Archiv der Kategorie: (1) Bereschit – Das erste Buch der Tora

Paraschat Bereschit mit Raschi

Die Erschaffung der Welt

(1) Ganz zu Anfang, als G“tt Himmel und Erde erschuf*, da war die Erde noch kahl und leer und überall herrschte Dunkelheit. Nur der Geist G“ttes schwebte über dem Wasser.

Ganz am Anfang: Eigentlich hätte die Tora mit dem Abschnitt: „Dieser Monat sei euch…“ (Ex 12) anfangen müssen. Denn hier wird das erste Gebot für Jisrael formuliert. Weshalb fängt die Tora aber mit Bereschit an? Damit der Ewige seinem Volk die Allmacht zeigt: Er ist der G“tt aller Nationen. Und wenn die Völker irgendwann einmal zu Jisrael sagen werden: Ihr seid Räuber, denn ihr habt das Land, in dem ihr wohnt, von anderen gestohlen! so könnt ihr beruhigt sagen: G“tt ist der G“tt über alle Länder und er verteilt die Länder nach seiner Auffassung und nach der Gerechtigkeit der Völker.

Ganz am Anfang: Unsere Lehrer sagen: Die Erde wurde um der Tora willen erschaffen, denn die Tora ist das Erste auf den Wegen des Ewigen (Prov 8), wie auch Jisrael der Erstling seines Ertrages ist. Wenn man den Vers nach dem einfachen Wortsinn (Peschat) nimmt, dann bedeutet er: Am Anfang der Erschaffung der Welt, da alles noch kahl und leer war, da sagte G“tt u.s.w.   [Üblicherweise wird dieser Vers  meist anders gelesen, nämlich in dem Sinn: Am Anfang schuf G“tt Himmel und Erde. Dagegen bringt Raschi eine eigene Lesart, die keineswegs unbegründet ist, und Raschi erklärt es sehr ausführlich aufgrund der hebräischen Grammatik].

Ganz am Anfang, als G“tt schuf: Es heißt „G“tt“ (elohim der Richter) und nicht „Ewiger“ (j“h der Erbarmende). Eigentlich sollte die Welt mit dem Maß der Gerechtigkeit erschaffen werden. Aber G“tt sah, dass dann die Welt keine Überlebenschance hätte. Deshalb wurde, wie der Vers Gen 2,4 zeigt, zuerst die Barmherzigkeit vorangestellt und dann mit der Gerechtigkeit verbunden, wie es heißt: Am Tag, da der Ewige (der Erbarmende), G“tt (der Richter), Erde und Himmel erschuf. [Raschi greift hier einen rabbinischen Gedanken auf, wonach die beiden G“ttesnamen „G“tt“ und „Ewiger“ für die beiden Eigenschaften G“ttes stehen: Gerechtigkeit und Barmherzigkeit].

kahl und leer (Tohu vavohu): Das heißt eigentlich „Staunen“ und „Entsetzen“. Denn ein Mensch hätte über diese Wüstenei gestaunt und wäre entsetzt gewesen.

Geist G“ttes schwebte: Es war der Thron der Herrlichkeit, der aufgrund des Wortes des Ewigen über dem Wasser wie eine Taube über dem Nest schwebte.

über dem Wasser: Das meint natürlich über dem Wasser der Erde.

Da sagte G“tt: „Es soll Licht sein.“ Und es war dann Licht. Und G“tt sah, dass das Licht gut war, und machte einen Unterschied zwischen Licht und Dunkelheit. Und das Licht nannte er „Tag“, die Dunkelheit nannte er aber „Nacht“. Es war Abend, es war Morgen: ein Tag.

dass das Licht gut war: Nach dem einfachen Wortsinn soll es heißen: Das Licht war gut, deshalb sollte es nicht mit der Dunkelheit vermischt werden. Deshalb erhält das Licht den Tag als eigenen Bereich und die Dunkelheit die Nacht. Nach der *Aggada heißt es, dass G“tt sah, dass es nicht gut wäre, wenn das Licht von den Bösen gebraucht würde, weshalb er das erste Licht für die Gerechten in der künftigen Welt zurückbehielt.

ein Tag: Die Aggada erklärt: Eigentlich hätte es, wie an den anderen Tagen auch, erster Tag heißen müssen (wie: zweiter Tag u.s.w.). Es heißt aber ein Tag (jom echad), weil an diesem Tag G“tt noch allein war; die Engel wurden erst am zweiten Tag erschaffen. Deshalb heißt es: der Tag des Einzigen.  [In Anlehnung daran, dass es im Schma Jisrael heißt: G“tt, der Ewige ist einer (echad), oder: der Einzige].

