Paraschat Wajischlach mit Raschi

Jaaqovs Erkundungen

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Nun, da Jaaqov seiner Heimat näher kam, schickte er Boten voraus zu seinem Bruder Esaw und ließ ihm sagen: „Ich habe mich die ganze Zeit meiner Abwesenheit bei unserem Onkel Lavan als Fremder aufgehalten. Ich habe bei ihm gearbeitet und mir dabei Rinder und Esel, Schafe und viele Bedienstete erworben. Und ich schicke ein paar Boten voraus, damit du mir wohlgesonnen sein sollst.“

schickte er Boten aus: Damit sind wirklich Engel gemeint. [Raschi geht hier auf die sprachliche Besonderheit ein, dass das hebräische „mal´ach“ sowohl gewöhnlicher „Bote“ als auch „Engel“ bedeuten kann.

bei Lavan als Fremder aufgehalten: Da gibt es mehrere Erklärungen. Die erste deutet darauf hin, dass der Segen, den Jaakov von seinem Vater erhalten hat, über seine Brüder zu herrschen, nicht in Erfüllung gegangen ist. Denn er wurde dort nicht zum Fürsten, sondern blieb ein Fremder. Daher muss nun Esaw keinen Groll gegen ihn hegen. Eine andere Erklärung: das hebräische „garati“ ich habe als Fremder gewohnt hat den Zahlwert 613. Dies deutet darauf hin, dass Jaakov die 613 Gebote der Tora dort eingehalten hat, obwohl er bei dem Bösewicht Lavan lebte.

Als die Boten zurückkamen, meldeten sie ihm: „Auch dein Bruder Esaw kommt dir bereits entgegen und er hat vierhundert Leute mitgenommen.“
Als Jaaqov das hörte, wurde ihm angst und bange und er begann sofort, sein Hab und Gut in zwei verschiedene Lager aufzuteilen, da er dachte, dass wenn Esaw ein Lager überfällt, er wenigstens noch eines übrig hat.

wurde ihm angst und bange: [im Hebräischen stehen hier zwei verschiedene Ausdrücke, die Raschi erklären möchte] ihm war angst, dass er getötet werden könnte. Und ihm war bang, dass er andere töten könnte.

zwei verschiedene Lager: Er wollte mit dem zweiten Lager kämpfen, so dass es Esaw nicht besiegen könnte. Daraus sieht man, dass sich Jaakov auf drei Dinge vorbereitete: auf Geschenke, auf das Gebet und auf den Kampf. [Mit anderen Worten: Jaakov machte sich auf alles gefasst und ließ keine Möglichkeit aus, das Zusammentreffen mit seinem Bruder zu organisieren.]

