Paraschat Toldot

Den vollständigen Text der Parascha findet Ihr in unserem Buch Erzähl es deinen Kindern. Die Torah in fünf Bänden. Band 1 Bereschit / Am Anfang, Ariella-Verlag, Berlin, ISBN 978-3-9813825-9-4, 28,80 €, gebunden 128 S. mit 12 Illustrationen.
Hier werden Auszüge aus dem Text sowie Fragen zur Parascha gebracht.

Einleitung

Mit dieser Parascha beginnt also die Geschichte des dritten –
und letzten – Stammvaters: Jaakov. Jaakov wird in der Torah
am ausführlichsten dargestellt (Par. Toldot, Par. Wajeze und
Par. Wajischlach). Allerdings steht in dieser Parascha noch das
Verhältnis von Jaakov zu seinem Zwillingsbruder Esaw im Mittelpunkt.
In der Auseinandersetzung zwischen den beiden
Brüdern ist vor allem Rivka, die Mutter, die alles entscheidende
Person, die das Geschick zu lenken versucht. Sie hat ja als
Erste erfahren (»der Ewige hat es ihr gesagt …«), dass der
Jüngere die wesentliche Rolle in der weiteren Geschichte spielen
soll.
Jaakov wird in der Torah nicht als eine moralische Lichtgestalt
dargestellt (anders als Avraham, der über jeden Zweifel
erhaben ist). Jaakov überlistet seinen Bruder, er belügt
seinen Vater (und später übervorteilt er auch seinen Schwiegervater
Lavan). Mit diesen Schilderungen haben sich unsere
Ausleger immer wieder schwergetan. Schließlich ist Jaakov
unser Stammvater. Nicht zuletzt wurden diese Texte im Mittelalter
von den Christen auch immer wieder als Beweis dafür
herangezogen, dass Juden Betrüger seien. Unsere mittelalterlichen
Ausleger sind daher oft einen anderen Weg gegangen
und haben in Jaakov und Esaw das Grundverhältnis der Juden
zu ihrer Umwelt gesehen und vor allem Esaw als den brachialen
»Verbrechertypen« verstanden, gegen den sich Jaakov zur
Wehr setzen musste. Auf der anderen Seite kann man gerade
in Jaakov das Menschliche erkennen, das sich dadurch auszeichnet,
dass man in seinem (moralischen) Verhalten nicht
unangefochten ist. Die Geschichte von Jaakov und Esaw erzählt
insofern von »ganz normalen« Familienauseinandersetzungen,
die allerdings in einem größeren Zusammenhang
plötzlich eine entscheidende Bedeutung erhalten: Jaakov ist
der Begründer Jisraels!

Jaakov und Esaw

25,19
Jizchak hatte also Rivka zur Frau genommen. Aber Rivka konnte
keine Kinder bekommen. Deshalb betete Jizchak zum Ewigen,
dass er seiner Frau doch Kinder schenken möge.
Und tatsächlich: Nicht lange, da wurde Rivka schwanger, weil
sich der Ewige bitten ließ.
Aber in ihrem Bauch boxte und stieß es so sehr, dass Rivka
ganz durcheinander war. Sie ging zum Ewigen und fragte ihn,
was das bedeuten solle. Und der Ewige sagte zu ihr: »Du hast
Zwillinge in deinem Bauch. Und die zwei werden sehr unterschiedlich
werden. Auch ganz verschiedene Völker werden von
ihnen abstammen, die sich trennen werden: Das große Volk
wird dem kleinen dienen.«
Dann war es endlich soweit, und Rivka gebar ihre Zwillinge.
Das erste Kind, das sie gebar, war mit rötlichen Haaren bedeckt.
Dann kam das zweite Kind, und es hielt noch die Ferse
des ersten fest. Die Eltern nannten das erste Kind Esaw, das
zweite nannten sie Jaakov (Fersenhalter).
Die Kinder wuchsen heran und wurden sehr verschieden.
Esaw lernte, auf dem Feld und im Wald zu jagen, während
Jaakov ein sanfter Junge wurde, der lieber zuhause in seinem
Zelt blieb. Und Jizchak liebte besonders Esaw, während Rivka
Jaakov lieber mochte.

(…)

