Archiv der Kategorie: Einleitungen

Einleitung zu Paraschat Behaalotcha

In dieser Parascha nun wird davon berichtet, wie die Jisraeliten vom Berg Sinai aufbrechen, um ihre Reise Richtung Kenaan fortzusetzen. Wir erinnern uns: Im Buch Schemot, Paraschat Jitro, sind die Jisraeliten am Berg Sinai angekommen und haben seither am Berg gelagert. So die Erzählebene. Bevor sie aber aufbrechen, werden noch verschiedene Vorbereitungen getroffen: einmal werden die Leviim besonders hervorgehoben und in ihren Dienst eingesetzt, was bisher nicht geschehen ist, für die weitere Reise aber notwendig, da es die Leviim waren, die für den Abbau und den Transport des Heiligtums verantwortlich waren. Das waren Aufgaben, die bei der Reise bis zum Berg Sinai noch nicht notwendig waren, da es da ja noch kein Heiligtum gab.

Dann wird ein Pesachfest angeordneet und gefeiert, bevor sie aufbrechen, nach jüdischer Tradition übrigens das einzige, das die Jisraeliten in ihrer Wüstenzeit gefeiert haben. Das nächste wird erst wieder im Land selbst unter Jehoschua angeordnet. Damit wird dieser Aufbruch hier mit dem Aufbruch aus Ägypten parallelisiert, denn auch dort feierten sie das Pesach vor dem Aufbruch. Überhaupt wird die weitere Reise in manchen Punkten mit der Reise von Ägypten bis zum Berg Sinai parallelisiert: So ist es die Wolke am Tag und das Feuer in der Nacht, die den Jisraeliten den Weg zeigen. Allein die Trompeten, die den Aufbruch anzeigen sollen, werden neu eingeführt. Aufgrund der Parallele dürfen denn auch die Murregeschichten nicht fehlen, die die weitere Reise immer wieder bestimmen werden. Während aber die erste Murregeschichte sich noch in das Muster der anderen aus Schemot, Paraschat Beschalach, einfügt, ist das Murren von Aharon und Mirjam bereits eine Weiterführung des Murrens: Hier geht es nicht mehr einfach um Verzagtheit und Ermattung, die das Ägypten der Sklaverei wie ein Schlaraffenland aussehen lässt, hier geht es vielmehr um Machtansprüche, um das Infragestellen der ausschließlichen Macht Mosches. Denn vom Text her geht es Aharon und Mirjam nur vordergründig darum, dass sich Mosche eine kuschitische Frau genommen hatte. Es geht ihnen allein um die Machtverteilung zwischen ihnen und Mosche, ein Motiv, das in den späteren Murregeschichten in Bemidbar noch öfter anklingen wird. Anders aber als die späteren Revoluzzer Datan und Aviram und Qorach, lenken Aharon und Mirjam wieder ein, weil sie die besondere Stellung Mosches anerkennen.

Einleitung zu Paraschat Bamidbar

Nachdem das dritte Buch Wajikra nahezu ausschließlich Verordnungen und Bestimmungen zu Opfern, Kohanim, Heiligtum und Rein-Sein aufgelistet hat und insofern erzählerisch sehr wenig Bewegung stattfand, berichtet das vierte Buch Bamidbar über den Aufbruch vom Berg Sinai. Der Erzählung nach (Buch Schemot, S. 72, bis zum Ende vom Buch Wajikra) lagern die Kinder Jisraels am Berg Sinai und erfahren hier, was sie alles zu beachten haben, um als Volk G’ttes dem Ewigen gegenüber angemessen leben zu können. Allerdings können der Aufbruch und die Weiterreise in das Land Knaan ebenfalls nicht ohne Anordnungen vonstattengehen. Denn immerhin zieht nun der Ewige mit den Kindern Jisraels mit, und zu dem, was auf Reisen mitgeführt wird, gehört das Heiligtum selbst. Das Volk wird aufgeteilt in Kohanim, Lewiim und gewöhnliche Jisraeliten und nach Stämmen organisiert. Und all das, was in den vorhergehenden Büchern der Torah an Heiligkeitsgedanken entwickelt worden ist, soll nun für die weitere Bewegung des Volkes bis hin zum Ziel angewandt werden. Auf diesem Zug durch die Wüste wird es auch immer wieder zu Begegnungen mit anderen Völkern kommen, für die man sich wappnen muss. Daher beginnt dieses Buch nicht unmittelbar mit dem Aufbruch, sondern zunächst mit einer Zählung des Volkes – beziehungsweise der Musterung der wehrfähigen Männer – und mit einer genauen Beschreibung zur Anordnung der einzelnen Heerlager sowie mit einer Rast und Marschordnung.

