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Der Turmbau

Stefan Zweig hat einmal in einer Rede von 1939 den biblischen Mythos vom Turmbau zu Babel dahingehend uminterpretiert, dass die vereinte Anstrengung der Menschheit, den „Himmel zu erstürmen“, nicht als ein sündhaftes Aufbegehren des Menschen gegen Gott betrachtet werden dürfe, sondern als die höchste humane Leistung – die Vereinigung der Menschheit – zu verstehen sei. Ein Gott, der sich gegen diesen humanen Akt stellt, kann nicht länger als Gott anerkannt werden. Der Turmbau ist die humane Tat schlechthin, der sich Gott, so er noch Gott sein will, zu beugen hat. (vgl. Bruno Landthaler, Das göttliche Schach. Die Schachnovelle von Stefan Zweig, in: Menora 1996, 250-264, 258)

Tendenziell würden wir Zweig rechtgeben. Unsere Vorstellung, dass ein Gott in die Menschheit dazwischenfährt, um sie auseinanderzutreiben und durch verschiedene Sprachen zu verwirren, scheint befremdlich zu sein. In der Sprache Peter Sloterdijks könnte man hierin wieder den „Zorn Gottes“ erkennen, der es einfach nicht verkraften kann, dass sich die Menschheit in einer großartigen Aktion zusammentut, um sich selbst einen großen Namen zu machen – statt den Namen Gottes großwerden zu lassen.

Und in der Tat geht es in der heutigen Betrachtung der Welt stets darum, die Einheit der Menschheit herzustellen. Menschenrechte gelten für alle Menschen, kulturelle Unterschiede zwischen Völkern sind zu relativieren, denn es geht doch um die Eine Welt! Wirtschaftlich haben wir durch die Globalisierung schon längst die eine Welt erreicht, internationale Firmen agieren rund um den Globus, sei es, um billig produzieren zu lassen, sei es, um effektiv verkaufen zu können. Die Menschen heben die Probleme, die die Ausdifferenzierung der Kulturen mit sich bringen, immer mehr auf. Scheint so, zumindest.

Hat also der biblische Text – wieder einmal! – unrecht?

Die Sache ist natürlich vertrackter: zum einen aufseiten der Realität, zum andern aufseiten des biblischen Textes.

Im Gegensatz zu den 80er, 90er Jahre haben wir mitttlerweile durchaus begriffen, dass die wirtschaftliche Globalisierung und die wirtschaftliche Vereinheitlichung der Welt nicht unmittelbar in ein Paradies geführt hat, wir haben auch begriffen, dass sich kulturell-religiöse Differenzen nicht so ohne weiteres beiseiteschieben lassen. All das bringt durchaus den Gedanken wieder hervor, dass eine ausdifferenzierte Welt nicht so ohne weiteres erstrebenswert ist, wenngleich sie Probleme mit sich bringt, die wir gerne beseitigt hätten.

Und was will der biblische Text sagen? Geht es ihm um einen zornigen Gott, der wütend ist, weil die Menschen auf die glorreiche Idee gekommen sind, sich zusammenzutun, um gegen Gott stark zu sein. In erster Linie ist der Text eine Ätiologie. Das will sagen, er bringt eine Erzählung, um etwas zu „erklären“, was der Autor als grundmenschliches „Faktum“ vorfindet: Die unterschiedlichen Sprachen. Daran ist in der Tat nicht zu zweifeln. Zum zweiten steht der Text in einer Linie mit den bisherigen (mythologischen) Erzählungen: Sintflut, Qain und Hevel, der Verlust des Gan Eden. In all diesen Geschichten geht es nicht einfach darum, dass der Mensch „böse“ ist und insofern gegen Gott aufsteht, sondern um die grundmenschliche Erfahrung, dass das Leben des Menschen und sein Tun ambivalent ist, weil er nicht eine Marionette Gottes ist, sondern sich selbst zum Leben bestimmen kann. Deshalb wird in all diesen Texten von der Ausdifferenzierung menschlichen Lebens gesprochen: Die geschlechtliche Differenz, die das Leben erst ermöglicht, aber gleichzeitig zu einem Grundproblem der Geschlechter zueinander werden kann, die Ausdifferenzierung der Sprachen, die Identitäten ermöglicht, aber gleichzeitig Probleme der Völker untereinander evozieren kann.

Genau dieses Spannungsverhältnis beschreibt der Text. Und wenn wir in dieser Weise den Text ernst nehmen, können wir sehen, dass er durchaus eine Erfahrung widerspiegelt, die uns nicht völlig fremd ist, wenn wir nicht mit einem missionarischen Eifer ausgerüstet sind, dass alle Menschen so leben sollen, wie wir es tun.