Dann sagte G“tt: „Es soll ein riesiges Gewölbe mitten durch das Wasser gehen und das Wasser zwischen oberem und unterem Wasser trennen.“ Und so geschah es auch: Das Wasser trennte sich in ein oberes und ein unteres Wasser. Und G“tt nannte das Gewölbe Himmel. Es war Abend, es war Morgen: ein zweiter Tag.

Gewölbe: Ein Raum soll fest werden. Denn zuvor war alles flüssig (von Wasser). Wenn in Jov 26,11 steht: Die Säulen des Himmels wackelten den ersten Tag, am zweiten aber erstarrten sie von Seinem Drohen, dann wird genau darauf angespielt: der Raum wird fest.

Durch das Wasser: Die Entfernung des oberen Wassers zum Himmel ist gleich groß wie die Entfernung vom Himmel zum unteren Wasser. Das obere Wasser schwebt aufgrund des Wortes des Ewigen.

Oberes Wasser: Es heißt nicht einfach: das Wasser über dem Gewölbe, sondern oberhalb des Gewölbes. Denn dieses Wasser schwebte weit oben.

Himmel: Das hebräische Wort für Himmel „Schammajim“ lässt sich auch lesen wie: „trage Wasser! oder „dort ist Wasser“ [Der Himmel als Teil, der den Himmel trägt. Raschi führt noch weitere Wortspiele auf].

Ein zweiter Tag: Weshalb heißt es beim zweiten Tag nicht: und es war gut? Weil die Sache mit dem Wasser noch nicht abgeschlossen war. Und was noch nicht vollendet ist, das kann auch nicht als gut gelten. Am dritten Tag wird das Wasser vollendet. Dort heißt es denn auch gleich zweimal „Und es war gut“: einmal für den zweiten, einmal für den dritten Tag.

Dann sagte G“tt: „Es soll sich das Wasser unter dem Himmel an einem einzigen Ort sammeln, damit Trockenes entstehe.“ Und so geschah es: Das Wasser sammelte sich und gab Trockenes frei. Und G“tt nannte das Trockene Land, das gesammelte Wasser nannte er Meere. Und G“tt sah, dass es gut war.

Sammeln: Das Wasser war über die ganze Erde ausgebreitet. Deshalb musste es sich erst in den Ozeanen sammeln.

Dann sagte G“tt: „Die Erde soll sich begrünen und Kräuter, Bäume und Pflanzen hervorbringen.“ Und so geschah es auch: Die Erde wurde grün, und Pflanzen und Bäume, Blumen und Kräuter wuchsen überall auf der Erde. Und G“tt sah, dass es gut war. Es war Abend, es war Morgen: ein dritter Tag.

Begrünen: Mit Begrünen meint man nicht die einzelnen Pflanzen, sondern das Grün, mit dem sich die Erde überzieht. Deshalb nennt der Vers auch die einzelnen Grünpflanzen.

Kraut und Bäume: Das Kraut bringt seinen Samen hervor, um an anderer Stelle auszusäen, die Bäume tragen die Kerne in der Frucht.

Bäume: Eigentlich sollten die Fruchtbäume so schmecken wie ihre Früchte. Aber die Erde hielt sich nicht daran, und so waren die Bäume keine Frucht. Weil die Erde hier gesündigt hat, wird sie später bestraft und verflucht, als der Mensch bestraft wurde.

G“tt sagte: „Es sollen Himmelskörper am Himmel aufleuchten, damit der Tag von der Nacht unterschieden werden kann. Sie sollen Zeichen für die Zeit sein, für den Tag und die Jahre, und sie sollen die Erde beleuchten.“ Und so geschah es: Die Sonne strahlte am Tag, der Mond und die Sterne strahlten in der Nacht. Und sie beleuchteten die Erde und schieden zwischen Licht und Dunkelheit. Und G“tt sah, dass es gut war. Es war Abend, es war Morgen: ein vierter Tag.

Himmelskörper: So wie alles, das Gott erschaffen hat, bereits am ersten Tag erschaffen hat, um es am bestimmten Tag einzusetzen, so auch bei den Himmelskörpern. Sie wurden am vierten Tag zum Schweben gebracht. Das kann man daraus schließen, dass es zu Beginn (1,1) heißt: den Himmel und die Erde (et ha-schammajim we-et ha-aretz).

Unterschieden werden kann: Das weist darauf hin, dass das erste Licht (vgl. Gen 1,1 mit Raschi) zurückgehalten wurde. [Jetzt handelt es sich um das Licht, das den Tag zum Tag macht].

