Welt gebracht wird, und damit Spannungen und Missverständnisse zwischen Menschen aufgebaut werden. Und weil die Menschen dadurch sehr stark mit sich selbst beschäftigt sind, können sie auch nie werden wie G“tt. Das wird vor allem im zweiten Teil der Schöpfungsgeschichte erzählt, wo das Mann-Frau-Verhältnis unter die Lupe genommen wird.

Der erste Mensch im Gan Eden

Das ist die Geschichte von Himmel und Erde, als sie erschaffen wurde: Die Sträucher, Blumen und Pflanzen waren noch nicht gewachsen, da G“tt, der Ewige, noch nicht auf die Erde hatte regnen lassen. Auch gab es noch keinen Menschen, der die Erde hätte bearbeiten können.

Waren noch nicht gewachsen: Sie waren zwar schon erschaffen (nämlich am dritten Tag), aber sie fingen erst am sechsten Tag an zu wachsen. [Hier geht Raschi auf das Problem ein, dass die Reihenfolge in der hiesigen Erzählung anders ist als im Sieben-Tage-Schema zuvor].

Hatte nicht regnen lassen: Er hatte noch nicht regnen lassen, weil der Mensch noch nicht da war, die Erde zu bebauen. Als der Mensch aber einsah, dass der Regen nötig sei, bat er um ihn, und da fiel Regen und die Bäume und Kräuter wuchsen.

Da geschah es, dass Feuchtigkeit aus dem Erdboden hervorkam und das ganze Erdreich nässte. G“tt, der Ewige, nahm vom Staub und von der feuchten Erde und bildete daraus den Menschen. Dann blies er den Lebensgeist in die Nase des Menschen, so dass der Mensch zu einem lebendigen Wesen wurde.

Feuchtigkeit: Damit G“tt den Menschen aus feuchter Erde bilden konnte.

bildete: Im Hebräischen mit einem doppelten „Jod“ geschrieben, weil G“tt den Menschen doppelt bildete: eine Bildung für diese Welt, eine für die Belebung der Toten. Deshalb ist beim Bilden der Tiere nur ein „Jod“ geschrieben, weil sie nicht für die Wiederbelebung bestimmt sind.

blies er den Lebensgeist: G“tt schuf den Menschen irdisch und himmlisch: den Körper aus Irdischem und die Seele aus Himmlischem. Dies erklärt sich auch aus den Schöpfungstagen: am ersten Himmel und Erde, am zweiten den Raum für die Himmlischen, am dritten das Trockene für das Irdische, am vierten die Lichter für die Himmlischen, am fünften die Wasser für die Irdischen. Deshalb musste am sechsten Tag Himmlisches und Irdisches im Menschen erschaffen werden, da sonst Neid zwischen den Himmlischen und Irdischen entstanden wäre.

Lebendiges Wesen: Auch Tiere werden lebendige Wesen genannt. Aber beim Menschen ist es die höchste Steigerung des Lebens, da der Mensch mit Vernunft und Sprache ausgestattet ist.

Nachdem er nun den Menschen gebildet hatte, pflanzte G“tt, der Ewige, einen Garten in Eden und setzte in diesen Garten den Menschen. G“tt, der Ewige, ließ allerlei Bäume in diesem Garten wachsen, schön anzusehen und die Früchte gut zum Essen, auch den Baum vom Leben und den Baum von der Erkenntnis des Guten und Bösen pflanzte er inmitten dieses Gartens…

G“tt, der Ewige, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit dieser ihn bearbeiten und bewachen konnte. Und G“tt, der Ewige, befahl dem Menschen: „Von allen Bäumen in diesem Garten magst du essen und es dir schmecken lassen. Aber von dem Baum von der Erkenntnis des Guten und Bösen, von diesem Baum sollst du nicht essen. Denn sobald du davon auch nur eine Frucht nimmst, wirst du sterben.“

Nachdem der Mensch in den Garten Eden gesetzt worden war, sagte G“tt: „Es ist nicht gut, dass der Mensch so ganz allein für sich ist. Ich will ihm eine Hilfe machen, die zu ihm passt.“

Es ist nicht gut: Damit man nicht sagen kann: Schau, im Himmel ist einer und einzig und ohne Zweiten und auf Erde ist auch einer und einzig und ohne Zweiten. [Damit würde der Mensch zum Konkurrenten von G“tt. Deshalb ist der Mensch zweigeschlechtlich geschaffen].

