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Einleitung zu Paraschat Nizzavim

In dieser Parascha wird es nun ernst: Die Jisraeliten werden auf den Bund mit G’tt verpflichtet. Auch hier gilt, dass die Verpflichtung für das ganze Volk besteht und damit jeder Einzelne diesen Bund zu tragen und auszufüllen hat. Deshalb betont Paraschat Nizzavim eigens, dass jeder Einzelne einbezogen ist, also nicht nur die Anwesenden, sondern auch – wie schon der Midrasch und Raschi auslegen – alle künftigen Generationen. Somit kann es auch keine Einzelnen geben, die sich heimlich aus dem Bund herausstehlen, womöglich mit dem Hinweis, dass der Bund ja schließlich nicht mit ihnen persönlich geschlossen worden sei. Um dies zu verhindern, lässt dieser Text keine Ausflüchte gelten und erwähnt die Frauen und Kinder sogar eigens. Auch soll sich niemand damit herausreden können, dass die Torah mit dem Einzelnen gar nichts zu tun habe. Das Gesetz ist jedem Jisraeliten ganz nah und verlangt eigentlich nur das, was der Mensch von sich aus ohnehin möchte. Raschi pointiert hier den Text dahingehend, dass das Gesetz schriftlich und mündlich vorliegt. Mit anderen Worten: Das schriftliche Gesetz (also die Torah) mag etwas weit entfernt sein, weil es eine Wirklichkeit widerspiegelt, die heute so nicht mehr existiert. Aber eben deshalb gibt es ja auch die mündliche Torah, also die Auslegung und Weiterführung der schriftlichen Torah. Sie muss immer wieder an die veränderten Verhältnisse angepasst werden. Deshalb ist sie auch »dem Herzen (lev) nahe«, denn in der Torah bezeichnet das Herz den Sitz aller intellektuellen Fähigkeiten. Die Torah ist also nicht einfach immer aktuell, sie muss von Jisrael immer wieder aktualisiert werden.

Paraschat Nizzavim formuliert aber auch einen Gedanken, der uns Heutigen eher Probleme bereitet: Es ist der immer wieder betonte Zusammenhang zwischen Ergehen und Tun, also dem, wie es einem (gut oder schlecht) ergeht, und dem, wie man zuvor (gut oder schlecht) gehandelt hat. Wenn die Jisraeliten sich nicht an die Gebote halten, kommen die Verfluchungen über sie. Nicht nur die biblische Weisheitsliteratur hat mit diesem Gedanken immer wieder gehadert; auch für uns ist der Gedanke problematisch, jemanden, den es hart getroffen hat, auch noch dadurch sozial zu stigmatisieren, dass man ihm seine schlechte Lebensführung vor Augen hält. Aber die Hebräische Bibel will an dieser Stelle nicht einfach einen Straf- oder Vergeltungsgedanken formulieren: Sie geht vielmehr von der Selbstwirksamkeit einer (bösen) Tat aus, die einen Menschen oder eine ganze Gruppe verändert und deren Leben nachhaltig bestimmt: »Der Fluch wird sich auf ihn lege « (Dtn 29,19), denn die (böse) Tat ist »da« und nimmt damit im Leben des Einzelnen oder des Volkes einen entsprechenden Raum ein. »In deinem Schuldraum bist du gestrauchelt«, sagt der Prophet Hoschea* über Jisrael (Hos 14,2), und meint damit eben nicht einfach »durch deine Schuld«, denn das Tun des Volkes hat Konsequenzen. Die Torah wie auch die Propheten weisen immer wieder darauf hin, dass es G’tt ist, der dieses Tun als Schuld aufdeckt und deren Folge wirksam werden lässt. Ähnlich hat dies auch Raschi interpretiert: Ihm zufolge ist das Verborgene die Sache G’ttes und das Offenkundige die Sache der Gesellschaft. Die offensichtlichen Verfehlungen sollen also durch die Gemeinde bestraft werden, die »verborgenen« Übertretungen, die nicht offensichtlich und nicht auf den ersten Blick als schuldhafte Tat auszumachen sind, die wird G’tt bestrafen.