Im Zentrum aller Zählungen steht das Heiligtum. Um das Heiligtum herum lagern sich die Lewiim in einem inneren Kreis und die Jisraeliten in einem äußeren Kreis. Selbst beim Aufbruch wird diese Ordnung eingehalten, und das Heiligtum wandert in der Mitte der Jisraeliten mit. Waren die Jisraeliten von Mizrajim bis zum Berg Sinai noch in keiner spezifischen Formation unterwegs, so ändert sich dies in diesem Buch: Die Wanderung durch die Wüste erfolgt nach einem Ordnungsprinzip, das im Wesentlichen durch das Heiligtum bestimmt wird.

Das Buch Bamidbar spart auch die Aufstände und Fehleinschätzungen, die das Volk immer wieder irrewerden lässt, nicht aus. Die Jisraeliten zeigen sich weiterhin mit der Wüstensituation unzufrieden, zetern immer wieder und wünschen sich nach Mizrajim zurück. Dass das Heiligtum in der Mitte der Jisraeliten mitzieht, macht das Volk also nicht automatisch gefügig oder gelehrig oder gar heilig, sondern belässt es in seiner menschlichen Verfasstheit, die auch durch Verzagtheit, Verzweiflung oder Eigeninteressen bestimmt ist.

Einleitung zu Paraschat Bechuqotai

Die letzte Parascha des Buches Wajiqra nimmt ebenfalls das Land ganz besonders in den Blick: Das Land wird reiche Früchte tragen, wenn die Bewohner des Landes die Gebote Gottes einhalten. Und umgekehrt: Das Land wird verwüstet werden und die Bewohner aus dem Land geworfen werden, wenn sie sich nicht an die Gebote halten. Nun sollte gerade diese Parascha nicht zu leicht genommen werden, in dem Sinn: dem Bösen geht es schlecht, dem Guten geht es gut. Das wäre zu einfach (und entspricht meist auch nicht der eigenen Beobachtung, wenngleich es auch die Hoffnung des naiv Religiösen sein mag!!!). Diese Parascha verknüpft das Land mit dem Gebot, wie die letzte Parascha ebenfalls. Das Land wird unter einen Vorbehalt gestellt. Es gehört mir nicht einfach, ich kann mit ihm nicht einfach tun, was ich will, weil es letztlich Gott gehört. Das Land wird mir nur zuteil, wenn auch ich mich Gott zuteil werden lasse, wenn ich mich also unter das Gebot Gottes stelle. Diese Aussage hat vor allem dann eine besondere Sprengkraft, wenn man bedenkt, wie selbstverständlich es in der Menschheitsgeschichte stets war, dass sich Menschen Ländereien an sich gerissen haben, um freie Verfügungsgewalt darüber auszuüben (das Eigentum, gerade auch am Land, steht auch heute im Grundgesetz unter einem besonderen Schutz des Staates). Diese Parascha kontrastiert deshalb auch die Aussage aus dem ersten Schöpfungsbericht, wonach der Mensch fruchtbar werden und sich die Erde untertan machen soll, ein Satz, der im christlichen Abendland bis zum heutigen Kapitalismus verheerende Auswirkungen hatte und hat.

Einleitung zu Paraschat Behar Sinai

Die letzten beiden Paraschijot des Buches Wajikra ändern im Verhältnis zu den vorangegangenen etwas die Blickrichtung: Die Kohanim, die Priester des Heiligtums, treten nun ganz in den Hintergrund, und das Land selbst wird thematisiert. Das ist neu. Denn bislang war der Blick ganz auf die Jetztzeit (die Wüstenzeit) gerichtet. Nun ist die Zukunft Gegenstand der Betrachtung, eine Zukunft, die beinhaltet, dass das Volk Jisrael einmal im Land Knaan (im Land Jisrael) leben wird. Beide wichtigen Gebote dieser Parascha (zum Schabbat- und Joveljahr) beziehen sich vornehmlich auf das Land. Das Schabbatjahr wird als »Schabbat für das Land« erklärt, im Joveljahr fällt alles Land wieder an seinen Ursprungseigentümer zurück. Dem Volk wurde immer wieder das Land als Erbbesitz von G’tt versprochen, der gesamte Auszug aus Mizrajim und die Wanderung durch die Wüste sind auf diese Gabe hin ausgerichtet. Ja, man könnte sogar sagen, dass der gesamte erzählerische Bogen von der Josefsgeschichte bis zum Ende der Torah auf die Gabe des Landes hin orientiert ist und alles in diesen Rahmen gehört.