Und Jaaqov betete: „G“tt meines Vaters Avraham und G“tt meines Vaters Jizchaq, Ewiger du, der du immer wieder gesagt hast, dass ich in meine Heimat zurückkehren soll: Ich weiß, dass ich zu gering bin, um Wohltaten von dir zu empfangen, aber rette mich vor den Plänen meines Bruders! Ich fürchte mich vor ihm. Hast du nicht gesagt, dass du mir Nachkommen geben willst, so zahlreich wie der Sand am Meer?“
Und er blieb über Nacht bei seinen Lagern. Am anderen Morgen nahm er verschiedene Geschenke für seinen Bruder: viele Ziegen, Schafe, Kamele, Kühe und Esel. Diese Geschenke nahm er und gab sie Bediensteten und sagte zu ihnen: „Nehmt diese Herden und geht meinem Bruder entgegen. Aber geht getrennt los. Zuerst der erste mit seinen Tieren, dann der zweite mit seinen und so immer fort. Und wenn der erste dann Esaw begegnet, kann er ihm sagen, dass das ein Geschenk für ihn von Jaaqov sei. Und wenn der zweite ihn trifft, so sagt der das gleiche und so immer fort. Und sagt ihm: Dein Knecht Jaaqov kommt hinter uns her.“ Jaaqov hatte nämlich schreckliche Angst vor Esaw, weshalb er versuchte, ihn mit diesen Geschenken etwas milder zu stimmen.
Jaaqovs Kampf
Und noch in der Nacht nahm er seine Frauen und Mägde und seine Kinder und überquerte den Fluss Jabboq und brachte all sein Eigentum hinüber. Nur er selbst blieb allein zurück.
Da plötzlich rang ein Mann mit ihm, bis der Morgen endlich anbrach. Als der Mann aber sah, dass er gegen Jaaqov nicht ankommen konnte, fasste er ihn so stark an der Hüfte, dass die Hüfte Jaaqovs sich verrenkte und fürchterlich schmerzte. Der Mann sagte: „Lass mich gehen. Schau, der Morgen ist schon angebrochen!“ Da erwiderte Jaaqov: „Nein, ich lasse dich nicht eher los und dich gehen, bis du mich gesegnet hast.“ Da fragte der Mann: „Was ist dein Name?“ Und Jaaqov sagte: „Jaaqov“, darauf sagte der Mann: „Nein, du sollst nicht länger Jaaqov heißen, sondern Jisrael! Denn du hast mit G“tt und mit Menschen gekämpft und hast stets gesiegt.“ Da bat Jaaqov: „Sag mir auch deinen Namen!“ Aber der Mann sagte nur: „Was fragst du nach meinem Namen?“ Statt dessen segnete er Jaaqov. Jaaqov nannte den Ort Peniel, denn, so sagte er sich: „Ich habe hier ein göttliches Wesen von Angesicht zu Angesicht gesehen und meine Seele ist gerettet worden.“
Da ging die Sonne gerade auf und Jaaqov hinkte wegen seiner Hüfte. Das ist auch der Grund, weshalb die Juden bis heute den hinteren Teil des Tieres nicht essen.
Jaaqov und Esaw treffen sich
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Und nun war es soweit: In einiger Entfernung konnte Jaaqov Esaw mit seinen Leuten erkennen, wie sie immer näherkamen. Da verteilte er die Kinder auf ihre Mütter und stellte zunächst die Dienerinnen Silpa und Bilha mit ihren Kindern voran, dahinter Lea mit ihren Kindern und ganz zum Schluss Rachel mit ihrem Josef. Er selbst aber machte sich Mut und ging voran. Als er in der Nähe von Esaw angekommen war, warf er sich siebenmal vor seinem Bruder auf die Erde nieder. Da lief Esaw ihm entgegen, umarmte ihn, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Beide, Jaaqov und Esaw, weinten.
Und Esaw schaute sich um und sah die Frauen und die vielen Kinder. Da sagte er: „Wer sind denn diese ganzen Leute, die bei dir sind?“ Darauf antwortete Jaaqov: „Es sind die Kinder, mit denen mich G“tt beschenkt hat.“ Da kamen zunächst die Dienerinnen mit ihren Kindern näher und verbeugten sich vor Esaw, dann kam auch Lea mit ihren Kinder heran, verneigte sich ebenfalls, zuletzt trat auch Josef und Rachel heran, und auch sie verneigten sich.
Da ergriff Esaw das Wort: „Seid mir alle herzlich willkommen. Aber sage mir, mein Bruder, was wolltest du mit den Herden, die du mir entgegengeschickt hast?“ „Ich wollte dich milde stimmen,“ antwortete Jaaqov, woraufhin Esaw sagte: „Ach, Bruder, ich hab doch genug, behalte du, was dir gehört!“
Aber Jaaqov wollte noch nicht klein beigeben und sagte: „Aber nein. Wenn du mir gesonnen bist, so nimm mein Geschenk an. Nimm doch mein Friedensgeschenk an, das ich dir gegeben habe, denn G“tt hat mir alles glücken lassen und ich habe von allem alles.“ Und so redete Jaaqov auf Esaw ein, bis dieser endlich die Geschenke annahm.
Und Esaw sagte zu Jaaqov: „Nun denn, lass uns jetzt aufbrechen und weiterziehen.“ Aber Jaaqov erwiderte: „Du weißt, dass wir Kinder und Jungtiere bei uns haben, die können nicht so schnell wandern. Deshalb geh du voran, ich will mit der Herde und meinen Leuten langsam nachkommen.“ Und so machten sie es. Esaw zog voraus und Jaaqov langsam hinterher.