Entnommen aus: Liss/Landthaler, Erzähl es deinen Kindern, Bd. 5, Berlin 2016

Einleitung zu Paraschat Ki Tavo

In dieser Parascha wird der Blick nach vorn gerichtet. Das Buch neigt sich dem Ende zu, und das bedeutet von der erzählerischen Perspektive her, dass das Volk Jisrael kurz davor ist, in das Land  einzuziehen. Deshalb dreht sich fast alles, was Mosche sagt, um das Land. Es wird vorweggenommen, was die Jisraeliten tun müssen, wenn sie in das Land kommen. Das sind die Anweisungen für die Erstlingsfrüchte, für die Abgaben und die Niederschrift der Torah, die alle stets mit Segen und Fluch verbunden werden. Werden sie eingehalten, dann wird das Land fruchtbar sein und das Tun der Jisraeliten stets glücken, wenn nicht, dann wird das Land keinen Ertrag liefern und alles, was die Jisraeliten sich anschicken zu tun, wird misslingen. Dies wird Jisrael in dieser Parascha geradezu eingebläut.

Weshalb? War schon das gesamte Buch Devarim darauf ausgerichtet, dass Mosche dem Volk vor dem Einzug ins Land noch einmal die gesamte Lehre nahelegt, so spitzt sich dies hier zu. Denn das Leben im versprochenen Land ist sozusagen der Ernstfall für die Gesetze und Vorschriften der Torah. Waren die Jisraeliten bislang mit »Blindheit« und »Taubheit« geschlagen, so müssen sie spätestens jetzt, wo sie ins Land einziehen, hellwach sein und genau verstehen, was es bedeutet, den Ewigen zum G’tt zu haben und unter seinem Gebot zu stehen. Da das Land der Zielpunkt der langen Reise vom Buch Bereschit bis hierher war, könnte man ja auch erhoffen, sich im Ankommen endlich ausruhen zu können. Und in Paraschat Reeh war ja tatsächlich schon vom Land als Ruhe (menucha) und Erbbesitz die Rede. Aber diese Parascha macht nun ganz deutlich, dass das Land nicht zum Ausruhen da ist, sondern selbst äußerst fragil ist und durch die Einhaltung von Geboten immer wieder »erobert« werden muss. Es ist eben kein Besitzstand, der dem Volk einfach gehört, vielmehr ist es G’ttes Land, das sich das Volk beständig verdienen muss. Letztlich spiegelt sich hier die leidvolle Erfahrung des jüdischen Volkes wider, dass das Land tatsächlich nur selten in eigenem Besitz war und der Verlust von Tempel und Land immer und immer wieder zu beklagen war.

Wie schon in Paraschat Bechukotai im Buch Wajikra spielen auch in dieser Parascha die Segens- und Fluchworte eine besondere Rolle; mit ihnen wird die Dringlichkeit aufgezeigt, dass sich das Volk an die Gebote und Gesetze des Ewigen zu halten hat. Aus heutiger Sicht mag dies wie Schwarze Pädagogik anmuten, die das rechte Tun mit der Androhung furchtbarer Strafen durchsetzen möchte. Aber darum geht es nicht: Nach dem Verständnis des Buches Devarim ist die Beachtung der Gebote kein bürgerlicher oder staatlicher Selbstzweck, sondern hängt unmittelbar mit der Identität des Volkes zusammen. Das Volk wird nur dadurch das dem Ewigen zugeordnete Volk, dass es eben diese Gebote und Gesetze zur Grundlage macht. Deshalb wird gerade in dieser Parascha nochmals betont, dass sich nicht nur G’tt an dieses Volk bindet, sondern dass umgekehrt auch Jisrael diesen Gesetzen zugestimmt hat. Nach den Aussagen des Buches Devarim ist das Land eher ein Ziel-, denn ein Ausgangspunkt für die eigene Identität: Wenn das Volk sich gemäß den Geboten und Gesetzen verhält, dann ist ihm das Land sicher. Es kann aber ebenso leicht verloren gehen. Auch bei den Nachbarvölkern Jisraels wurde die Einhaltung von geschlossenen Verträgen unter der Ankündigung von Flüchen und Segen eingefordert. Diese wurden allerdings zwischen einem König und seinem Vasallenstaat geschlossen und unter Anrufung verschiedener Gottheiten besiegelt. In der Torah wird dies mit beinahe grimmigem Augenzwinkern aufgenommen, und der Vertrag zwischen dem Ewigen und Jisrael stellt damit fast so etwas wie eine Protestnote gegen die Nachbarvölker dar: Denn es ist der g’ttliche König, der hier als wirklicher Vertragspartner auftritt, während der irdische gewissermaßen in der Studierstube verschwindet. Die eigentliche Leistung des Buches Devarim besteht gerade darin, den menschlichen König in seine Grenzen zu weisen und ihm mit dem g’ttlichen eine Kontrollinstanz vorzusetzen.