Eben deshalb formuliert die Torah mit den beiden Geboten des Schabbat- und Joveljahres jedoch eine äußerst wichtige Einschränkung: Auch wenn das Land von G’tt versprochen wurde und die Jisraeliten das Land einmal in Besitz nehmen werden, so ist es trotzdem keine freie Verfügungsmasse. Die Jisraeliten können mit dem Land und mit den Menschen, die dort wohnen, nicht einfach tun, was sie wollen. Denn das Land gehört nicht ihnen, sondern verbleibt im Eigentum G’ttes. G’tt hat es ihnen sozusagen nur geliehen. Der schon nicht mehr ganz so neue Spruch der Ökologiebewegung, dass wir uns »die Erde von unseren Kindern nur geborgt« haben, hat von seiner Ausrichtung her hier seinen Ursprung. Entsprechend sind gerade diese Gebote zum Schabbat- und Joveljahr mit wichtigen sozialen Aspekten verknüpft. Das Wissen darum, dass das Land eigentlich G’ttes Land ist, verpf lichtet noch sehr viel mehr zur sozialen Ausrichtung als ein abstrakter Satz wie »Eigentum verpf lichtet«. Man kann deshalb wohl auch sagen: Nur weil das Land nicht zur vollkommen freien Verfügung der Jisraeliten steht, können sie so frei sein, an ihre Mitmenschen, die verarmt sind, zu denken.

Einleitung zu Paraschat Emor

Wieder geht es in dieser Parascha im Wechsel einmal um Gesetze, die die Kohanim betreffen, und einmal das Volk Jisrael. War für den einzelnen Jisraeliten schon festgelegt worden, wann er nicht zum Heiligtum gehen kann (nämlich wenn er unrein ist), dann sind Unreinregelungen für Kohanim, die sich ständig im und am Heiligtum aufhalten, noch viel wichtiger. Auf der anderen Seite werden ausführlich die biblischen Feste (Pessach, Schavuot, Rosch ha-Schana, Jom Kippur, Sukkot, oftmals unter anderen Namen) behandelt, und zwar vor allem auf das Volk bezogen. Es geht also weniger darum, welche Opfer genau gebracht werden müssen (das auch), sondern vielmehr um die Anweisung, dass man an den Feiertagen keiner Arbeit nachgehen darf, dass man sich versammeln soll, und die besonderen Rituale (Fasten an Jom Kippur, Wohnen in Hütten an Sukkot etc.). Hier ist also wieder der Einzelne angesprochen, der für das Gelingen des „Volkseins“ ebenso verantwortlich ist, wie die religiösen Funktionsträger.

