Paraschat Wajigasch

Wajigasch PDF

Jehuda vor Josef

(44,18) Da trat Jehuda vor Josef und sagte: „Mein Herr! Bitte lass mich etwas erklären, ohne dass du zornig wirst! Als du uns gefragt hattest, ob wir noch Verwandte in unserer Heimat hätten, da gaben wir an, dass wir noch einen Vater daheim hätten und einen Bruder, der einzige, der von seiner Mutter übriggeblieben ist: ein Bruder ist schon längst tot. Und wie du das erfahren hast, hast du von uns verlangt, dass wir diesen unseren Bruder zu dir bringen sollen. Ohne ihn würden wir kein Getreide von dir erhalten. Als wir nun in unsere Heimat kamen und unserem Vater berichteten, was du von uns forderst, da wurde unser Vater sehr traurig. Denn der Jüngste war ihm der einzig verbliebene Sohn in der Heimat. So blieben wir also in unserer Heimat, bis unser Vater wiederum zu uns sagte, dass wir nach Ägypten ziehen, da das Getreide und alle Nahrungsmittel zur Neige gingen, und uns mit Vorräten eindecken sollen. Da sagten wir unserem Vater, dass wir ohne unseren jüngsten Bruder nicht nach Ägypten würden ziehen können, denn du verlangtest von uns ja, dass wir diesen Bruder mitbringen sollten. Da fing unser Vater zu weinen an, denn es wäre ihm ein Arges gewesen, den Jüngsten fortziehen zu lassen und ihn vielleicht nie wieder zu sehen. Da sagte ich meinem Vater, dass ich mich für den jüngsten Bruder verbürgen und dafür sorgen würde, dass er ganz sicher zu seinem Vater heimkehren kann. Wenn nicht, sollte ich vor meinem Vater so dastehen, als hätte ich das schwerste Verbrechen begangen. Und deshalb bitte ich dich, mein Herr: Lass meinen jüngsten Bruder ziehen, und behalte mich an seiner Statt als Sklave bei dir. Du weißt, dass ich es nicht aushalten könnte, ohne meinen Bruder vor meinen Vater zu treten. Wie könnte ich das Leid meines Vaters sehen?“

Josef gibt sich zu erkennen

(45) Als Josef das hörte, konnte er sich nicht länger verstellen. Doch waren zu viele Leute um ihn herum, so dass er befahl: „Geht hinaus! Alle! Nur ihr Brüder aus Kenaan bleibt hier.“ Und alle Bedienstete des Hofes verließen den Raum, so dass sich nun endlich Josef seinen Brüdern zu erkennen geben konnte. Er brach in ein lautes Weinen aus, so laut, dass es sogar noch der Pharao hören konnte. Und zu seinen Brüdern sagte er: „Ich bin Josef! Hört ihr? Euer Bruder. Sagt mir schnell: Lebt mein Vater noch?“ Aber seine Brüder standen um ihn herum und starrten ihn nur an, so überrascht und beschämt waren sie von dieser Neuigkeit. Und Josef forderte sie auf: „Auf, kommt her.“ Da kamen sie langsam näher. Und Josef rief noch einmal: „Ich bin Josef, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt, erinnert ihr euch noch? Aber macht euch keine Gedanken, ich bin euch nicht mehr böse, auch wenn es nicht gerade nett von euch war. Aber immerhin: G“tt hat es so eingerichtet: Denn nun kann ich euch in eurer Not retten. Und ich sage euch: Die Hungersnot wird sich noch eine ganze Weile hinziehen, mindestens fünf Jahre noch. Da gibt es nichts zu säen und nichts zu ernten. Nur meine Vorratskammern sind voll. Deshalb sage ich: Nicht ihr habt mich nach Ägypten gebracht, sondern G“tt selbst. Er hat mich hierher gesandt, damit ich euch nun am Leben erhalten kann. Aber jetzt was anderes: Kehrt schnell um, eilt zu unserem Vater und sagt ihm, dass ich Herr über Ägypten geworden bin und dass er so schnell wie möglich nach Ägypten kommen soll. Er soll nicht zögern. Denn ich habe vor, euch einen kleinen Landstrich weiter südlich zu überlassen, der Landstrich heißt Goschen, und ihr sollt euch mit euren Herden und allem, was euch gehört, dort niederlassen, damit ich euch immer in meiner Nähe habe. Und ich werde dort für euch sorgen die ganzen langen Jahre hindurch, in denen noch Hungersnot sein wird. Nun also auf: Bringt unseren Vater hierher.“

Nach dieser Rede fiel Josef seinem Bruder Benjamin um den Hals. Und beide weinten. Danach küsste er alle anderen Brüder und alle weinten und umarmten sich und erzählten sich, was sie seit damals, als sie ihn verkauft hatten, erlebten.

