Einleitung zu Paraschat Ki Tavo

In dieser Parascha wird der Blick nach vorn gerichtet. Das Buch neigt sich dem Ende zu, und das bedeutet von der erzählerischen Perspektive her, dass das Volk Jisrael kurz davor ist, in das Land  einzuziehen. Deshalb dreht sich fast alles, was Mosche sagt, um das Land. Es wird vorweggenommen, was die Jisraeliten tun müssen, wenn sie in das Land kommen. Das sind die Anweisungen für die Erstlingsfrüchte, für die Abgaben und die Niederschrift der Torah, die alle stets mit Segen und Fluch verbunden werden. Werden sie eingehalten, dann wird das Land fruchtbar sein und das Tun der Jisraeliten stets glücken, wenn nicht, dann wird das Land keinen Ertrag liefern und alles, was die Jisraeliten sich anschicken zu tun, wird misslingen. Dies wird Jisrael in dieser Parascha geradezu eingebläut.

Weshalb? War schon das gesamte Buch Devarim darauf ausgerichtet, dass Mosche dem Volk vor dem Einzug ins Land noch einmal die gesamte Lehre nahelegt, so spitzt sich dies hier zu. Denn das Leben im versprochenen Land ist sozusagen der Ernstfall für die Gesetze und Vorschriften der Torah. Waren die Jisraeliten bislang mit »Blindheit« und »Taubheit« geschlagen, so müssen sie spätestens jetzt, wo sie ins Land einziehen, hellwach sein und genau verstehen, was es bedeutet, den Ewigen zum G’tt zu haben und unter seinem Gebot zu stehen. Da das Land der Zielpunkt der langen Reise vom Buch Bereschit bis hierher war, könnte man ja auch erhoffen, sich im Ankommen endlich ausruhen zu können. Und in Paraschat Reeh war ja tatsächlich schon vom Land als Ruhe (menucha) und Erbbesitz die Rede. Aber diese Parascha macht nun ganz deutlich, dass das Land nicht zum Ausruhen da ist, sondern selbst äußerst fragil ist und durch die Einhaltung von Geboten immer wieder »erobert« werden muss. Es ist eben kein Besitzstand, der dem Volk einfach gehört, vielmehr ist es G’ttes Land, das sich das Volk beständig verdienen muss. Letztlich spiegelt sich hier die leidvolle Erfahrung des jüdischen Volkes wider, dass das Land tatsächlich nur selten in eigenem Besitz war und der Verlust von Tempel und Land immer und immer wieder zu beklagen war.

Wie schon in Paraschat Bechukotai im Buch Wajikra spielen auch in dieser Parascha die Segens- und Fluchworte eine besondere Rolle; mit ihnen wird die Dringlichkeit aufgezeigt, dass sich das Volk an die Gebote und Gesetze des Ewigen zu halten hat. Aus heutiger Sicht mag dies wie Schwarze Pädagogik anmuten, die das rechte Tun mit der Androhung furchtbarer Strafen durchsetzen möchte. Aber darum geht es nicht: Nach dem Verständnis des Buches Devarim ist die Beachtung der Gebote kein bürgerlicher oder staatlicher Selbstzweck, sondern hängt unmittelbar mit der Identität des Volkes zusammen. Das Volk wird nur dadurch das dem Ewigen zugeordnete Volk, dass es eben diese Gebote und Gesetze zur Grundlage macht. Deshalb wird gerade in dieser Parascha nochmals betont, dass sich nicht nur G’tt an dieses Volk bindet, sondern dass umgekehrt auch Jisrael diesen Gesetzen zugestimmt hat. Nach den Aussagen des Buches Devarim ist das Land eher ein Ziel-, denn ein Ausgangspunkt für die eigene Identität: Wenn das Volk sich gemäß den Geboten und Gesetzen verhält, dann ist ihm das Land sicher. Es kann aber ebenso leicht verloren gehen. Auch bei den Nachbarvölkern Jisraels wurde die Einhaltung von geschlossenen Verträgen unter der Ankündigung von Flüchen und Segen eingefordert. Diese wurden allerdings zwischen einem König und seinem Vasallenstaat geschlossen und unter Anrufung verschiedener Gottheiten besiegelt. In der Torah wird dies mit beinahe grimmigem Augenzwinkern aufgenommen, und der Vertrag zwischen dem Ewigen und Jisrael stellt damit fast so etwas wie eine Protestnote gegen die Nachbarvölker dar: Denn es ist der g’ttliche König, der hier als wirklicher Vertragspartner auftritt, während der irdische gewissermaßen in der Studierstube verschwindet. Die eigentliche Leistung des Buches Devarim besteht gerade darin, den menschlichen König in seine Grenzen zu weisen und ihm mit dem g’ttlichen eine Kontrollinstanz vorzusetzen.

Entnommen: Hanna Liss, Bruno Landthaler, Erzähl es deinen Kindern. Die Torah in fünf Bänden, Band 5: Devarim – Worte, Berlin 2016

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