Entnommen: Hanna Liss, Bruno Landthaler, Erzähl es deinen Kindern. Die Torah in fünf Bänden, Band 5: Devarim – Worte, Berlin 2016

Einleitung zu Paraschat Ki Teze

Waren die ersten Paraschijot des Buches Devarim vor allem Rückblicke und Mahnworte, so werden seit Paraschat Schoftim Einzelbestimmungen aufgeführt, die teilweise Parallelen zu den anderen Büchern der Torah aufweisen. Gleichwohl ist der Charakter der Anordnungen ein sehr spezifischer und von den vorherigen Büchern deutlich unterschieden. So spielt beispielsweise die starke Konzentration auf priesterliche Aufgaben und Tätigkeitsbereiche, wie sie im Buch Wajikra formuliert wird, hier eine ganz untergeordnete Rolle. Vielmehr fallen zwei scheinbar entgegengesetzte Ausrichtungen auf: zum einen die Härte der Strafen (Todesstrafe, Steinigung, Abhacken der Hand), zum anderen der soziale Ausgleich zwischen Arm und Reich, der geradezu als eine »Bruderethik« formuliert wird.

Was aus heutiger Sicht eher widersprüchlich erscheint, ist in der Logik des Buches Devarim jedoch sehr konsequent gedacht. Paraschat Ki Teze stellt zum ersten Mal die Einzelperson als Rechtssubjekt deutlich heraus. Nicht die Familie oder der Clan oder der Stamm ist für das Verhalten seiner Mitglieder verantwortlich, sondern in erster Linie jeder einzelne Mensch innerhalb der jisraelitischen Gesellschaft (vgl. später auch Paraschat Nizzavim). Dies bedeutet aber keineswegs einen Individualismus des Rechts, wie ihn moderne Gesellschaften kennen, in denen das eigentliche Ziel des Rechts die Anerkennung und Verteidigung der Menschenwürde des Einzelnen ist. In der Torah ist das Ziel und der Zweck des Rechts nicht die einzelne Person, sondern das Volk Jisrael, insofern es als das Volk G’ttes gedacht wird. Allerdings betont das Buch Devarim, wie wir bereits mehrfach gesehen haben, dass es hierzu jedes und jeder Einzelnen bedarf.

Den Einzelnen als Träger der Verantwortung zu sehen, heißt, ihm große Verantwortung zu übertragen, da es auch an ihm liegt, ob das Volk eine Zukunft hat. Auf dem Einzelnen lastet die Verantwortung für die Vielen. Deshalb wird jedes Fehlverhalten schonungslos geahndet. Gleichzeitig verbietet es der Anspruch auf die Durchsetzung des Rechts, den Einzelfall zu sehen, besondere Umstände zu berücksichtigen und also individuell zu richten. Denn wir haben ja gesehen, dass alle vor dem Recht gleich sind, also nicht auf die Person des Angeklagten geachtet werden darf. Auch deshalb wirkt das Buch Devarim auf uns Heutige oftmals so unerbittlich.

Auf der anderen Seite gibt es gesetzliche Regelungen für sozial Schwache. Hier insistiert Devarim, dass das Volk Jisrael auch aus Armen und anderen Unterprivilegierten besteht. Auf ihren rechtlichen Schutz und ihre soziale Einbindung kommt es gleichermaßen an, wenn das Volk in seinem Land eine Zukunft haben soll. Dahingehend vertritt das Buch Devarim eine ausgesprochen egalitäre Position, da der Stand oder das Ansehen der Person keinerlei Einfluss auf die Teilhabe an der Gesellschaft haben darf. Aber gerade die Armen und Unterprivilegierten werden nur allzu leicht an der Inanspruchnahme ihrer Rechte gehindert und haben auch sonst wenig Möglichkeiten der freien Selbstentfaltung, da sie sich zumeist in finanziellen Abhängigkeiten befinden. Das Buch Devarim weiß aber sehr wohl, dass die freie Selbstentfaltung von finanziellen Voraussetzungen abhängt, deshalb sollen die Armen und Unterprivilegierten umso mehr vor den Übergriffen der »Mittel- und Oberschicht« geschützt werden. Und deshalb wird ihnen gegenüber noch einmal die Unbeugsamkeit des Rechts betont, obwohl dies ohnehin als allgemeiner Grundsatz gilt. Für die Armen werden also eigens Gesetze erlassen, die die Teilhabe an der Gesellschaft und damit die aktive Mitgliedschaft im Volk G’ttes ermöglichen.