Zeichen: So wie Jer 10,2 sagt: Vor den Zeichen des Himmels müsst ihr euch nicht fürchten, wenn ihr den Willen des Ewigen achtet.

Zeit: Das bezieht sich auf die Zukunft, wenn Jisrael die Festtage einhalten wird.

Dann sagte G“tt: „Das Wasser soll von lebendigen Wesen wimmeln, und über der Erde sollen Vögel durch die Luft fliegen.“ So schuf G“tt die Seetiere und Fische und alle Wesen, die im Wasser schwimmen und wimmeln, und auch die Vögel, die durch die Lüfte fliegen. Und G“tt sah, dass es gut war. Er segnete sie alle und sagte: „Seid fruchtbar und vermehrt euch und füllt die Meere. Auch die Vögel sollen sich über der Erde ausbreiten.“ Es war Abend, es war Morgen: ein fünfter Tag.

Wesen wimmeln: Grundsätzlich werden Lebewesen als wimmelnd bezeichnet, wenn sie sich nicht über die Erde erheben können. Bei den Vögeln z.B. die Fliegen, bei den Kriechtieren z.B. Ameisen, Käfer und Würmer, bei den größeren Tieren z.B. Wiesel, Mäuse und Schnecken und alle Fische. [Dies ist später bei den erlaubten und nichterlaubten Tieren (Lev 11) wieder von Bedeutung].

Die großen Seetiere: Nach dem einfachen Schriftsinn sind damit die großen Fische im Meer gemeint. Die Aggada meint, dass damit Leviathan und sein Weibchen gemeint sei, also Seeungeheuer. Das Weibchen wurde aber bald getötet, damit sie sich nicht vermehren konnten. Denn die Seeungeheuer hätten das Leben auf Erden unmöglich gemacht. Das Fleisch des Weibchens schaffte Gott beiseite für die Gerechten in der künftigen Welt.

Segnete sie: Die Tiere hatten den Segen nötig, denn sie werden gejagt und gegessen. Deshalb bedurften sie des Segens. Es heißt auch fruchtbar und vermehren. Hätte es nur fruchtbar geheißen, hätte eines immer nur eines gezeugt. So zeugte eines viele.

Dann sagte G“tt: „Auch die Erde soll lebendige Wesen hervorbringen.“ Und so geschah es: G“tt machte das Wild und das Vieh und alles Gewürm der Erde, und er sah, dass alles gut war.

Hervorbringen: Dass die Erde hervorbringt, zeigt, was vorher gesagt worden ist: Alles ist am ersten Tag erschaffen, und an den einzelnen Tagen kommen die Dinge hervor.

machte: Er bildete sie in ihrer Schönheit und ausgewachsenen Gestalt.

Dann sagte G“tt: „Wir wollen Menschen machen nach unserem Bild, uns ähnlich, damit sie über die Fische, über die Vögel und über alle Tiere der Erde und über die ganze Erde regieren.“

Wir wollen einen Menschen machen: [Raschi geht auf das Problem des Plurals ein:] Da der Mensch den Engeln gleicht, hätte es leicht passieren können, dass die Engel auf die Menschen neidisch werden. Deshalb hat der Ewige seine Engel um sich versammelt und sich mit ihnen besprochen, so wie es 1Kön 22,19 geschildert wird. Weitere Erklärung: Obwohl dieser Ausdruck für Andersgläubige Gelegenheit bietet zu diskutieren, hält sich die Tora doch nicht zurück, den Plural zu verwenden, weil sie die Demut Gottes zum Ausdruck bringen möchte, dass der Ewige sich auch mit den Kleinen [den Engeln] berät. Außerdem folgt die Antwort auf die Andersgläubigen: „Und G“tt schuf den Menschen“ und nicht: „wir schufen“.

Uns ähnlich: Unterscheiden und verstehen zu können.

Regieren: Den hebräischen Ausdruck für „regieren“ kann man auch als „sinken“ lesen. Daraus kann man folgern: Wenn der Mensch würdig ist, dann regiert er. Ist er nicht würdig, dann wird er den Tieren unterwürfig und sie regieren über ihn.

Und G“tt schuf den Menschen nach seinem Bild, ihm ähnlich, als Mann und Frau schuf er ihn. Und G“tt segnete sie und sagte zu ihnen: „Seid auch ihr fruchtbar und vermehrt euch, füllt die Erde und regiert über die Fische, über die Vögel und über alle Tiere der Erde.“

Nach seinem Bild: Nach der Form, die für den Menschen gebildet war.