Jaakov erschleicht sich den Segen

27,1
Jizchak wurde mit den Jahren alt. Und je älter er wurde, desto
schlechter konnten seine Augen sehen. Eines Tages rief er seinen
ältesten Sohn Esaw zu sich.
»Schau her, ich bin schon so alt geworden, es geht dem Ende
entgegen. Geh für mich noch einmal auf die Jagd und mach
mir einen schmackhaften, deftigen Braten von einem Wild. Ich
möchte dir dann noch ein letztes Mal meinen Segen geben.«
Das hörte Rivka zufällig mit. Und als sie erfuhr, dass Jizchak,
ihr Mann, den Esaw noch einmal segnen wollte, rief sie schnell
Jaakov, ihren Lieblingssohn, und sagte ihm: »Geh schnell und
hole zwei Ziegenböckchen, damit ich deinem Vater einen schönen
Braten zubereiten kann. Den bringst du ihm dann, und
dann wird er dich vor seinem Tod noch einmal segnen.«
Aber Jaakov meinte nur: »Aber Mutter! Vater braucht nur
über meinen Arm zu streichen, da spürt er schon den Unterschied.
Esaw ist doch stark behaart, und ich habe eine ganz
glatte Haut! Und dann bin ich in seinen Augen auch noch
ein Betrüger, und er würde mich nicht segnen, sondern verf
luchen!« Aber seine Mutter meinte nur: »Mach dir keine
Sorgen. Wenn überhaupt, so käme der Fluch auf mich. Geh
schon und hole die Ziegenböckchen.«
Da ging Jaakov zum Stall und brachte seiner Mutter zwei
schöne Ziegenböckchen. Rivka machte daraus einen wunderbaren
Braten, wie Jizchak ihn immer gern hatte. Dann bekleidete
sie Jaakov mit einigen Kleidern von Esaw und bedeckte
zum Schluss mit den Fellen der Ziegenböcke die glatten Arme
von Jaakov, sodass sie nun ganz behaart schienen. So machte
sich Jaakov auf zu seinem Vater, der eigentlich Esaw erwartete.
Jaakov sagte: »Vater!« Und Jizchak antwortete: »Ja, mein
Sohn! Wer bist du?« Und Jaakov sagte: »Ich, Esaw, dein Erstgeborener.
Ich habe dir dein Essen gebracht. Richte dich auf
und iss von meinem Wildbret, das ich auf dem Feld erlegt habe.
Dann kannst du mich segnen.«
Sein Vater war erstaunt, weil er nicht glauben konnte, dass
man so schnell ein Wild schießen und zubereiten konnte. Da
meinte Jaakov nur ganz leise: »Der Ewige, dein G’tt, hat es so
eingerichtet.«
Jizchak beugte sich zu Jaakov vor und bat ihn: »Tritt doch
noch ein bisschen näher, mein Sohn. Damit ich dich betasten
und sehen kann, ob du auch tatsächlich Esaw bist.« Da trat
Jaakov an seinen Vater näher heran, und Jizchak betastete ihn
ausführlich.
»Eigenartig, die Stimme ist Jaakovs Stimme, aber die Hände
sind Esaws Hände.« Und er fragte noch einmal: »Du bist also
Esaw?« Und Jaakov antwortete: »Ich bin es.«
»Na, so sei es. Reiche mir nun das Essen, damit ich dich dann
segnen kann.« Da reichte ihm Jaakov das Essen, und Jizchak
aß und trank mit gutem Appetit.
Als er zu Ende gegessen hatte, sagte er zu Jaakov: »Tritt nun
näher heran und küss mich, mein Sohn.« Und als Jaakov näher
herangetreten war und seinen Vater küsste, roch er wegen der
Kleider nach Esaw. Und Jizchak segnete ihn:
»Schau, mein Sohn duftet nach dem Feld, das der Ewige gesegnet
hat. Deshalb gibt dir G’tt vom Tau des Himmels und
vom Fett der Erde, damit du viel Getreide und Wein ernten
kannst. Andere Völker werden dir einmal dienen und sich vor
dir niederwerfen, ja, selbst deine Brüder werden sich vor dir
verbeugen.«
So wünschte Jizchak seinem Sohn eine gute Zeit und ein gutes
Leben. Dann legte sich Jizchak zurück auf sein Bett, und
Jaakov ging leise davon. Doch kaum war Jaakov draußen, da
kam sein Bruder Esaw mit seinem Essen in der Hand zu seinem
Vater. Er sagte zu ihm: »Auf Vater, setz dich hin, ich habe
dir einen Braten gemacht, wie du ihn immer so sehr magst. Iss
davon, dann kannst du mich anschließend segnen.« Aber sein
Vater fragte: »Wer bist du denn?« Und Esaw antwortete: »Ich
bin es, dein Sohn, dein Erstgeborener, Esaw.« Da erschrak
Jizchak, denn er ahnte schon, was geschehen war und dass es
Jaakov war, den er gesegnet hatte.
Als Esaw hörte, dass Jaakov schon da gewesen war, fing er laut
zu schreien an. Er konnte es kaum glauben. Zu seinem Vater
sagte er aber: »Bitte Vater, segne auch mich!« Aber Jizchak
sagte nur: »Ich habe ihm schon gewünscht, dass er der Herr
über seine Brüder werde und ihm alle Fruchtbarkeit des Landes
gewünscht, was sollte ich dir jetzt noch wünschen?«
Da begann Esaw zu weinen. Aber sein Vater sagte zu ihm, segnend:
»Du wirst zwar auch wohnen, wo es Fett der Erde und
Tau des Himmels gibt. Und du wirst dich auf dein Schwert
verlassen, aber du wirst deinem Bruder dienen. Doch es wird
die Zeit kommen, da du dich davon befreien kannst.«

Fragen zur Parascha

A) Allgemeine Fragen

Jaaqov und Esaw: Wer war der Erstgeborene?

Wie hießen die Eltern von Jaaqov und Esaw? Wie hießen die Großeltern?

Wessen Haut war glatt: die von Jaaqov oder die von Esaw?

Was verkaufte Esaw an Jaaqov? Was erhielt er dafür?

Wen segnete Jizchaq?

Wohin floh Jaaqov, nachdem Esaw auf ihn wütend geworden war?

B) Fragen für Fortgeschrittene

Was ist das Erstgeburtsrecht?

Welche Brüder waren ebenso unterschiedlich wie Jaaqov und Esaw und mochten sich nicht recht?

Weshalb war Jaaqov Rivqas Lieblingssohn? Und weshalb wollte Rivqa, dass Jaaqov von Jizchaq gesegnet wird?

Was wünschte Jizchaq seinem Sohn, als er ihn segnete?

Waren Jizchaq und Avimelech Freunde?