Strafen: Die Strafen, die in dieser Parascha in Aussicht gestellt werden, sind in der Regel drakonisch: Todesstrafe, Steinigung, Hand abhacken, Auspeitschen. Während die Todesstrafe durchaus noch in westlichen Rechtssystemen vorkommen kann, ist dies für die anderen Strafen nicht mehr der Fall. Im Vergleich allerdings mit anderen altorientalischen Rechtskorpora und Vertragstexten erweist sich das Buch Devarim als Kind seiner Zeit, und seine Strafkataloge entsprechen den damals üblichen Konventionen. Gleichwohl haben offenbar schon unsere Rabbinen diese Strafen oftmals als zu drakonisch empfunden und auf die eine oder andere Weise zu entschärfen versucht, indem entweder die Strafe selbst uminterpretiert oder das Vergehen anders verstanden wurde. Dies umso mehr, als die Strafen oft für vergleichsweise harmlose Vergehen angewandt werden sollten, wie für einen widerspenstigen Sohn oder das Berühren der männlichen Scham durch eine Frau.

(entnommen aus: Liss/Landthaler, Erzähl es deinen Kindern, Bd. 5, S 95-97.)

Einleitung zu Paraschat Schoftim

Nachdem sich die Paraschijot des Buches Devarim bislang
hauptsächlich den Gesetzen gewidmet haben, die das Volk Jisrael
G’tt gegenüber einzuhalten hat, werden in den folgenden
beiden Paraschijot verstärkt Gebote in den Blick genommen,
die auf die soziale Ordnung und das gesellschaftliche Miteinander
abzielen. Nun rückt die Gerechtigkeit, die dabei herrschen
muss, in den Blickpunkt. Das heißt unter anderem, dass
nach Gerechtigkeit gerichtet werden soll, die Anwendung des
Gesetzes also selbst gerecht sein muss. Das Buch Devarim thematisiert
damit eine auch heute noch gesellschaftlich relevante
Erfahrung: Regeln können noch so gerecht und auf den Ausgleich
mit allen Parteien bedacht sein – wenn sie eingeschränkt
oder nur willkürlich angewandt werden, sind sie verfehlt.
Und noch ein weiterer Punkt wird angesprochen: Das Gesetz
soll ohne Ansehen der Person angewandt werden – ein
Prinzip, das in demokratischen Rechtsstaaten durchgehend
verankert ist, dem zufolge alle Menschen vor dem Gesetz
gleich sind. Es gibt keine abgestufte Rechtsprechung, in der
bestimmte gesellschaftliche Schichten ein Vorrecht hätten…

(aus: Erzähl es deinen Kindern, Bd. 5, Ariella-Verlag, Berlin 2016)

Einleitung zu Paraschat Reeh

Mit Paraschat Reeh beginnt ein umfangreicher Abschnitt zur Gesetzgebung, der sich in den nächsten Paraschijot fortsetzt und in Paraschat Ki Tavo in die dritte Rede Mosches und ausführliche Fluch-und Segensworte mündet. Auch hier liegt die Besonderheit des Gesetzeskomplexes darin, dass einige bereits eingeführte Gebote wiederholt und manchmal auch modifiziert werden (Feste, Sklavengesetzgebung, Speisegesetze). Andere hingegen, wie das Königs- oder Prophetengesetz, werden erst in der nachfolgenden Paraschat Schoftim vorgestellt und bieten damit bereits einen deutlichen Ausblick auf die politische Ordnung, auf Ämter und Gerichtswesen.