Einleitung zu Paraschat Qedoschim

In dieser Parascha kommen viele Gebote zur Sprache, die schon einmal behandelt worden sind: z.B. Schabbatgebot, Götzenverbot uvm. Was hat sich aber geändert? Alle Gebote stehen nun, so wie die Parascha eben auch schon heißt, unter dem Begriff „Qadosch“ „Heilig“: Ihr sollt mir, dem Ewigen, heilig sein, so wie ich heilig bin. Soll das bedeuten, dass wir ein Volk von „Heiligen“ sein sollen, die deshalb heilig sind, weil sie einen „heiligen“ Gott haben? Dass wir ein Volk sein sollen, das besondere moralische Ambitionen hat?
Wenn wir daran denken, dass in diesem Buch Wajiqra schon einmal einige Gesetze abgehandelt worden sind (rein und unrein), die ganz eindeutig auf das Heiligtum orientieren sollen, dann können wir eine Vorstellung bekommen, worauf dieses „Heiligkeitsgesetz“ abzielt: War es nämlich möglich, mit Geboten das Volk auf ein räumlich verstandenes Heiligtum auszurichten, so ist es nun – ohne den Gedanken an das Heiligtum – auch möglich, das Volk auf „den Heiligen“ auszurichten. So wie das Heiligtum ein abgegrenzter Raum ist, so soll das Volk eine abgegrenzte Entität sein, die den spezifischen Geboten folgt. Deshalb heißt es auch zum Schluss dieser Parascha konsequenterweise, dass sich dieses Volk von den anderen Völkern unterscheiden soll, wie es insgesamt Unterschiede setzen soll. Der Gedanke ist also nicht, dass der heilige Gott alles auf der Welt „durchheiligt“, so dass die ganze Welt heilig ist, sondern vielmehr der, dass wenn der heilige Gott mit der Welt in irgendeiner Weise zusammenzudenken sein soll, dass dann das Heilige eine begrenzte und besondere Sphäre in der Welt nötig hat, um nicht profanisiert zu werden. Das ist vom Gedanken her räumlich verstanden das Heiligtum oder überräumlich im Gedanken eines heiligen Volkes. Damit ist der Ausspruch: Ihr sollt heilig sein, weil ich heilig bin, nicht eine moralisch-ehtische Aussage, sondern die Möglichkeit dafür, dass der Gottesgedanke in Bezug auf die Welt überhaupt zu denken ist. Wenn Israel also das Volk Gottes ist, dann muss es sozusagen ein besonderer Raum in der Welt sein. Wenn sich das Volk nicht an die Gebote hält und sich so verhält, wie die anderen Völker, also keine Unterschiede mehr setzt, dann muss der Anspruch, Gottes Volk zu sein, aufgegeben werden.

Einleitung zu Paraschat Mezora

Bevor das Thema „Unreinheit bei den Fortpflanzungsorganen“ wieder aufgenommen wird und damit die „Tora der Reinheit“ abgeschlossen wird, werden noch weitere Themen behandelt: zunächst wird die Frage behandelt, wie der an Aussatz Erkrankte wieder rein wird, und schließlich der Aussatz an den Häusern. Dieser Aussatz setzt (zusammen mit dem Aussatz an Kleidern) einen etwas anderen Akzent, da es bei der Unreinheit von Personen darum geht, wer für das Heiligtum tauglich ist. Bei der Kleidung steht das nicht im Vordergrund und Häuser können überhaupt nicht zum Heiligtum gebracht werden. Kleidung und Häuser sind aber die Dinge, die den Menschen unmittelbar umgeben und die sozusagen zu seinem Selbst gehören. Kein Mensch ohne Kleidung, kein Mensch ohne Haus. Deshalb werden sie bezüglich von äußerlichen Schädigungen eigens behandelt und in die Kategorie „rein“ und „unrein“ gebracht.
In der Einleitung zur letzten Parascha (Par. Tasria) haben wir schon darauf hingewiesen, dass Flüssigkeiten aus den Fortpflanzungsorganen bezüglich der Unreinheit unter besonderer Aufmerksamkeit stehen. Wir haben auch schon vermutet, dass es damit zusammenhängen könnte, dass das Gebot der Fortpflanzung das allgemeinste und zugleich das unjüdischste Gebot ist, weil es im Prinzip alle Menschen trifft. Fortpflanzung ist auch der Akt, in dem der Mensch selbst am ehesten schöpferisch ist, also eine Tätigkeit verübt, die dem göttlichen Schöpfungsakt am nächsten kommt. Deshalb unterliegt genau dieser Akt einer besonderen Gesetzgebung, um ihn unter das göttliche Gebot zu stellen.