Er zog bis nach Sukkot. Dort baute er ein Haus, machte seinem Vieh Ställe und ließ sich (vorerst) hier nieder.
Das Verbrechen an Dina
Aber die Reise ging noch weiter, bis Jaaqov in der Stadt Schechem ankam. Dort stellte er seine Zelte vor der Stadt auf, ging in die Stadt und suchte jemanden, von dem er ein Stück Land kaufen konnte. Die Söhne Chamors, des Vaters von Schechem, gaben ihm tatsächlich ein Feldstück für einen bestimmten Betrag, und dort konnte Jaaqov nun seine Zelte aufstellen. Sobald er die Zelte aufgestellt hatte, errichtete er einen Altar und nannte diesen Altar „G“tt, der G“tt Jisraels“.
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Eines Tages ging Dina, die Tochter Leas, hinaus, um sich in der Gegend etwas umzusehen und zu schauen, wie die Mädchen vom Ort hier so sind. Da kam aber Schechem, der Sohn des Chamor, daher und fühlte ein grausiges Verlangen nach Dina. Er packte sie, legte sich zu ihr und tat ihr Gewalt an. Obwohl er zu dem Mädchen gewalttätig war, hing dennoch sein Herz an ihr und er liebte sie, weshalb er nach seiner Tat beruhigend auf das Mädchen einredete, damit es sich nicht fürchten sollte.
Zu seinem Vater Chamor aber sagte er: „Vater, geh zum Vater der Dina und sag ihm, dass ich seine Tochter heiraten möchte.“
Unterdessen hatte allerdings Jaaqov schon mitbekommen, was Dina widerfahren war und dass man ihr Gewalt angetan hatte. Als seine Söhne vom Feld nach Hause kamen, erfuhren auch sie es, was ihrer Schwester geschehen war. Und sie waren sehr wütend auf Schechem, denn dass sich ein Fremder zu Dina legte und ihr Gewalt antat, das durfte in Jisrael nicht geschehen, es war eine Schandtat.
Da kam Chamor kurze Zeit später bei Jaaqov vorbei, um mit ihm über Dina und Schechem zu reden: „Mein Sohn Schechem liebt deine Tochter Dina. Es wäre sehr schön, wenn du sie ihm zur Frau geben könntest. Überhaupt können wir es doch so machen, dass wir auch untereinander heiraten. Eure Kinder nehmen von unseren, und unsere von euren. Schließlich wohnt ihr doch nun auch in dieser Gegend, und das ganze Land soll euch doch offen sein. Zieht in diesem Land herum und macht euch hier ansässig. Wir werden uns sicher gut verstehen!“
Nun sprach auch Schechem zu Jaaqov und seinen Söhnen: „Es wäre sehr schön, wenn ihr meiner Bitte entsprechen könntet. Ich möchte euch auch alles geben, was ihr mir sagt. Fordert von mir Geschenke, und ich gebe sie euch. Aber gebt mir eure Dina, die mir so ans Herz gewachsen ist.“
Als die Söhne Jaaqovs das hörten, antworteten sie Schechem sehr schlau: „Es geht leider nicht, dass wir unsere Schwester einem Mann geben, der noch nicht beschnitten ist, das gilt bei uns als eine Schande! Aber wenn du unbedingt Dina zur Frau haben möchtest, könnt ihr euch alle ja beschneiden lassen. Dann hätten wir kein Problem mehr. Dann können wir unsere Töchter euch geben und wir eure Töchter nehmen. So können wir bei euch bleiben und zu einem Volk werden.“
Das gefiel dem Chamor und dem Schechem gar nicht schlecht. Und so gingen sie nach Hause und machten sich sofort ans Werk und überzeugten alle Leute, dass es doch gut wäre, wenn Jaaqovs Leute und all seine Herden hier sich niederlassen könnten, dass man zu einem Volk würde und dass man sich gegenseitig auch heiraten könnte und dass es nur eines dazu bedürfe, nämlich dass man sich beschneiden lassen müsse, wie sie beschnitten sind. Und die Leute ließen sich von den Reden Chamors und Schechems überzeugen und gingen zum Tor der Stadt Schechem, wo alles Männliche beschnitten wurde.
Aber am dritten Tag, an dem Tag also, da die Schmerzen der Wunde am größten sind und man Wundfieber bekommen kann, da kamen zwei der Söhne Jaaqovs, Schimon und Levi, nach Schechem und überfielen mit ihren Schwertern die Stadt und erschlugen alles Männliche. Auch Chamor und seinen Sohn Schechem erschlugen sie mit dem Schwert, und sie nahmen Dina, die noch im Haus Schechems verweilte, mit sich und zogen ab.
So fielen die Söhne Jaaqovs über die Stadt Schechem her, weil man Dina entwürdigt und ihr Gewalt angetan hatte. Und sie plünderten die Stadt, nahmen Schafe, Rinder und Esel mit sich, nahmen Kinder und Frauen gefangen.
Als Jaaqov das sah, sagte er zu Schimon und Lewi: „Ihr macht mich traurig, weil ihr mit dieser Tat nun meinen Namen in Verruf bringt. Wir sind doch nur wenige! Wenn sie sich jetzt gegen uns versammeln, dann schlagen sie uns tot und wir haben keine Chance gegen sie.“ Aber seine Söhne erwiderten nur: „Soll man Dina denn derart in den Dreck ziehen dürfen?“