Wie in Paraschat Ekev (und vielen weiteren Stellen des Buches Devarim) wird in Paraschat Reeh vor allem das Land, das in Besitz genommen werden soll, thematisiert, insbesondere im Hinblick auf den Umgang mit den Völkern, die dort leben. Es geht immer wieder darum, die Jisraeliten vor dem Gebrauch der kultischen Stätten und der religiösen Bilderdienste, aber auch vor bestimmten religiösen Praktiken anderer Völker zu warnen. Dazu gehört auch, dass Opfer nur an jenem Ort gebracht werden dürfen, wo es der Ewige den Jisraeliten anweisen wird. Alte Opferstätten sollen, so die darin zum Ausdruck gebrachte Sorge, nicht einfach zu eigenen umfunktioniert werden, sodass womöglich von den alten Opferstätten auch Überzeugungen und Riten übrig bleiben und sich auf den eigenen Kult auswirken. Die Erwählung des einen Ortes ist zentral für das Buch Devarim und wird deshalb auch mehrfach betont. Es ist allerdings auffällig, dass dieser eine heilige Ort, das Heiligtum also, nicht näher bezeichnet wird. Er ist weder das Zeltheiligtum aus den vorangehenden Büchern der Torah noch ein Tempel wie zu Schlomos Zeiten, noch nicht einmal eine Wohnung G’ttes. Es geht also stets um das Bemühen, das Eigene zu bewahren und es nicht mit (religiösen) Elementen der anderen Völker zu vermischen. Deshalb gehören in diese Parascha auch die Speisevorschriften, also die Festlegung, welche Tiere gegessen und welche vermieden werden sollen. Die Kaschrut ist später ja in der Tat zu einem wesentlichen Unterscheidungsmerkmal für die Juden geworden, das gerade in der Diaspora stark identitätsstiftend wirkte.

(entnommen: Hanna Liss, Bruno Landthaler, Erzähl es deinen Kindern. Die Torah in fünf Bänden. Band 5 Devarim – Worte, Berlin 2016)

 

Einleitung zu Paraschat Pinchas

Zwei wichtige Aspekte bringen diese Parascha: Zum einen wird die Geschichte von Pinchas fortgeführt, in der  ja – am Ende der letzten Parascha – von der Tat von Pinchas erzählt wird, wie er einen Jisraeliten, der sich mit einer Midianiterin eingelassen hatte, tötete. In dieser Parascha wird ihm von G“tt ein besonderer Bund des Friedens gegeben. Da unsere Altvorderen stets Schwierigkeiten mit Eiferern hatten, wussten sie auch diese Geschichte, die ja vom glühenden Eifer des Pinchas berichtet, dahingehend zu deuten, dass die Belohnung des Pinchas eher eine Besänftigung war: Er bekam deshalb einen Bund des Friedens, um sein Gemüt zu beruhigen und nicht mehr eifervoll in die Geschichte einzugreifen.

Dem steht der zweite Aspekt gegenüber und bestätigt die Linie unserer Ausleger: Minutiös wird aufgelistet, welche Tiere die Jisraeliten zu welchen Festen zum Heiligtum zu bringen zu haben, damit kultisch korrekt geopfert werden konnte. Dieser „Opferkalender“, der keine Ausnahmen und keine Spontaneität kennt, steht dem spontanen Tun eines Pinchas gegenüber. Denn Pinchas handelte aus eigenem Antrieb, in eigener Verantwortung und in eigener Konsequenz, während er als Priester – gebunden an den Opferkalender – nicht aus eigenem Antrieb handelt, sondern auf Anweisung G“ttes.

Einleitung zu Paraschat Balak

Im Zentrum dieser Parascha steht vor allem die Geschichte vom Seher Bilam (Bil’am gesprochen) und Balak, dem König von Moav. Sie wird aus einer völlig neuen Perspektive erzählt und stellt insofern etwas Besonderes dar. Werden nämlich ansonsten alle Geschichten der Torah aus der Sicht Mosches erzählt, so wird hier der Blick von außen auf das Volk Jisrael geworfen: von den Nichtjisraeliten Bilam und Balak. Mosche und Aharon werden nicht einmal erwähnt, und das Volk Jisrael wird nur aus der Ferne in den Blick genommen.