Leider hat sich auch im Judentum immer wieder die Meinung durchgesetzt, dass die Unreinheit des Menschen einer negativen Handlung durch diesen Menschen folgt. Bei Aussatz wird stets darauf verwiesen, dass er auf üble Nachrede zurückgehe, entsprechend sei auch die Unreinheit bei Mann und Frau die Äußerung einer negativen Haltung oder Handlung. Eine solche Sichtweise hat zur Folge, dass Sexualität eine negative Betrachtung erfährt, da sie grundsätzlich Unreinheit voraussetzt (Menstruation, Pollution) oder nach sich zieht (denn auch eine Frau, die geboren hat, ist unrein). Aber da der Mensch grundsätzlich geschlechtlich verfasst ist und jede Generationenbildung Geschlechtlichkeit voraussetzt, kann die mit Geschlechtlichkeit unmittelbar zusammenhängende Unreinheit nicht die Folge negativer Haltungen oder Handlungen sein, da das Ideal (keine negativen Haltungen und Handlungen) die Geschlechtlichkeit aufheben müsste, was ein unmittelbarer Eingriff in die Geschöpflichkeit des Menschen bedeutete (Kastration bei Männern und Frauen). Wenn wir davon ausgehen, dass der Begriff „Unreinheit“ nur im Kontext des Heiligtums wirklich Sinn macht, dann erübrigt sich ohnehin eine solch negative Betrachtung von „Unreinheit“. Denn der Begriff „Unreinheit“ formuliert eher etwas über das Heilige als über den Unreinheit Tragenden. Dass wir Heutigen alle und überall halachisch betrachtet unrein sind, sagt weniger über uns etwas aus als über die Tatsache, dass es kein Heiligtum mehr gibt. Deshalb ist es heute auch unerheblich, ob jemand an einer Hautkrankheit leidet. Er ist im Judentum deshalb weder aussätzig, noch wird er von liturgischen Handlungen ausgeschlossen, noch unterliegt er sonstigen Restriktionen. Auch ein Mann, dem Samen abgeht, kann am andern Morgen in die Synagoge gehen, auch ist er sonst nicht durch irgendwelche Auflagen beschränkt. Unreinheit ist also eher ein theo-logischer denn ein antropo-logischer Begriff. Dass gerade die Juden des aschkenasischen Mittelalters wieder priesterliche Traditionen aufleben lassen wollten und sich ohne Unterlass in die Mikwe begeben haben, hatte seinerzeit nachvollziehbare Gründe, sollte für uns heute aber nicht Grund sein, alles Körperliche einem grundsätzlichen Ekelverdacht zu unterwerfen. Auch wenn es das Heiligtum, den Tempel, nicht mehr gibt, so können wir heute den Gedanken des Heiligen ernst nehmen, indem wir das Profane als das nehmen, was es ist: das dem Heiligen entgegenstehendes, weshalb wir heute nicht überall und vorschnell nach dem Heiligen schreien sollten und alles und jedes für „heilig“ erklären.

Einleitung zu Paraschat Tasria

Mit den nächsten zwei Paraschiot (Tasria und Mezora), die meistens auch zusammen gelesen werden, beginnt ein neues Thema, obwohl es eigentlich gar nicht so weit entfernt ist von dem, was bisher behandelt worden ist. Bisher ging es hauptsächlich um Opfer. Wer welche Opfer in das Heiligtum (Wohnung Gottes) bringt, wie der Kohen (Priester) die Opfer genau darzubringen hat. Nun geht es um all die Fälle, die verhindern, dass man zum Heiligtum gehen kann. Denn die Vorstellung ist ja, dass das Heiligtum nicht einfach nur heilig ist, sondern es ist auch kultisch betrachtet „rein“. Heiligkeit und Reinheit gehören sehr eng zusammen. Man kann sogar sagen, dass die Reinheit das Heiligtum erst heilig macht. Dabei meint „Reinheit“ nicht Hygiene, es geht also nicht um Sauberkeit! Reinheit bedeutet hier vielmehr das, was für das Heiligtum tauglich ist. Und weil das Heiligtum ein ganz besonderer Ort ist, der nicht einfach überall sein kann, ist natürlich auch nicht einfach alles für diesen Ort tauglich. Man muss also unterscheiden: Zwischen einem heiligen und einem nichtheiligen Ort, zwischen Dingen und Menschen, die für den heiligen Ort tauglich sind und Dingen und Menschen, die für diesen Ort nicht tauglich sind. In dieser Parascha geht es genau um all die Menschen, die für das Heiligtum nicht tauglich sind. Die Kinder Jisraels dürfen, wenn sie keine Kohanim sind, ohnehin nicht in das Heiligtum, in den heiligsten Bezirk. Aber sie dürfen zum Heiligtum immer nur dann, wenn sie rein sind, also die Voraussetzungen erfüllen, zum Heiligtum zu gehen. Nach der heutigen Parascha sind das, neben den „Aussätzigen“, in erster Linie die Frauen, die geboren haben. Sie sind vorübergehend nicht „rein“ und somit nicht tauglich, zum Heiligtum zu gehen. Grund ist hier ganz einfach das Blut durch die Geburt (Wochenfluss). Blut wird auch in der nächsten Parascha eine große Rolle spielen. Vaginales Blut und männlicher Samen gehören zu den Grundelementen, die über Rein und Unrein, über tauglich fürs Heiligtum oder nicht tauglich fürs Heiligtum entscheiden. Vielleicht liegt das ganz einfach daran, dass beides – vaginales Blut und männlicher Samen – die Elemente sind, die an die Zeugung neuen Lebens erinnern oder Bedingung dafür sind und damit an das erste Gebot erinnern: Seid fruchtbar und vermehrt euch. Dieses Gebot ist aber das profanste, das weltlichste Gebot überhaupt und ist der Schöpfung um ihrer selbst willen und nicht um Gottes willen gegeben (deshalb auch allen Menschen gegeben und nicht nur den Kindern Jisraels!). Dieses Gebot hat also ganz und gar nichts mit dem Heiligtum, mit dem Heiligen, mit Gott zu tun, ganz im Gegenteil: Sobald irgendetwas an dieses Gebot erinnert, ist der Mensch für das Heiligtum verboten!

