Einleitung zu Paraschat Nizzavim

In dieser Parascha wird es nun ernst: Die Jisraeliten werden auf den Bund mit G“tt verpflichtet. Dabei macht der Text sehr deutlich, dass, auch wenn ein ganzes Volk auf diesen Bund verpflichtet ist, jeder einzelne diesen Bund zu tragen und auszufüllen hat. Deshalb betont der Text eigens, dass jeder einzelne nun hier steht, und nicht nur die Anwesenden, sondern auch – wie Raschi auslegt – die künftigen Generationen. Der Text will damit sehr deutlich ausschließen, dass es Einzelne gibt, die sich heimlich aus dem Bund herausstehlen wollen, indem sie darauf hinweisen, dass mit ihnen persönlich der Bund ja nicht geschlossen worden sei. Deshalb lässt dieser Text keine Ausflüchte gelten. Er lässt nicht einmal gelten, dass das Gesetz mit dem Einzelnen vielleicht gar nichts zu tun hätte, denn er postuliert, dass das Gesetz jedem Jisraeliten ganz nah ist, es sozusagen das verlangt, was der Mensch von sich aus ohnehin für sich möchte. Raschi pointiert hier den Text dahingehend, dass das Gesetz schriftlich und mündlich vorliegt. M.a.W.: das schriftliche Gesetz mag etwas weit entfernt sein, weil es eine Wirklichkeit widerspiegelt, die heute so nicht mehr anzutreffen ist. Aber das gilt nicht, denn es gibt ja auch das mündliche Gesetz, also die Auslegung und Weiterführung der schriftlichen Tora für die veränderten Verhältnisse. Die Tora ist also nach wie vor aktuell.

Allerdings müssen wir uns auch einem Gedanken zuwenden, der uns heute eher Probleme bereitet: Es ist die Aussage, dass wenn es einem schlecht ergeht, das seinen Grund in der Übertretung von Geboten hat. Einfach formuliert: der unmittelbare Zusammenhang zwischen Ergehen und Tun: Mir ergeht es gut, also habe ich richtig gehandelt, mir geht es schlecht, also habe ich schlecht gehandelt. Nicht nur Ijov hadert genau mit diesem Denken (weil es durchbrochen wird), sondern wir wissen heute längst, dass es mehr als problematisch ist, jemanden, den es wie immer hart getroffen hat, auch noch sozial dadurch zu stigmatisieren, indem man auf seine schlechte Lebensführung hinweist. Wir sollten uns allerdings an der Interpretation Raschis orientieren, der sagt, dass das Verborgene Sache G“ttes, während das Offenkundige Sache für die Gesellschaft sei. Gemeint sind die Verfehlungen: Die, die offensichtlich sind, sollen durch die Gemeinde bestraft werden, die Übertretungen, die nicht offensichtlich sind, die wird schon G“tt bestrafen. Man könnte hier fortführen: und sind deshalb nicht Sache von uns Menschen, sondern betreffen allein denjenigen, der die Übertretungen zu verantworten hat.

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