Als Mann und Frau: [Raschi geht auf das Problem ein, weshalb hier Mann und Frau zusammen erwähnt werden, während in Gen 2,21 die Frau nach dem Mann aus dem Mann erschaffen wird:] In der Aggada heißt es, dass Gott den Menschen zunächst mit doppeltem Gesicht erschaffen habe, um ihn dann in zwei Menschen zu teilen. Einfacher Wortsinn: Hier heißt es, dass Gott Mann und Frau am selben Tag erschaffen hat, dort (Gen 2) wird berichtet, wie er Mann und Frau erschaffen hat.

Bezwingt sie: Der hebräische Ausdruck ist so in der Tora geschrieben, dass es auch heißen kann: „Bezwinge sie“, also Singular. Dann ist es so zu verstehen: der Mann soll die Frau bezwingen. Und wie die Art des Mannes auch ist zu herrschen, so ist auch nur der Mann zur Fortpflanzung verpflichtet, nicht die Frau. [Hier steht die Halacha im Hintergrund, nach der nur der Mann die Mizwa hat, sich fortzupflanzen, eine Halacha, die sich auf die Familienplanung bis heute auswirkt].

Weiter sagte er: „Seht, ich gebe euch alles Kraut und alle Bäume zum Essen. Aber auch allen Tieren und allen Vögeln gebe ich das grüne Kraut zur Nahrung.“ Und so geschah es. Und G“tt sah alles, was er gemacht hatte, und er sah, dass es sehr gut war. Es war Abend, es war Morgen: der sechste Tag.

Ich gebe euch alles Kraut: G“tt hat sowohl den Menschen als auch den Tieren alles Kraut und alle Früchte zum Essen gegeben. Fleisch sollte noch nicht gegessen werden. Dies ändert sich erst mit den Söhnen Noachs.

Der sechste Tag: Im Gegensatz zur Angabe der anderen Tage heißt es der sechste Tag [mit Artikel], hebräisch mit einem „He“ ausgedrückt. Dieses „He“ hat den Zahlwert 5. Das bedeutet: Am Ende der Erschaffung der Welt setzt G“tt die Bedingung für die Existenz der Welt, dass Jisrael die Tora (=die fünf Fünftel der Tora!) akzeptiert. Andere Erklärung: Der sechste Tag bedeutet der 6. Siwan (=Schavuot, das Fest zur Gabe der Tora). Alles blieb bis zum 6. Tag in der Schwebe, bis Jisrael die Tora annahm.

(2) So wurde Himmel und Erde und alles vollendet. Am siebten Tag vollendete G“tt sein Werk, das er gemacht hatte, und ruhte am siebten Tag von seinem ganzen Werk, das er gemacht hatte. Und G“tt segnete den siebten Tag und heiligte ihn, denn an ihm ruhte er von allem Werk, das er geschaffen hatte.

vollendete G“tt sein Werk: Was fehlte der Welt noch zur Vollendung? Die Ruhe. Und mit dem Schabbat kam die Ruhe.

Segnete und heiligte: Das bezieht sich auf das Man, das die Jisraeliten in der Wüste erhalten sollten: Am sechsten Tag der Woche gab es die doppelte Portion Man, an Schabbat überhaupt keines.