Einleitung zu Paraschat Schemini

In dieser Parascha ist es endlich soweit: Die Kohanim kommen zum ersten Mal zum Einsatz und opfern die vorgeschriebenen Tiere. Als Antwort hierauf „zeigt“ sich der Ewige in seinem Kavod, in seiner Herrlichkeit. Und dann passiert es: Nadav und Avihu, vielleicht überwältigt von diesem Ereignis, bringen selbstständig ein Feuer, ein fremdes Feuer wie der Text sagt, ins Heiligtum und werden selbst vom Feuer des Ewigen „verzehrt“. Damit ist zu Beginn der priesterlichen Tätigkeit gleich auch ein Fehltritt miterzählt (ein zweiter von Elasar und Itamar folgt auch noch!). Sollte damit von vornherein der Dienst der Kohanim diskreditiert werden? Wohl kaum. Aber er macht auf ein Problem aufmerksam und lässt einiges zum Dienst der Kohanim sagen:

Weil die Erscheinung des Kavod so unmittelbar auf das Darbringen der ersten Opfer erwähnt wird, könnte man auf die Idee kommen, dass der Opferdienst der Kohanim beim Ewigen etwas „bewirken“ kann. Man kann auch interpretatorisch sagen, dass das vielleicht Nadav und Avihus Missverständnis war: Sie wollten die „Heiligkeit“ herbeizwingen. Das ist aber eine Vorstellung, die eher mit Götzendienst und Magie zu tun hat: Magie will durch Handlungen etwas erzwingen, zumindest bewirken. Das ist aber nicht die Vorstellung der Tora. Und das kommt sehr genau in dieser Parascha zu Wort: Weil Nadav und Avihu selbstständig gehandelt haben und etwas bewirken wollten, mussten sie in der Heiligkeit sterben. Wer Heiligkeit erzwingt, kommt in ihr um. Heiligkeit wird nach festen Regeln und Vorschriften hergestellt, auch soll die so hergestellte Heiligkeit nichts bewirken, sie soll nur dasein, damit das Volk sich daran ausrichten kann. Das soll auch durch den öfter zitierten Satz bestärkt werden: Ihr sollt heilig sein, weil ich heilig bin. Das beinhaltet keinen religiösen Aktivismus und Rigorismus, sondern besagt die Zuordnung des Volkes auf das Heiligtum hin.
Wie durch eine lange Vorausahnung werden in dieser Parascha auch die erlaubten und nicht erlaubten Tiere erwähnt. Dieser Abschnitt hat mit dem Heiligtum nach außen nichts zu tun. Und doch gehören sie sehr eng zusammen und wurden durch die Geschichte des Judentums eng zusammengebracht. Auch die Unterscheidung zwischen den erlaubten und nicht erlaubten Tieren soll nichts bewirken: Es soll nicht gesünder machen, auch nicht moralisch besser, wenn man sich an diese Unterscheidung hält. Die Unterscheidung ist einfach nur da. Die einzige Begründung für die Kaschrut besteht lediglich darin, dass bestimmte Tiere dem Ewigen ein „Gräuel“ sind. Wir essen also bestimmte Tiere nicht, weil wir uns dadurch besser fühlen, gesünder essen, sondern einzig, um uns auszurichten am Ewigen.