Hilfe machen: [Der hebräische wörtliche Ausdruck heißt „eine Hilfe, ihm gegenüber“. Daraus entnimmt Raschi:] Wenn der Mensch Glück hat, ist sie ihm eine Hilfe, hat er aber nicht Glück, so stellt sie sich ihm entgegen.

So bildete G“tt, der Ewige alle Tiere und alle Vögel aus der Erde und brachte sie vor den Menschen, um zu sehen, wie er sie nennen würde.

Bildete G“tt: Das ist genau die Erschaffung der Tiere, wie sie schon oben beschrieben ist.

Denn so, wie der Mensch die Tiere benannte, so sollten sie auch für immer heißen. Da gab der Mensch also allen Tieren ihre Namen. Aber eine Hilfe, die zu ihm passte, fand er nicht.

Fand er nicht: Als G“tt die Tiere zum Menschen brachte, brachte er sie paarweise. Da sagte der Mensch: Alle haben einen Partner, nur ich nicht.

Da schließlich brachte G“tt, der Ewige, einen tiefen Schlaf über den Menschen und nahm etwas aus der Seite des Menschen, verschloss die Stelle, baute das zu einer Frau und brachte die Frau zum Menschen.

Tiefen Schlaf: Damit der Mensch das Stück Fleisch nicht sehe, mit dem die Frau geschaffen worden ist. Sonst würde sie ihm nur verächtlich werden.

Aus der Seite: Wie vorher gesagt: Zwei Gesichter waren geschaffen worden, die jetzt getrennt werden.

Da sagte der Mensch: „Dieses Mal ist es endlich ganz von mir. Sie soll ‘Frau´ heißen, weil sie vom ‘Mann´ ist.“ Das ist auch der Grund, weshalb der Mann seinen Vater und seine Mutter verlässt, um mit seiner Frau zusammensein zu können und mit ihr *Kinder zu haben*.

Soll Frau heißen: [Hebräisch heißt ‘Mann´ ‘isch´ und ‘Frau´ ‘ischa´. Aufgrund dieses Wortspiels folgert Raschi:] Daran erkennt man, dass die Welt in der heiligen Sprache (Hebräisch) erschaffen worden ist.

Weshalb der Mann: Das sagt der göttliche Geist, weil er auch den Söhnen Noachs [d.h. den Nichtjuden] die nahen Verwandten verbieten will. [Raschi zielt bei dieser Aussage also auf das Inzestverbot]

Mit ihr Kinder zu haben: [Im Hebräischen: werden zu einem Fleisch. Dies deutet Raschi:] In den Kindern, die beide bekommen, werden sie zu einem Fleisch.

Und die beiden waren nackt, der Mensch, Adam, und seine Frau. Aber sie hatten noch keine Scham voreinander.

Noch keine Scham: Sie kannten noch keine Keuschheit, um zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können. Und das, obwohl sie schon Verstand hatten, um Tieren einen Namen geben zu können. Aber es fehlte noch der „böse Trieb“, der erst kam, als sie von der Frucht gegessen hatten.

Zusammenfassung: Nun erhält der Mensch sein Gegenüber, die Frau, der Mensch wird also in der Zweigeschlechtlichkeit begründet, doch wird dieses Gegenüber nach der Übertretung sofort in der Schuldzuweisung missbraucht: Die Frau, die du mir gegeben hast, ist schuld, dass ich von der Frucht gegessen habe. Von einem gemeinsamen Tun ist da wenig zu spüren, vielmehr von einem Gegeneinander. Für G“tt ist das die beste Garantie dafür, dass der Mensch nicht G“tt gleich wird. Dieses Thema wird später im Turmbau zu Bavel noch einmal breit aufgegriffen.

Die Übertretung des Gebots

(3) Die Schlange war schlauer als alle anderen Tiere, die G“tt, der Ewige, gemacht hatte. Sie sprach zu der Frau:

listiger: Eigentlich hätte hier anschließen sollen, dass G“tt ihnen Felle gab und sie bekleidete. Aber diese Erzählung ist dazwischengeschaltet, um klar zu machen, welchen Plan die Schlange hatte: Sie sah nämlich die beiden nackt beim Geschlechtsverkehr und wurde lüstern auf die Frau. [Im Hebräischen ist „listig“ und „nackt“ dasselbe Wort].