Dadurch, dass Bilam den Segen über Jisrael ausspricht – und dies viermal! –, werden die Kinder Jisraels zum ersten Mal äußerst positiv dargestellt, was durch die poetische Sprache noch unterstrichen wird. Gezeichnet wird das Bild von einem großartigen Volk und einem wunderbaren Land: ein Bild, das sich in dieser Weise weder davor noch danach in einer der Erzählungen findet. Dass sich mit der Erzählung von Jisrael in Baal Peor gleich eine Schandtat der Jisraeliten anschließt, unterstreicht die Einmaligkeit der Geschichte von Bilam nur umso mehr.

 

Was ist aber nun die Aussage dieser Parascha? Diese Frage lässt sich gar nicht so leicht beantworten, denn eigentlich geht es weniger um Jisrael und Balak als um das Verhältnis Bilams zum Ewigen. Wie sich andere Völker zum G’tt Jisraels verhalten oder gar verhalten sollen, interessiert die Torah sonst eigentlich wenig. Deshalb ist es aufschlussreich, Bilam selbst in den Blick zu nehmen.

Er wird zunächst als ein »Seher« vorgestellt, also als einer, der mehr sehen kann als andere und dessen Wort wirkmächtig ist: Wen Bilam verf lucht, der ist verflucht, wen er segnet, der ist gesegnet. Als König Balaks Boten zu ihm kommen, erscheint Bilam zunächst sehr g’ttesfürchtig. Er lässt sich nicht einfach kaufen, sondern fragt beim Ewigen nach. Doch auch nachdem er eine Auskunft vom Ewigen erhalten hat, geht er mit derselben Frage erneut zu ihm, so als hätte das g’ttliche Wort keinerlei Bestand. Mit dem permanenten Schielen nach g’ttlicher Anweisung offenbart Bilam seine falsche Vorstellung von G’ttesfürchtigkeit. Doch das ist noch nicht alles.

Die Erzählung führt dem Leser die Unfähigkeit Bilams als Seher (!) schonungslos vor, da seine Eselin mehr sieht als er selbst. Dies ist schon fast eine Satire, die sich im Zusammenspiel mit Balak noch zuspitzt: Der König von Moav ist ein reiner Machtmensch, der sich nicht um G’ttliches oder Menschliches schert. Er bezahlt einen Seher und hat damit aus seiner Sicht ein Recht auf die Verfluchung der Jisraeliten. Dass er Bilam immer wieder auf neue Anhöhen schleppt, Altäre bauen und Tiere darauf schlachten lässt, zeigt die quirlige Hilf losigkeit eines Machtbesessenen, der nicht verstehen will, dass er den Kürzeren gezogen hat. Da helfen auch die magischen Sieben – sieben Altäre, sieben Stiere und sieben Widder – nichts! Bilam ist zwar derjenige, der Balak vorführt, aber darin, wie er es tut, offenbart er ebenfalls keine Größe. Denn Bilam ist ein Seher, der nichts sieht, und nur das sagen kann, was ihm unmittelbar in den Mund gelegt wird.

Mit beißendem Spott wird hier ein fremder »Seher« aufs Korn genommen, der vom Ewigen so gar nichts versteht oder verstehen will. Darin zeigt sich zugleich auch ein deutlicher Gegensatz zum »Propheten« Mosche, der zwar ebenso das g’ttliche Wort empfängt, aber selbst einen Begriff davon hat, was der Ewige mit seinen Worten bezweckt. Mosche weiß sehr genau um die Grundlinie g’ttlichen Handelns: Befreiung aus der Knechtschaft, Dienst am Ewigen und das Land Jisrael als Zielpunkt aller Wanderung.

Unabhängig von dieser indirekten Gegenüberstellung des tumben Bilam und des wissenden Mosche lässt sich diese Erzählung aber auch als eine allgemeine Verspottung von Bigotterie verstehen. Das frömmelnde Schielen nach G’tt und dessen Anweisungen macht den Menschen blind für den eigentlichen Anspruch G’ttes an sein Volk. Wer seine eigene Autonomie aufgibt, nicht selbst denkt und nur noch nach »G’ttes Anweisung« leben möchte, verheddert sich in den Wirrungen der Realität und den g’ttlichen Ansprüchen.

