Paraschat Wajeschev

Den vollständigen Text der Parascha findet Ihr in unserem Buch Erzähl es deinen Kindern. Die Torah in fünf Bänden. Band 1 Bereschit / Am Anfang, Ariella-Verlag, Berlin, ISBN 978-3-9813825-9-4, 24,80 €, gebunden 128 S. mit 12 Illustrationen. Hier bieten wir noch zusätzlich Fragen zur Parascha an.

Einleitung

Mit dieser Parscha beginnt die Josefs-Geschichte. Wenn man es literarisch genau nimmt, ist das ein sehr eigenständiger erzählerischer Komplex, in dem Josef die Hauptrolle spielt. Dass immerzu die Jüngeren den Vorzug erhalten, ist dabei noch gar nicht neu: Jizchak wurde Jischmael vorgezogen (immerhin der Erstgeborene von Avraham), Jaakov dem Esaw. Warum also nicht auch Josef, der zwar nicht der Jüngste, aber doch der Zweitjüngste der Kinder Jaakovs ist. Aber in diese Geschichte schwingt eine Unbeschwertheit hinein, die wir bislang noch nicht gekannt haben: Jaakov muss um seine Frau Rachel kämpfen, muss auch für die Freiheit von Lavan kämpfen, das ist alles nicht lustig. Jetzt tritt aber eine Person in den Vordergrund, die im wahrsten Sinn des  Wortes ein Träumer ist. Ein Naivling, der von den Rankünen seiner Brüder nichts mitbekommt und deshalb versklavt wird, der auch von den Avancen einer verheirateten Dame nichts wissen will, und deshalb im Gefängnis landet. Trotz aller Missgeschicke ist Josef aber kein „tragischer Held“, im Gegenteil. So sehr ihn das „Schicksal“ trifft, so sehr weiß er sich mit der jeweiligen Situation zu arrangieren und das Beste daraus zu machen. Und wir wissen ja alle, wie die Geschichte ausgeht: glücklich. Die Unbeschwertheit eines Josef ermöglicht die Versöhnung mit seinen Brüdern, die Familie Jaakovs darf einen neuen Anfang setzen. Dadurch wird immerhin nichts Geringeres erreicht, als das Volk Jisrael als eigenständige Größe zu etablieren.

Hört sich ein bisschen nach Rosamunde Pilcher an. Ist es aber literarisch nicht. Denn welche literarische Struktur finden wir in der Josefs-Geschichte? Die griechische Tragödie von Sophokles, König Ödipus. Man bekommt einen Blick in die Zukunft, die sieht düster aus oder man will sie nicht akzeptieren, also pfuscht man ins „Schicksal“ hinein, macht dabei allerdings Pfusch und so kommt, was kommen muss: Das, was sich angekündigt hat, kann nur durch die Umgehung des Angesagten eintreten: Ödipus tötet seinen Vater und beschläft seine Mutter, Josefs Brüder kommen als kleine Würstchen in Ägypten an und verbeugen sich vor ihrem Bruder.

Was aber in der griechischen Tragödie eben „tragisch“ daherkommt und nur mit dem denkbar Fürchterlichsten endet, ist in der Josefsgeschichte eher das Hüpfen eines unbeschwerten Jungen, der in seiner Unbeschwertheit – anders als Hans im Glück – alles erreicht hat, was erreicht werden kann. Vielleicht ist auch das der wesentliche Unterschied zwischen biblischer und griechischer Weltsicht: Wir sind nicht verstrickt in das Dasein, auch nicht ins Dasein geworfen und können ohnehin nur alles falsch machen. Nein. Naivität kann sich auszahlen und ebenfalls zu einem Happy End führen. Bedenkenträgerei und Beckmesserei werden wenigstens in dieser Geschichte vorgeführt und der Lächerlichkeit preisgegeben. Welch ein Lichtblick in dunkler (Dezember-)Zeit.