„Hat G“tt zu euch wirklich gesagt, dass ihr von keinem Baum im Garten essen dürft?“

Von keinem Baum: Obwohl die Schlange sah, dass die Menschen von den Bäumen aßen, redete sie auf die Frau ein, um die Rede auf den Baum in der Mitte zu bringen.

Da sagte die Frau: „Wir dürfen von den Früchten essen, ja, aber nur von dem Baum in der Mitte des Gartens, davon dürfen wir nicht essen, nicht einmal berühren dürfen wir ihn. Wir müssen sonst sterben, hat G“tt gesagt.“

Nicht einmal berühren: Das fügte die Frau zum Verbot dazu, deshalb verstieß sie gegen das Verbot, so wie es Spr 30,6: Füge seinem Wort nichts hinzu.

Darauf erwiderte die Schlange zur Frau: „Ach was. Ihr werdet nicht sterben! Und auch G“tt weiß ganz genau, dass euch die Augen aufgehen werden und ihr, wie G“tt selbst, Gutes und Böses erkennen könnt, wenn ihr davon esst.“

Ihr werdet nicht sterben: Die Schlange stieß die Frau solange, bis sie den Baum berührte, um ihr anzuzeigen, sowenig wie es eine Todesstrafe auf Berührung gibt, sowenig auf den Genuss der Früchte.

G“tt weiß: Die Schlange sagte zur Frau: Jeder Handwerker hasst seinen Zunftgenossen. G“tt hat vom Baum gegessen und eine Welt erschaffen, nun hat er Angst vor einem Rivalen, der vom Baum isst und ebenfalls Welten schaffen kann.

Wie G“tt selbst: Nämlich Schöpfer von Welten zu sein

Da sah die Frau den Baum in der Mitte des Gartens genauer an und sah, dass die Früchte sehr süß aussahen und dass sie bestimmt sehr gut schmecken würden. Schließlich nahm sie eine Frucht von diesem Baum und aß sie. Auch ihrem Mann, der bei ihr stand, gab sie eine Frucht, und auch er aß davon.

Da sah die Frau: Das bedeutet, dass sie die Worte der Schlange akzeptierte. Denn sie gefielen ihr und sie schenkte ihnen Glauben.

Für die Augen: So wie die Schlange vorher sagte: euch werden die Augen aufgehen.

Sehr gut schmecken: Und dass es gut sei, so zu sein wie Gott.

Auch ihrem Mann: Sie hatte Angst, dass er sonst am Leben bleiben und sich eine andere Frau nehmen würde.

Da gingen ihnen plötzlich die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Deshalb flochten sie sich Feigenblätter zusammen und machten sich Schürzen, um sich an ihrer Scham zu bedecken.

Die Augen auf: Das bezieht sich auf das Erkennen, nicht auf das Sehen.

Sie erkannten: Auch der Blinde weiß, dass er nackt ist, was bedeutet es also? Sie hatten eine Pflicht, ein Gebot nicht zu übertreten, aber sie „entkleideten“ sich von dieser Pflicht.

Feigenblätter: Derselbe Baum, von dem sie gegessen hatten. Durch das sie verdorben wurden, durch das wurde ihnen geholfen. Aber der Baum ist im Hebräischen nicht ganz klar genannt, weil der Ewige nicht wollte, dass eines seiner Geschöpfe gekränkt würde.

Irgendwann hörten sie die Stimme G“ttes, des Ewigen. Er wanderte in der Kühle des Abends durch den Garten. Schnell versteckten sie sich, Adam und seine Frau, vor G“tt, dem Ewigen, hinter Büschen, irgendwo im Garten.

Da rief G“tt, der Ewige, nach Adam und sagte: „Wo bist du denn, Adam?“ Und der antwortete: „Ich habe deine Stimme im Garten gehört, und da fürchtete ich mich, weil ich doch nackt bin, und deshalb habe ich mich vor dir versteckt.“

Wo bist du: G“tt kannte den Aufenthalt der Menschen, aber er fragte nur, um ein Gespräch zu beginnen. Er wollte nicht, dass sie sich erschrecken, wenn er ihnen die Strafe verkündete.