Und es ging nicht lange, da wurde am Hof des Pharao gemunkelt, dass Josefs Brüder in Ägypten angekommen seien. Und als sich dieses Gerücht Pharao bestätigen ließ, da freute sich auch Pharao mit Josef über diese Neuigkeit und ließ ihm ausrichten, dass seine Brüder schleunigst in ihre Heimat reisen sollten, alles, was sie in ihrer Heimat noch hätten, einpacken und auf Kamele schnüren und nach Ägypten reisen sollten. Denn er, Pharao, wolle seiner Familie das Schönste im Land Ägypten geben und sie solle das Beste zu essen erhalten.

Und so gab Josef seinen Brüdern auf Pharaos Befehl Wagen und genügend Nahrung für die Reise nach Kenaan. Darüber hinaus schenkte er den Brüdern schöne Kleidung, dem Benjamin aber gab er noch reichlich Geld und auserlesene Gewänder. Auch dem Vater ließ er Geschenke vorausschicken: Nämlich zehn Esel, die mit den besten Erzeugnissen Ägyptens beladen waren, und zehn Eselinnen, die mit Getreide, Brot und anderen Nahrungsmitteln bepackt waren. So entließ er die Brüder.

Jaaqov reist nach Ägypten

Und so zogen die Brüder aus Ägypten und kamen in ihre Heimat Kenaan, zu ihrem Vater Jaaqov. Und kaum dass sie ihn sahen, begannen sie sofort zu erzählen, dass Josef gar nicht tot sei, sondern noch lebe, mehr noch, dass er wie ein Herrscher in Ägypten sei und das Sagen dort habe. Aber Jaaqov wollte von all dem nichts wissen, er glaubte ihnen ihre Geschichten nicht. Aber sie schilderten alles, was sie mit Josef erlebt und was er mit ihnen gesprochen hatte, und als Jaaqov dann auch noch den Wagen sah, mit dem seine Kinder ihn nach Ägypten bringen sollten, da erwachte allmählich sein Geist, und seine Augen leuchteten, und Jisrael sagte: „Genug der Trauer! Mein Sohn Josef lebt. Und wir wollen uns aufmachen, damit ich ihn noch sehen kann, bevor ich sterbe.“

(46) Und so brach Jisrael mit allem auf, was er hatte. Zunächst kam er in Beersheva vorbei, dort brachte er ein Geschenk für den G“tt seines Vaters Jizchaq. Da sagte G“tt zu Jisrael in einer nächtlichen Erscheinung: „Ich bin G“tt, der G“tt deines Vaters. Hab keine Angst, nach Ägypten zu reisen. Denn ich möchte dich zu einem großen Volk machen. Ich werde mit dir nach Ägypten hinabziehen, ich werde dich aber auch wieder aus Ägypten herausführen. Josef wird dir die Augen zudrücken.“

Da machte sich Jaaqov von Beersheva auf. Und die Söhne Jisraels führten ihren Vater, ihre Kinder und Frauen auf den Wagen nach Ägypten. Und sie nahmen alles mit, was sie in Kenaan hatten, und so kamen sie in einer großen Karawane in Ägypten an, Jaaqov und all die Seinen. Alle brachte er mit: seine Söhne, seine Enkel, seine Töchter und Enkelinnen, alle brachte er mit (…)

Bevor Jaaqov aber bei Josef angekommen war, schickte er Jehuda voraus, damit er ihnen den Weg in das Land Goschen zeige. So kamen sie also im Land Goschen an. Und Josef spannte seinen Wagen an und fuhr seinem Vater entgegen. Und als Jaaqov seinen Sohn Josef erkannte, warf er sich um dessen Hals und weinte lange Zeit. Dann sagte Jisrael zu Josef: „Nun, da ich dich noch einmal gesehen habe, will ich gerne sterben.“ Josef sagte daraufhin: „Ich will gehen und dem Pharao alles berichten. Er soll wissen, dass mein Vater und alle meine Brüder zu mir gekommen sind, und sie sind mit allem, was sie haben, gekommen, auch mit ihren Herden. Und deshalb,“ fügte Josef noch hinzu, „sagt dem Pharao, wenn er nach eurem Beruf fragt, dass ihr schon immer Viehzüchter gewesen seid. Denn wenn ihr das sagt, könnt ihr hier im Land Goschen bleiben. Ihr müsst nämlich wissen, dass die Ägypter Schafhirten nicht sonderlich mögen und sie deshalb lieber etwas außerhalb ansiedeln, also auch in Goshen.

Jaaqov bei Pharao

(47) So machte sich also Josef auf, um dem Pharao von seiner Familie zu berichten. Und er erzählte alles von seinem Vater und seinen Brüdern, und dass die ganze Familie gegenwärtig im Land Goschen weilt. Und da Josef auch fünf seiner Brüder mitgenommen hatte, konnte er diese gleich dem Pharao vorstellen.