Josef und seine Träume

37,1
Jaakov lebte also in dem Land, in dem schon sein Vater wohnte,
im Land Knaan. Und das ist die Geschichte von den Kindern
Jaakovs:
Jisrael – das ist Jaakov – liebte Josef über alles, mehr als seine
anderen Söhne. Einmal ließ Jaakov für Josef einen wunderschönen
bunten Rock anfertigen. Und die Brüder sahen, wie
alle Liebe des Vaters nur Josef galt. Da wurden sie auf Josef
eifersüchtig und begannen, ihn zu hassen.
Einmal passierte es, dass Josef einen Traum hatte. Und weil
Josef nichts für sich behalten konnte, erzählte er ihn seinen
Brüdern: »Hört mal, was ich für einen komischen Traum gehabt
habe! Wir alle waren auf dem Feld und banden Getreidegarben
zusammen. Aber meine Garbe stellte sich aufrecht hin,
während eure Garben sich vor meiner niederwarfen. Ist das
nicht lustig?« Aber seine Brüder verstanden keinen Spaß, sondern
erwiderten nur verärgert: »Willst du etwa über uns herrschen?
« Und sie hassten ihn daraufhin nur noch mehr.
Aber Josef hatte wieder einen Traum: »Ich habe von der
Sonne geträumt, vom Mond und von elf Sternen«, erzählte er.
»Und die Sonne, der Mond und die elf Sterne warfen sich vor
mir nieder!« Diesmal wurde auch Jaakov ärgerlich und wies
Josef zurecht: »Was ist das denn für ein Traum? Sollen wir uns
etwa alle vor dir niederwerfen?« Seine Brüder waren wegen
der Träume sehr verärgert, aber sein Vater behielt es sich im
Gedächtnis.

(…)

Josef bei Potifar

39,1
Der Ewige war stets mit Josef und ließ Josef alles gelingen, was
er tat. Und auch Potifar, sein Herr, sah, dass er alles konnte
und sehr geschickt war. Deshalb nahm er Josef beiseite und
sagte zu ihm: »Schau, du bist sehr geschickt. Deshalb kümmerst
du dich um alles, was mir gehört. Dann habe ich keine
Arbeit mehr, und du machst alles ja sehr gut. Du darfst auch
den andern Dienern befehlen und ihnen sagen, was sie zu tun
haben.« Und so kam es, dass der Ewige durch Josefs Arbeit das
Haus des Potifar mit Reichtum beschenkte.
Nun war Josef längst kein Kind mehr und ein schöner junger
Mann geworden. Das blieb auch der Frau des Potifar nicht
verborgen. Deshalb versuchte sie immer wieder, Josef näherzukommen.
Aber so sehr sie sich um Josef bemühte, Josef wollte
mit der Frau des Potifar lieber nichts zu tun haben, denn er
wollte seinen Herrn nicht betrügen.
Eines Tages war Josef allein zu Hause. Da kam die Frau des
Potifar und packte Josef an seinem Gewand und wollte ihn an
sich zerren. Aber Josef ließ sein Gewand fahren und sprang
davon. Da schrie die Frau des Potifar laut auf: »Hilfe! Hilfe!
Josef wollte mich packen und überfallen! Seht her! Sein Gewand
habe ich noch in den Händen.«
Als Potifar davon hörte, ließ er Josef verhaften und in ein
Gefängnis werfen.

(…)

Fragen zur Parascha

A) Allgemeine Fragen

Wo wohnte Jaaqov?

Wem schenkte Jaaqov ein schönes Kleidungsstück?

Weshalb hassten die Brüder den Josef?

Wieviele Träume hatte Josef?

Wer wollte Josef vor dem Tod retten?

Wer ist Tamar?

Wie hießen die Kinder von Jehuda

Weshalb kam Josef ins Gefängnis?

B) Fragen für Fortgeschrittene

In dieser Parascha werden sehr viele Träume geträumt. Versuche einmal zu bestimmen, was die Träume für die Geschichte bedeuten.

Weshalb wollte Tamar unbedingt ein Kind? Welches Gebot wollte sie unbedingt erfüllen und gegen welches Verbot verstieß sie aber?

Welcher Stammvater war vor Josef schon einmal in Ägypten?

Wieder einmal sind Brüder untereinander zerstritten. Kennst du noch andere Brüder, die auch zerstritten waren?

Schreibe einen Kommentar