Einleitung Paraschat Waetchanan

Diese Parascha ist nicht nur dadurch bedeutsam, weil sie
auf Schabbat Nachamu fällt, sondern auch, weil sich in vielen
Textteilen wichtige Themen der Torah verdichten und sie deshalb
einen großen Nachklang in der Liturgie gefunden hat.
Dass Mosche gleich zu Beginn noch einmal darauf hinweist,
dass er die Zeit im Land Jisrael nicht mehr wird erleben dürfen,
macht die Dringlichkeit klar, aus der heraus alles Folgende
ausgeführt wird: Es bleibt nur noch eine kurze Zeitspanne, in
der Mosche als der prophetische Mittler zwischen G’tt und
Volk stehen und damit Einfluss auf das Schicksal des Volkes
nehmen kann.
Alles, was sich seit dem Bundesschluss am Berg Sinai
(Chorev) unter der Führung Mosches ereignet hat, bildet die
Grundlage für das gesamte zukünftige Leben dieses Volkes im
Gelobten Land. Aus diesem Grund besteht Mosche wiederholt
darauf, das Volk genau diese Grundlage zu lehren. Und deshalb
wird hier auch das Zehnwort, das schon im Buch Schemot
verkündet wurde, wiederholt, wenngleich auch mit signifikanten
Abweichungen (siehe Ex 20,1–17, Schemot, S. 74–77). Vor
allem das Schabbat-Gebot weicht von der Version im Buch
Schemot ab, da es auf Mizrajim verweist und nicht auf die
Schöpfung. Devarim betont also, dass das Volk aus der Versklavung
befreit und unter das Gesetz gestellt wurde. Dieses
Volk (und sein Land) wird ganz auf das g’ttliche Gebot bezogen
vorgestellt. Dies wird vor allem in dem Text Schma Jisrael
überdeutlich: Der Einzelne soll sich ganz und gar auf den Ewigen
hin ausrichten (»ihn mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele
und mit ganzer Kraft lieben«). Er soll sein gesamtes Leben an
den Geboten orientieren: im täglichen Leben zu Hause (beim
Aufstehen, beim Hinlegen) wie auch in räumlicher und zeitlicher
Ausdehnung (Tfillin, Mesusa). Über die Generationen
hinweg (den Kindern erzählen) und an allen Orten sollen die
Gebote einen dauernden Bestand haben. Nur in diesem allumfassenden
Verständnis – so die Botschaft des Buches Devarim
– hat das Volk Jisrael eine Chance, über die Zeiten hinweg
zu existieren.
Aber noch ein zweiter Punkt wird in dieser Parascha besonders
betont: die Unsichtbarkeit des G’ttes Jisraels und die Aufforderung,
diesen G’tt zu lieben, ohne sich G’ttesbilder, Statuen
oder andere Artefakte anzufertigen. Hier wird deutlich
gemacht, dass das Volk keine Gestalt (tmuna) sehen konnte.
Nur eine Stimme (kol), eigentlich ein Schall, ein Donner, war
zu hören. Jisrael soll sich keine Götterstatue machen, mit anderen
Worten: Jisrael soll sich seinen G’tt nicht so »basteln«
können, wie es ihn gerne hätte, ihm Eigenschaften geben, die
man gerne an ihm sähe, die ihn aber auch beschränken würden.
Insbesondere für unsere so stark auf die visuelle Kultur fokussierte
Gesellschaft kann dies auch als Aufforderung gelesen
werden, die Augen ruhig einmal zu schließen und umso intensiver
hinzuhören. Dass das Volk nicht einfach »die Worte«,
sondern lediglich den »Schall der Worte« hört, ist gleichzeitig
ein subtiler Hinweis darauf, dass Mosche zwar die schriftliche
Torah bringen wird, Jisrael aber auch die mündliche Torah
aufzunehmen und weiterzugeben hat – nur konnte man eben
am Berg nicht alles bis ins Kleinste verstehen.
Und schließlich ist das Hören auch für das Hineinwachsen
in die Gemeinschaft Jisraels eine Grundvoraussetzung, und
deshalb spielen gerade die nachfolgenden Generationen in
dieser Parascha eine zentrale Rolle. An vielen Stellen im Buch
Devarim werden die Eltern ermahnt, ihre Kinder zu unterweisen
und ihnen das Hören beizubringen. Denn nur wer hören
lernt, so eine der Grundüberzeugungen des Judentums, wird
auch zu fragen verstehen (Dtn 6,20: Wenn dich dein Kind
irgendwann einmal …). Insofern wird das Schma Jisrael, das
»Höre Jisrael«, im Buch Devarim zum Leitmotiv, das an vier
zentralen Stellen wiederaufgenommen wird (Dtn 5,1; 6,4; 9,1
und 20,3).
Darin präsentiert das Buch Devarim eine letztlich zeitlose
Ebene: Es sind immer die Eltern, die dem Kind vom Auszug
und von der Wüstenwanderung erzählen und das Kind an das
Rechtssystem heranführen. Nur das Erzählen ermöglicht also,
dass alle Mitglieder des Volkes in das Recht eingewiesen werden
und dass sich ein ganzes Volk an dieses Recht halten kann.
In dieser Parascha wird diese Lernsituation dialogisch vorweggenommen:
»Wenn dich dein Kind irgendwann einmal
fragen wird: ›Was sollen denn die ganzen Gesetze und Vorschriften?‹
« Dies verdeutlicht zum einen, dass die Unterweisung
der Nachkommen an die Ereignisse aus der Geschichte
rückgebunden und von dorther begründet wird. Zum anderen
werden aber auch schon jüdische Kinder zum Nachfragen ermutigt
und zwingen ihre Eltern damit, sich und ihnen über ihr
Tun Rechenschaft abzulegen.

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