Darauf sagte G“tt, der Ewige, streng zu Adam: „Wer hat dir denn gesagt, dass du nackt bist? Hast du etwa von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe?“ Ganz leise antwortete Adam: „Diese Frau, die du mir gegeben hast, die hat mir von diesem Baum gegeben. Ich habe dann eben gegessen.“

Wer hat dir gesagt: Woher weißt du, welche Schamesröte den Nackten trifft?

Diese Frau: Damit weist er die Wohltat, die ihm erwiesen worden ist, von sich.

Daraufhin sagte G“tt, der Ewige, zur Frau: „Was hast du da getan?“ Schnell erwiderte die Frau: „Die listige Schlange, die hat mich irre gemacht. Und ich habe dann von dem Baum gegessen.“

Da wandte sich G“tt, der Ewige, endlich der Schlange zu und sagte: „Weil du das getan hast, sollst du von allen Tieren des Feldes verflucht sein: Fortan sollst du auf dem Bauch kriechen, und Staub sollst du fressen, solange du lebst.“

Weil du das getan hast: Daraus erkennt man, dass man für einen Verführer nichts Entlastendes sucht. [Die Schlange hatte keine Gelegenheit, sich zu verteidigen].

Auf dem Bauch: Die Schlange hatte also zuvor Füße, die ihr nun abgeschlagen wurden.

Und zur Frau gewandt sagte er: „Du wirst viel Ärger mit deinen Kindern haben, schon das Gebären wird für dich sehr beschwerlich sein. Nach deinem Mann wird’s dich drängen, doch der will nur immerzu herrschen über dich.“

Ärger: Bei der Erziehung der Kinder.

Nach deinem Mann: Du willst zwar mit ihm schlafen, aber du wirst dich nicht trauen, ihn mit Worten darum zu bitten. Vielmehr wird er über dich herrschen und er allein wird darüber bestimmen.

Und zu Adam gewandt sagte er: „Weil du auf deine Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem zu essen ich dir verboten habe, soll der Erdboden um deinetwillen verflucht sein: Mit großer Mühe sollst du dich von ihm ernähren, Dornen und Disteln sollen dir die Arbeit auf dem Feld erschweren. Dein Brot sollst du dir hart verdienen müssen, bis du zur Erde zurückkehren wirst, von der ich dich genommen habe. Denn Staub bist du, und zu Staub sollst du wieder werden.“

Verflucht sein: Die Erde wird Allerlei hervorbringen, wie Fliegen, Flöhe, Ameisen.

Kraut des Feldes: Was ist hier die Verwünschung, wo ihm doch alles Kraut zum Essen zur Verfügung steht? Wenn du deine Kräuter und Früchte säst, werden Dornen und Disteln wachsen und andere wilde Kräuter. Und gegen deinen Willen wirst du das, was du nicht gesät hast, essen.

Adam gab seiner Frau den Namen Chava, da sie die Mutter von allen Menschen wurde.

Adam gab seiner Frau: Nun kehrt die Geschichte zum eigentlichen Thema zurück, nämlich zur Namensgebung. Die Geschichte ist nur deshalb unterbrochen, weil oben erwähnt war, dass die beiden nackt waren. Daran schloss sich die Geschichte mit der Schlange an, die die beiden beim Geschlechtsverkehr beobachtete und ein Verlangen nach der Frau hatte, weshalb sie einen Plan ausheckte. [Es ist sehr bemerkenswert, wie Raschi hier mit literarischen Kriterien hantiert und genau bemerkt, dass es Hauptstränge und Nebenstränge in einer Erzählung geben kann.]

Jenseits von Eden

Danach machte G“tt, der Ewige, für Adam und Chava Röcke aus Fellen und bekleidete sie damit. Und er sagte: „Nun, da der Mensch wie wir geworden ist und Gutes und Böses erkennen kann, schicke ich ihn aus dem Garten Eden fort, damit er nicht auch noch vom Baum des Lebens isst und so etwa ein ewiges Leben erlangen könnte.“

Wie wir geworden: Durch das Unterscheiden von Gut und Böse ist der Mensch einzigartig unter den Irdischen, wie ich einzigartig unter den Himmlischen bin.

Damit er nicht auch noch: Denn dann würde er ewig leben und den Geschöpfen weismachen können, dass er ein Gott sei.