In der Tat konnte sich das Volk am Heiligtum eine Weile ausrichten. Aber das Heiligtum wurde zerstört, spätestens seit 70 n. u.Z. gibt es für uns Juden keinen Tempel mehr. An die Stelle dieses Heiligtums sind andere Dinge getreten, die dem Judentum heilig geworden sind: Der Schabbat und die Kaschrut. Interessanterweise sind beide Elemente in der Tora auch eng miteinander verbunden. Die Arbeiten am Heiligtum bestimmen die verbotenen Arbeiten am Schabbat, weil der Schabbat die Bauarbeiten am Heiligtum unterbrochen hatte. Auch die erlaubten und nicht erlaubten Tiere (Kaschrut) folgen unmittelbar auf die ersten Opferhandlungen der Kohanim.

Einleitung zu Paraschat Zaw

Nachdem in Paraschat Wajiqra alle Jisraeliten aufgerufen wurden, Geschenke – sprich: Opfer – dem Ewigen zu bringen, um sich auf diese Weise auf das Heiligtum hin zu orientieren, geht es in dieser Parascha vor allem um das Heiligtum und um die Kohanim, die Priester, also um die Menschen, die einen besonderen Dienst am Heiligtum verrichten. Diese Kohanim werden in dieser Parascha „eingesetzt“, also zu Kohanim gemacht. Das Besondere ist, dass dieses Mal Mosche, der ja kein Kohen ist, als Kohen fungiert. Er vollzieht die unterschiedlichen Riten, um die Kohanim einzusetzen. Das ist hier das einzige Mal.

Wozu braucht man Kohanim nach der Tora? Kohanim machen den Dienst am Heiligtum. Im Heiligtum „wohnt“ der Ewige. Nach jüdischer Vorstellung kann die Sphäre des Ewigen und die Sphäre des Menschen nicht ohne Weiteres zusammengebracht werden. Nach der Tora ist Mosche der einzige Mensch, der eine gewisse Nähe zum Ewigen aushalten kann (weshalb Mosche auch stets allein auf den Berg Sinai geht, um mit dem Ewigen zu reden). Alle anderen Jisraeliten sind dazu nicht in der Lage, den Heiligen auszuhalten. Deshalb sollen die Jisraeliten stets auf das Heiligtum hin orientiert sein (das Heiligtum bildet die Mitte des Lagers der Jisraeliten!). Das bedeutet aber nicht, dass sie im Heiligtum ein und ausgehen sollen. Eine Orientierung ist eine Ausrichtung auf einen Punkt, aber nicht der Punkt selbst (da verliert man eher wieder die Orientierung!). Deshalb kann man auch Geschenke – Opfer – an das Heiligtum bringen (um auf das Heiligtum ausgerichtet zu sein!), stolpert aber nicht ins Heiligtum, um die ganzen Riten zu vollziehen, die im Heiligtum selbst für die Opfer notwendig sind. Dazu sind die Kohanim da. Sie sind es, die klarmachen, dass der Bereich des Heiligen auch ein heiliger Bereich ist, der nicht einfach „entweiht“ werden darf. Die Kohanim sind sozusagen diejenigen, die deutlich machen, dass G“tt nicht einfach vom Menschen eingenommen werden kann. G“tt ist G“tt und Mensch ist Mensch.

Aber diese Parascha macht darüber hinaus auch deutlich, dass die Kohanim nicht von sich aus etwas Besonderes, etwas Heiliges sind. Zwar verrichten sie ihren Dienst im Heiligtum und gehören damit sozusagen in den heiligen Bereich (und nicht in den profanen), aber auch sie müssen für diesen Dienst eigens eingesetzt, „heilig gemacht“ werden. Erst durch die Einsetzung als Kohen können sie als Kohen im Heiligtum agieren. Die Einsetzung macht aber auch deutlich, dass die Kohanim nicht einfach eine abgehobene Gruppe von besonderen Menschen sind. Denn alle Jisraeliten werden zusammengerufen, als sie zu Kohanim eingesetzt werden. Die Kohanim repräsentieren damit die gesamte Gemeinde im Heiligtum.