Und der Pharao nahm auch die Brüder Josefs in Empfang und fragte sie: „Was ist euer Broterwerb?“ Und da antworteten die Fünf, wie es Josef ihnen aufgetragen hatte: „Unser Herr! Schafhirten sind wir. Das waren auch schon unser Vater und Großvater. Wir waren das schon immer. Wir beabsichtigen, uns eine Zeitlang in dieser Gegend aufzuhalten, da wir für unsere Schafe keine Weide mehr haben. Du weißt ja: Die große Hungersnot treibt uns durchs Land. Darum wollen wir unseren Herrn bitten, seine Diener, so es ihm gefällt, eine gewisse Zeit im Land Goschen wohnen und weiden zu lassen.“

Da wandte sich Pharao an Josef: „Dein Vater und deine Brüder sind zu dir gekommen. Du weißt, dass dir Ägypten offen steht. Deshalb lasse deine Familie in der besten Gegend Ägyptens ansiedeln. Von mir aus können sie gerne im Land Goschen wohnen und weiden. Und wenn sie tüchtige Hirten sind, so ernenne sie zu Oberaufsehern auch über meine Herden. Dann können sie meine Herden ja gleich mitbetreuen.“

Danach brachte Josef auch seinen Vater Jaaqov zum Pharao und stellte diesen ihm vor. Und Jaaqov begrüßte den Pharao mit einem Segen. Da fragte der Pharao:

„Wie viele sind die Jahre deines Lebens?“

„Die Jahre meiner Wanderschaft betragen 130 Jahre. Das ist nicht sehr viel, und trübe waren die Jahre allemal. Meine Väter haben mich übertroffen, die Tage ihrer Wanderschaft habe ich nicht erreicht.“

Zum Abschied segnete Jaaqov Pharao, und Jaaqov und Josef gingen wieder fort. Josef siedelte seinen Vater und seine Brüder, so wie es der Pharao angeordnet hatte, in der besten und fruchtbarsten Gegend Ägyptens an, in Ramses, im Land Goschen. Und nachdem Josef das angeordnet hatte, kümmerte er sich stets um seine Familie und versorgte sie mit Brot und allem, was sie nötig hatten.

Josef sorgt für Ägypten

Im ganzen Land Ägypten gab es aber kein Brot, da die Dürre sehr groß geworden war und es schon seit Monaten nicht mehr geregnet hatte. Es herrschte überall in Ägypten und auch in Kenaan eine große Hungersnot.

Und Josef, der alles Getreide verwaltete, verkaufte nach und nach das Getreide in den Silos und machte so die Kassen des Pharao voll. Als aber die Ägypter kein Geld mehr hatten, um Getreide zu kaufen, da versammelten sie sich vor Josef und riefen ihm zu: „Gib uns Brot! Wir haben kein Geld mehr. Sollen wir jetzt etwa sterben?“ Da entgegnete Josef den Beschwerdeführern: „Nun, wenn ihr kein Geld habt, so bringt eure Herden und tauscht sie gegen Getreide.“

Und so machten sie es. Sie kamen mit ihren Herden vor Josef und tauschten die Tiere gegen Getreide. So sorgte Josef auch in diesem Jahr für alle Hungernden gegen den Preis der Tiere.

Aber das Jahr ging zu Ende, die Hungersnot jedoch nicht. Und so kamen sie wiederum zu Josef, um ihm mitzuteilen: „Wir müssen leider zugeben, dass wir mittlerweile weder Geld noch Herden haben. Alles hat Pharao, wir haben nichts mehr. Nur noch unseren Leib und unser Ackerland. Sollen wir deshalb verhungern? Kauf deshalb uns und unser Ackerland und bezahle uns in Brot. Wir und unser Ackerland sollen ruhig dem Pharao untertan sein, aber gib uns Korn, damit wir nicht zugrunde gehen müssen.“

Da kaufte Josef für den Pharao alle Ägypter und ihr Ackerland dazu und gab als Preis Getreide aus. Und so kam es, dass das ganze Land in den Besitz des Pharao kam. Die Ägypter brachte er in die Städte.

Nur das Ackerland der Priester brauchte Pharao nicht zu kaufen. Denn die Priester erhielten von Pharao stets ihren Teil an Getreide, so dass sie sich und ihr Land nicht verkaufen mussten.

Zum Volk gewandt sagte Josef: „Seht her! Ich habe euch und euer Ackerland im Namen des Pharao gekauft. Hier bekommt ihr Saatkörner. Geht nun hin und sät auf euren Äckern. Aber weil das Land nun dem Pharao gehört, müsst ihr ihm von der Ernte stets den fünften Teil abführen. Ein Fünftel, habt ihr das gehört?, gehört dem Pharao. Der Rest mag euch gehören. Damit ihr euch und eure Familien wieder selbst ernähren könnt und damit ihr genug habt, um neues Saatkorn einzukaufen.“

Da antworteten die Leute: „Du hast uns gerettet! Wir wollen gerne unserem Pharao versklavt sein – die Hauptsache ist, du bist uns gnädig und denkst an uns.“

Und so erließ Josef ein wichtiges Gesetz in Ägypten, wonach ein Fünftel der Ernte stets dem Pharao gehört. Allein das Ackerland der Priester gehörte nur den Priester, und diese mussten auch nichts an Pharao abführen.

Jisrael aber wohnte in Ägypten, im Land Goschen. Sie ließen sich dort nieder, kauften sich Land und Häuser, und die Jisraeliten waren fruchtbar und bekamen viele Kinder.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.