Und G“tt, der Ewige, schickte Adam und seine Frau Chava aus dem Garten Eden fort, damit er die Erde bearbeiten kann, von der er genommen wurde. Und so vertrieb er sie aus dem Garten und ließ zum Osten hin Keruven aufstellen, die mit flammenden Schwertern den Baum des Lebens bewachten.

Keruven: Das sind Engel der Zerstörung.

Zusammenfassung: In diesem Sinn ist auch das Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen, zu verstehen: Durch die Übertretung des Verbotes erkennen sich nun Mann und Frau als je unterschiedliche Wesen („sie erkannten, dass sie nackt waren“) und treten durchaus in Konkurrenz zueinander auf. Das musste natürlich ein göttliches Verbot sein, weil dadurch es G“tt selbst ist, der den Menschen mit dieser Erkenntnis ausgestattet hat, und nicht der Mensch, der sich selbst diese Erkenntnis bringt. Denn hätte der Mensch quasi von sich aus das Böse erkannt, wäre der Mensch der Schöpfer des Bösen geworden, und damit der Mensch zum Gegenspieler G“ttes.  
Obwohl sich diese Übertretung sehr negativ anhört und Adam und Chava für diese Tat sehr gescholten wurden, hat es etwas Positives: Der Mensch kann erkennen, er kann unterscheiden, er hat die Freiheit, dies oder jenes zu tun, je nach Einsicht. Der Mensch ist gerade dadurch eben keine vorprogrammierte Maschine, sondern kann nun endlich seine Verantwortung für sich und die Schöpfung erst richtig wahrnehmen, indem er, aufgrund eigener Erkenntnis, seinen eigenen Weg finden muss.

Qain und Hevel

(4) Adam und Chava lebten zusammen. Und Chava wurde schwanger und gebar einen Sohn, den sie Qain nannte. Einige Zeit später wurde sie wieder schwanger und gebar wieder einen Sohn. Den nannte sie Hevel. Beide wuchsen heran und wurden erwachsen. Hevel wurde Schafhirte, Qain dagegen wurde ein Ackerbauer.

Lebten zusammen: Sie hatten schon im Gan Eden miteinander geschlafen und Kinder bekommen.

Den: [Im Hebräischen gibt es in diesem einen Satz drei Akkusativpartikel. Diese deuten nach traditioneller Auslegung darauf hin, dass etwas Weiteres mitgesagt werden soll, deshalb folgert Raschi:] Die drei Akkusativpartikel sind Hinzufügungen. Das lehrt uns, dass mit Qain eine Zwillingsschwester geboren wurde und mit Hevel zwei Mädchen.

Erworben: [Die beiden Wörter „Qain“ und „erworben“ sind im Hebräischen sehr ähnlich, deshalb wird der Name entsprechend begründet].Chava sagte zu Adam: Als der Ewige uns erschuf, erschuf er allein. Nun, bei diesem Kind sind wir beide Partner vom Ewigen.“

Schafhirte: Weil der Erdboden verwünscht worden war, trennte sich Hevel von dessen Bearbeitung. [Dies wirft bereits ein negatives Licht auf Qain, da er sich nicht abwandte].

Eines Tages brachte Qain von den Früchten der Erde ein Geschenk dem Ewigen. Und auch Hevel brachte von den Erstlingen seiner Herde ein Geschenk, von den Besten nahm er sie. Da wandte sich aber der Ewige nur Hevel und seinem Geschenk zu und freute sich über sie.

Von den Früchten: Von den schlechten Früchten. [Weil es bei Hevel heißt, dass er vom Besten nahm, schlussfolgert Raschi, dass Qain schlechte Früchte nahm.]

Wandte sich: Ein Feuer kam vom Himmel und verzehrte das Geschenk.

Zu Qain dagegen wandte er sich nicht, auch freute er sich über sie nicht. Das verärgerte Qain sehr, und er war sehr traurig darüber. Aber der Ewige sagte zu Qain: „Warum lässt du deinen Kopf hängen und bist so traurig? Es gibt keinen Grund dafür. Denn hast du recht gehandelt, so kannst du hoch erhobenen Hauptes gehen. Wenn du aber nicht recht gehandelt hast, so wartet die Sünde schon auf dich und bedrängt dich. Aber denk daran: Du kannst sie beherrschen, wenn du es nur willst.“

Bedrängt dich: Das ist der böse Trieb, der immerzu danach verlangt, jemanden zum Straucheln zu bringen.