Einleitung zu Paraschat Chukkat

Diese Parascha, könnte man meinen, hat das große Thema „Tod“. Nicht nur dass der Tod von Mosche und Aharon angekündigt wird, fällt auf, sondern dass auch gleich zwei bedeutende Persönlichkeiten sterben müssen: nämlich Mirjam und Aharon, also die Geschwister Mosches. Aber auch das ist noch nicht alles: Gleich der erste Teil der Parascha, der von der „Roten Kuh“ handelt, dreht sich um den Tod: Die Rote Kuh wird nämlich verbrannt, damit aus der Asche dieser Kuh das Reinigungswasser hergestellt werden kann, mit dem wiederum jemand kultisch rein werden kann, wenn er einen Toten berührt hat, oder um Dinge zu reinigen, die ein Toter verunreinigt hat (Verunreinigung nicht im hygienischen, sondern in einem kultischen Sinn!). Nicht zufällig wird in der Tradition auch davon berichtet, dass Mirjam die erste war, wegen der das Reinigungswasser benötigt wurde. Aber wieso wird jetzt erst das Reinigungswasser so wichtig? Starben nicht schon früher Menschen, mussten beerdigt werden, lagen in Zelten und „verunreinigten“ die Dinge drumherum?

Eine mögliche Antwort auf diese schwierige Frage ist: Wir sind nun am Ende der Wüstenwanderung angelangt. Das wissen wir daher, dass in Num 33,38 davon berichtet wird, dass Aharon vierzig Jahre nach dem Auszug aus Ägypten gestorben ist. Wir sind also kurz vor der „Einwanderung“ in das gelobte Land. Und nun wird es wichtig, tatsächlich ein neues Leben zu beginnen. Die alte Generation, nämlich die, die den Auszug noch erlebt hat, ist schon gestorben oder stirbt gerade aus. In das Land sollen die Nachgeborenen einziehen. Und da wird es besonders wichtig, dass man zwischen Tod und Leben sehr scharf scheidet. Die Wüste war ohnehin eine Art „Zwischenzeit“, in der die Jisraeliten oft genug zwischen Tod und Leben hingen (siehe Murregeschichten). Und dies macht uns der Text mit dem Reinigungswasser überdeutlich. Deshalb eine Rote Kuh, eine Kuh also, die es offensichtlich nur sehr selten gibt, deshalb eine eigene Schlachtung und das Aufsammeln der Asche, die besonders aufbewahrt werden muss. Es reicht offensichtlich nicht die normale Reinigung, wie sie im Buch Wajjiqra beschrieben worden ist, um für das Heiligtum wieder tauglich zu sein.

Einleitung zu Paraschat Qorach

Obwohl in der letzten Parascha deutlich gemacht worden ist, dass die Jisraeliten, die schon aus Mizrajim ausgezogen waren, nun keine Zukunft mehr haben werden, geht die Geschichte unvermindert weiter. Diesmal steht der Aufstand von Korach (und Datan und Aviram) im Mittelpunkt. Korach thematisiert ein neues Konf liktfeld: die Konkurrenz der Lewiim zu den Kohanim, den Priestern. Datan und Aviram wenden sich gegen Mosche und machen ihn dafür verantwortlich, dass er die Jisraeliten aus einem Land, in dem Milch und Honig f ließen (!), herausgeführt habe, um sie in der Wüste umkommen zu lassen. Dies ist ein schwerer Vorwurf gegen Mosches militärische und politische Führungsqualit.ten. Dieses Motiv ist nicht ganz neu, denn auch Aharon und Mirjam begehrten schon einmal gegen Mosche auf, und dies ebenfalls, indem sie anzweifelten, dass allein Mosche eine besondere Autorität zukäme.