Jaaqov zieht weiter
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Nach all diesen Ereignissen sagte G“tt zu Jaaqov: „Bleib nicht hier! Zieh weiter, geh nach Bet-El hinauf. Dort kannst du deine Zelte aufschlagen und dich niederlassen. Bau dir dort einen Altar für G“tt.“ Da sagte Jaaqov zu seinen Leuten, die bei ihm wohnten: „Auf, entfernt alle Götterfigürchen, die ihr noch bei euch habt. Dann wascht euch und zieht frische Kleider an. Denn wir wollen von hier aufbrechen und nach Bet-El weiterziehen. Dort möchte ich dann G“tt einen Altar bauen, denn G“tt hat dort auf mich gehört und mir in meiner Not geholfen.“
Da gingen alle seine Diener und alle, die bei ihm wohnten, in ihre Wohnstätten, holten die Götterfigürchen, die sie bei sich hatten, und brachten sie Jaaqov. Jaaqov aber vergrub die ganzen Figürchen unter der Terebinthe bei Schechem.
Dann brachen sie auf. Aber G“tt machte es, dass die Völker um sie herum sie nicht verfolgten und töteten. So konnten sie ungestört bis nach Bet-El reisen. Als sie in Bet-El angekommen waren, baute Jaaqov einen Altar und nannte den Ort „G“tt von Bet-El“. Denn hier war es, wo sich ihm G“tt gezeigt hatte, als er vor seinem Bruder Esaw geflohen war. Und nun geschah es wieder, und G“tt zeigte sich Jaaqov und segnete ihn und sprach: „Dein Name soll nicht mehr Jaaqov sein, vielmehr sollst du Jisrael heißen.“ Und weiter sagte er zu ihm: „Ich bin der allmächtige G“tt. Du sollst nun fruchtbar sein und dich vermehren, so dass von dir ein ganzes Volk, nein, eine ganze Schar von Völkern abstammen soll, und viele Könige werden nach dir geboren werden. Das Land, das ich schon Avraham und Jizchaq versprochen habe, dieses Land will ich dir geben.“ Da stieg G“tt vor ihm nach oben auf, an dem Ort, an dem er mit ihm geredet hatte. Und weil Jaaqov davon so stark beeindruckt war, stellte er einen Denkstein an diesem Ort auf, goss über diesen Stein besondere Getränke und dazu auch Öl. Und Jaaqov nannte diesen Ort, an dem G“tt mit ihm gesprochen hatte, Bet-El.
Rachels zweiter Sohn
Aber auch in Bet-El blieben sie nicht, sondern brachen wieder auf und nahmen den Weg Richtung Ephrat. Unterwegs gebar Rachel – da sie schwanger war – einen Sohn. Aber die Geburt war sehr schwer und Rachel hatte sehr starke Schmerzen und das Kind wollte nicht sofort kommen. Als die Geburt aber endlich vorbei war, sagte die Hebamme zu Rachel: „Sei getröstet. Du hast wieder einen Sohn geboren.“ Aber Rachel war schon ganz schwach, und mit ihrer letzten Kraft sagte sie noch: „Mein Sohn soll Ben-Oni heißen.“ Und dann starb Rachel. Sie starb auf dem Weg nach Ephrat (das heute Bet-Lechem heißt). Dort wurde sie auch begraben. Und Jaaqov stellte an ihrem Grab einen Denkstein auf. Das Grab kann man bis auf den heutigen Tag noch sehen. Aber Jaaqov nannte seinen jüngsten Sohn nicht Ben-Oni, sondern Benjamin.
Reuvens Verbrechen und Jizchaqs Tod
Nachdem er Rachel begraben hatte, zog Jisrael weiter und schlug seine Zelte in der Gegend von Migdal-Eder auf. Dort passierte es, dass Reuven eines Tages zu Bilha, der Dienerin von Rachel, ging und sich zu ihr legte, um mit ihr Spaß zu haben. Das blieb nicht geheim, und Jisrael erfuhr davon.
Nach langer Reise kam Jaaqov nach Mamre, zu seinem Vater Jizchaq zurück. Es war eine lange Zeit vergangen, seit sie sich gesehen hatten. Aber nachdem Jizchaq, der schon sehr alt war – nämlich einhundertachtzig Jahre -, seinen Sohn noch einmal gesehen hatte, da verstarb er sehr schnell. Und Jaaqov und Esaw, die beiden Söhne Jizchaqs, begruben ihren toten Vater.
Esaws Leben
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Esaw hatte sich ja verschiedene Frauen aus den benachbarten Völkern genommen. Die eine hieß Adah, eine andere Oholibamah und die dritte hieß Basemath. Alle drei Frauen hatten ihm Kinder geboren, und so war auch Esaws Familie mit der Zeit recht groß geworden. Und da sowohl seine als auch Jaaqovs Familie sehr groß geworden waren, nahm Esaw eines Tages seine Frauen, Kinder, seine ganzen Herden und seine Bediensteten, einfach alles, was ihm gehörte, und trennte sich von Jaaqov und zog in das Land Seir. Dort lebte er von nun an.
Und aus Esaw und seinen Söhnen entstanden viele Völker und zahlreiche Könige.

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