Daraufhin begann Qain mit seinem Bruder Hevel *einen Streit* und sie gingen gemeinsam aufs Feld. Dort überfiel Qain seinen Bruder und erschlug ihn.

Einen Streit: Qain begann mit Streit, um einen Grund zu haben, seinen Bruder umzubringen.

Der Ewige sagte zu Qain: „Qain, wo ist dein Bruder?“ Der aber antwortete: „Was weiß ich! Soll ich etwa der Aufseher für meinen Bruder sein?“

Wo ist dein Bruder: Der Ewige sprach zunächst beruhigende Worte, damit Qain die Möglichkeit habe, seine Tat einzugestehen.

Der Ewige aber sagte: „Was hast du da getan? Das Blut deines Bruders schreit von der Erde bis zu mir herauf! Deshalb sollst du verflucht sein. Für dich wird der Erdboden nichts mehr hergeben. Du wirst auf der Erde herumirren und überall flüchtig sein, keine Ruhe wirst du mehr finden!“

Blut: Das ist im Hebräischen im Plural formuliert. Dafür gibt es mehrere Erklärungen: Hevels Blut und das Blut seiner Nachkommen, oder: Qain hatte viele Wunden geschlagen, weil er nicht wusste, durch welchen Schlag er ihn töten könnte.

Nichts mehr hergeben: Damit wurde sowohl Qain bestraft als auch der Erdboden selbst, der wieder gesündigt hatte, weil er den Mund öffnete, um das Blut zu empfangen (wie es ausführlich im Text der Tora steht)

Da fing Qain zu weinen an und wimmerte: „Hab ich denn so Schlimmes getan, dass du mir nicht mehr verzeihen kannst? Schau: ich soll vor dir flüchten, mich vor dir verstecken. Jeder, der mich findet, kann mich erschlagen. Ich bin doch schutzlos jedem ausgeliefert!“ Daraufhin sagte der Ewige zu Qain: „Jeder, der Qain erschlägt, soll dafür siebenfach gestraft werden.“ Und der Ewige machte dem Qain ein Zeichen, das ihn vor anderen schützen sollte.

Nicht mehr verzeihen: [Wörtlich heißt es Hebräisch: dass du meine Schuld nicht mehr tragen kannst]. Du trägst den Himmel und die Erde, aber meine Schuld kannst du nicht mehr tragen? [So fragt Qain den Ewigen].

Siebenfach gestraft: Die Strafe selbst wird aber nicht erklärt.

Ein Zeichen: Der Ewige zeichnete einen Buchstaben aus dem Namen G“ttes auf seine Stirn.

So zog Qain fort vom Ewigen und ließ sich im Osten des Gartens Eden nieder. Dort lebte er mit seiner Frau zusammen, und die gebar ihm einen Sohn, der Chanoch genannt wurde.

Im Osten: Die Ostseite nimmt immer die Vertriebenen auf. Auch Adam ließ sich im Osten des Gartens nieder. Und Mosche bestimmte Zufluchtsstädte zunächst östlich des Jarden (vgl. Dtn 4,41).

Wie die Welt bevölkert wurde

(5) Nachdem nun Qain seinen Bruder Hevel erschlagen hatte, gebar Chava, die Frau von Adam, noch einmal einen Sohn, den sie Seth nannte. Auch viele weitere Kinder, Söhne und Töchter, gebar Chava noch, von denen wir die Namen nicht mehr kennen. Und auch Qain und Seth und all die anderen Kinder von Adam und Chava bekamen selbst wiederum Kinder, und auch die wiederum hatten Kinder und so immer fort. Und die Erde bevölkerte sich auf diese Weise immer mehr und Menschen wohnten schließlich überall auf der Erde verstreut.

Aber die Menschen waren nicht immer gut zueinander. Sie stritten sich, belogen sich, betrogen und machten Dinge, die G“tt, dem Ewigen, sehr missfielen.

Da bereute der Ewige sehr, dass er die Erde und die Tiere und die Menschen erschaffen hatte, und er war sehr betrübt.

Bereute: Nicht bereuen, sondern: der Ewige tröstete sich damit, dass er den Menschen unter den Irdischen und nicht unter den Himmlischen erschaffen hatte.