Es ist erstaunlich, mit welchem Gespür die Torah diese allzu menschlichen Ansprüche und Konkurrenzvorstellungen thematisiert. Denn was die Meuterer um Korach, Datan und Aviram fordern, ist letztlich nichts anderes als ein sehr demokratisches Mitspracherecht für andere einf lussreiche Gruppen. Sie stellen den Autoritätsanspruch einzelner Personen und Gruppierungen, von Mosche, Aharon und Aharons Söhnen, infrage, um für sich selbst mehr Macht und Mitsprache zu beanspruchen. Ihre »Heiligkeit« begründen sie damit, dass alle am Berg Sinai gestanden und die Worte des Ewigen vernommen hätten. Die Torah hingegen legitimiert die besondere Position Aharons und seiner Söhne einzig mit dem Hinweis darauf, dass der Ewige die Kohanim ausgewählt habe. Und zu diesem besonderen Dienst mussten sie eigens in ihr Amt eingesetzt werden (vgl. drittes Buch Wajikra, Paraschat Zaw). Damit macht die Torah also deutlich, dass es nicht darum geht, alle in gleicher Weise mit Macht auszustatten, und dass dies nicht die Basis für die Legitimation von Macht beziehungsweise für die Position einer Gruppe sein kann. Was in erster Linie auch auf der für die Torah sehr wichtigen Unterscheidung zwischen heiligem und nicht-heiligem Bereich beruht: Um Heiligkeit zu denken, müssen auch nicht-heilige Räume und Personen existieren. Daher werden auch alle, die im inneren Bereich ihren Dienst tun, von denen unterschieden, die nur dienende Funktionen innehaben, um den Betrieb des Heiligtums am Laufen zu halten. Und diese Gruppierung (der »innere Ring« um das Heiligtum) wird wiederum nochmals von den normalen Jisraeliten abgesetzt.

Das Eingreifen des Ewigen in diesen Konf likt bewirkt deshalb nichts anderes als eine Bekräftigung seiner Vorentscheidung, was durch die Geschichte von den Stäben sehr anschaulich wird. Aharons Stab, und damit Aharon und die Kohanim insgesamt, werden noch einmal für den besonderen Dienst am Heiligtum bestimmt, während zuvor die Meuterer ihrer jeweiligen Strafe zugeführt werden. Übrigens ist es entsprechend konsequent, dass die Kohanim und Lewiim, nachdem der Tempel 70 n. u. Z. zerstört worden war, faktisch keine Rolle mehr spielten und die Rabbinen in ihre religiöse Führungsposition traten. Diese legitimierten sich nicht durch ihre Abstammung, sondern allein durch ihre intellektuellen Fähigkeiten im Diskurs.

Aus: Liss/Landthaler, Erzähl es deinen Kindern, Bd. 4 Bamidbar – In der Wüste, S. 67-68.

Einleitung zu Paraschat Schelach Lecha

Im Buch Bemidbar wird immer wieder von der Verzagtheit des Volkes Jisrael berichtet und davon, wie sie sich gegen ihren Anführer Mosche auflehnen. Dieses Mal ist es vor allem die Geschichte von den Kundschaftern (Landspäher), die im Mittelpunkt steht. Zwölf Männer werden ausgesandt, um sich das Land Kenaan, das zum Greifen nahe ist, anzusehen, um einen Eindruck zu bekommen, was einem in diesem Land erwartet. Und die Kundschafter kommen zurück und berichten zwar von einem schönen Land, aber machen dem Volk Angst vor den Bewohnern dieses Landes. In dieser Angstbesessenheit wachsen die Bewohner dieses Landes sogar zu Riesen. Allein Jehoschua und Kalev, die ebenfalls Kundschafter waren, halten dagegen und verweisen darauf, dass mit ihnen doch immerhin G“tt sei, und dass sie deshalb keine Angst zu haben brauchen. Aber diese g“ttliche Rückversicherung genügt den Wenigsten, sie wollen einfach wieder zurück nach Ägypten, so wie sie schon in anderen Situationen wieder nach Ägypten zurück wollten, um sich auf das Bekannte, Vertraute zurückzuziehen. Nur das direkte Eingreifen G“ttes gebietet Einhalt und es werden Strafen ausgesprochen: Die Kundschafter (außer Jehoschua und Kalev) sterben direkt an einer Krankheit, die anderen müssen von nun an solange durch die Wüste umherirren, bis der Letzte, der aus Ägypten ausgezogen war, in der Wüste stirbt. Keiner darf in das Land Kenaan einziehen, der gleichzeitig aus Ägypten ausgezogen war. Ausnahmen: Jehoschua und Kalev und nach Raschi (Bibelausleger) auch die Lewiten. Die Strafe ist also besonders aufschlussreich: Das, was die Jisraeliten nicht wollten (=ins Land einwandern), das dürfen sie jetzt auch nicht und wird ihnen zur Strafe.