Betrübt: Der Ewige beschloss, den Menschen zu betrüben, so übersetzt Onkelos, eine alte aramäische Übersetzung. Andere Möglichkeit: Er überlegte, was er mit dem Menschen anfangen solle. Andere Möglichkeit: Er trauerte, weil das Werk seiner Hände nun untergehen soll.

Da sprach der Ewige: „Ich will den Menschen, den ich erschaffen habe, vom Erdboden vertilgen. Und nicht nur den Menschen, sondern alles, was ich erschaffen habe, das Vieh bis hin zum Gewürm und die Vögel des Himmels, alles. Denn ich bereue sehr, dass ich sie erschaffen habe.“ Allein Noach fand Gefallen in den Augen des Ewigen.

vertilgen: Es steht hier hebräisch nicht „vertilgen“ oder „vernichten“, sondern „auflösen“. Denn der Mensch ist Staub und der Ewige lässt Wasser über die Erde kommen, dass sich der Mensch einfach auflöst.

Das Vieh: Weshalb das Vieh: weil es nur um des Menschen willen geschaffen worden war. Wenn der Mensch nun nicht mehr ist, dann muss das Tier  auch nicht mehr sein.

Zusammenfassung: Die „menschliche“ Geschichte wird nach dem Rauswurf aus dem Gan Eden sofort weitererzählt in der Geschichte von Qain und Hevel. Nach dieser Geschichte liegt die menschliche Problematik genau darin, dass man die eigene Unzulänglichkeit nicht bei sich selbst sucht, sondern stets einen anderen dafür verantwortlich macht. Denn es war Qain, der (nach Raschi) die schlechten Früchte zum Geschenk für G“tt machte, nicht Hevel. Und weil Qain von G“tt dafür mit Nichtbeachtung gestraft wurde, lenkte er seinen Zorn auf seinen Bruder Hevel und erschlug ihn. Aber G“ttes Rede an Qain bringt deutlich zum Ausdruck: das ist kein Automatismus, du musst das nicht so machen, deine Freiheit besteht genau darin, dieses Verlangen, andere stets für dich in die Verantwortung zu ziehen, zu beherrschen. Schließlich hast du Verstand und du kannst erkennen und unterscheiden, was richtig und falsch, was gut und böse ist. Gleichwohl wird Qain von G“tt nicht einfach nur verlassen, sondern gleichermaßen von ihm geschützt und mit dem „Kainsmal“ ausgestattet.
Wurde Qain trotz seiner Tat von G“tt noch geschützt, so soll das keine Garantie für den Übeltäter sein. Das zeigt die Hinführung zur „Sintflutgeschichte“, wo es heißt, dass es den Ewigen „gereute“, die Menschen gemacht zu haben und dass er deshalb die ganze Schöpfung wieder rückgängig machen möchte. Das böse Treiben der Menschen ist demnach zu groß geworden. Das bedeutet also, dass der Mensch seine Freiheit nicht ins Unendliche ausziehen kann, er muss sich seiner Verantwortung stellen, damit nicht unschuldig Andere darunter leiden müssen, wenn er sich seiner Verantwortung gänzlich entzieht.
Man kann sich nun fragen, was die Generationen vor der „Sintflut“ (mabbul) von denen nach der Mabbul unterscheiden. Schließlich geht es nach der Mabbul gleich weiter mit der Geschichte vom Turmbau zu Bavel. Unsere Rabbinen haben das schön deutlich gemacht: Die Generationen vor der Mabbul haben sich gegenseitig fertig gemacht (gemordet, gestohlen usw.), die Generation des Turmbaus hat sich dagegen zusammengetan, um einen Turm zu bauen. Es ist also etwas passiert, das die Menschen zusammenführte. Und das ist zum einen, dass G“tt eine Berit (einen Bund) mit den Menschen geschlossen hat, G“tt begleitet den Mensch nun also auf seinem Weg, und zum anderen sind im Rahmen der Berit erste minimale Vorschriften erlassen worden (die sogenannten noachidischen Gebote). Damit wird das menschliche Zusammenleben auf einen wenigstens minimalen geregelten Sockel gestellt und ist nicht mehr der völligen Willkür ausgesetzt. Das ist denn auch die Voraussetzung für die dauerhafte Existenz der Welt.

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