Zusammenfassung:Die Erschaffung der Welt wird zunächst in einem Sieben-Tage-Schema erzählt, wobei der Text großen Wert darauf legt, von der Erschaffung der Welt zu sprechen. G“tt wird als der Schöpfer von allem erklärt. Das ist die besondere Aussage dieses Textes. Aber nicht nur. Auch wird das, was G“tt erschafft, als „gut“ bezeichnet. Das ist wichtig. Denn der Gegensatz Gut – Böse wird hier – noch – nicht erwähnt. Die Welt ist gut. Das richtet sich gegen die Schöpfungsmythen, nach denen bereits durch die Erschaffung der Welt ein gutes und ein böses Prinzip Eingang in die Welt gefunden habe. Es richtet sich aber auch gegen die moderne Vorstellung von der Welt als Zufallsprodukt. Da G“tt die Welt erschaffen hat, ist diese Welt „gut“ in ihrer Anlage. G“tt hat die Welt nicht einfach nur erschaffen, er hat sie auch für „gut“ befunden. Dass der biblische Text sehr wohl „das Böse in der Welt“ kennt, zeigt der weitere Fortlauf des Textes, vgl. Gen 2,3ff.
Aber schon Raschi weist darauf hin, dass nicht jedes Einzelne, das erschaffen worden ist, von G“tt als „gut“ bezeichnet wird und legt das so aus, dass alles, was noch nicht vollendet ist, auch noch nicht als „gut“ bezeichnet werden kann. Das trifft vor allem auf den Menschen zu, der gerade nicht als „gut“ bezeichnet wird. Aber nicht, weil er „böse“ ist, sondern weil er nicht vollendet ist. Der Mensch ist gerade der Teil der Schöpfung, der sich selbst weiter entwickeln muss, in dessen Händen es liegt, wie die Welt weitergeht.
Insofern kann man sagen, dass der Mensch die „Krone der Schöpfung“ ist, aber nicht als ein ‘toller Held´, sondern nur insofern, als er die Verantwortung für die Schöpfung aufgetragen bekommen hat. Die Tora formuliert das natürlich nicht allgemein menschlich, sondern bezieht diese Aussagen immer wieder auf das Volk Jisrael. Die ganze weitere Geschichte nach der Urgeschichte läuft ja darauf hinaus, wie das Volk Jisrael die Tora an die Hand bekommt, um überhaupt dieser Verantwortung gerecht werden zu können.
Bereits Raschi formuliert diese ambivalente (unsichere) Position des Menschen: wenn der Mensch würdig ist, dann kann er über die Tiere regieren, wenn nicht, wird er regiert. Der Mensch zeichnet sich gerade darin aus, dass er nicht wie eine Maschine vorprogrammiert ist, sondern dass er seinen Weg selbst gehen muss. Daher kann der Mensch – anders als das Tier – auch verstehen und unterscheiden. Darin ist der Mensch den Himmlischen ähnlich.
Gleichzeitig ist der Mensch G“tt unähnlich: denn der Mensch ist eine zweifache Größe: er ist männlich und weiblich und nicht einfach nur Mensch. Das ist in zweifacher Weise wichtig in Bezug auf G“tt: Einmal ist der Mensch deshalb zweifach, männlich und weiblich, um von G“tt ganz klar unterschieden zu sein; Raschi sagt dazu: Der Mensch ist deshalb zweifach, damit es nicht heißt: bei den Himmlischen ist G“tt einzig und allein, und bei den Irdischen ist der Mensch einzig und allein. Da würde der Mensch unmittelbar zum Konkurrenten zu G“tt werden. Zum zweiten ist das auf G“tt hin wichtig, weil durch die Zweiheit Ungleichheit in die Welt gebracht wird, und damit Spannungen und Missverständnisse zwischen Menschen aufgebaut werden. Und weil die Menschen dadurch sehr stark mit sich selbst beschäftigt sind, können sie auch nie werden wie G“tt. Das wird vor allem im zweiten Teil der Schöpfungsgeschichte erzählt, wo das Mann-Frau-Verhältnis unter die Lupe genommen wird.

Der erste Mensch im Gan Eden

Das ist die Geschichte von Himmel und Erde, als sie erschaffen wurde: Die Sträucher, Blumen und Pflanzen waren noch nicht gewachsen, da G“tt, der Ewige, noch nicht auf die Erde hatte regnen lassen. Auch gab es noch keinen Menschen, der die Erde hätte bearbeiten können.

Waren noch nicht gewachsen: Sie waren zwar schon erschaffen (nämlich am dritten Tag), aber sie fingen erst am sechsten Tag an zu wachsen. [Hier geht Raschi auf das Problem ein, dass die Reihenfolge in der hiesigen Erzählung anders ist als im Sieben-Tage-Schema zuvor].

Hatte nicht regnen lassen: Er hatte noch nicht regnen lassen, weil der Mensch noch nicht da war, die Erde zu bebauen. Als der Mensch aber einsah, dass der Regen nötig sei, bat er um ihn, und da fiel Regen und die Bäume und Kräuter wuchsen.

Da geschah es, dass Feuchtigkeit aus dem Erdboden hervorkam und das ganze Erdreich nässte. G“tt, der Ewige, nahm vom Staub und von der feuchten Erde und bildete daraus den Menschen. Dann blies er den Lebensgeist in die Nase des Menschen, so dass der Mensch zu einem lebendigen Wesen wurde.

Feuchtigkeit: Damit G“tt den Menschen aus feuchter Erde bilden konnte.

bildete: Im Hebräischen mit einem doppelten „Jod“ geschrieben, weil G“tt den Menschen doppelt bildete: eine Bildung für diese Welt, eine für die Belebung der Toten. Deshalb ist beim Bilden der Tiere nur ein „Jod“ geschrieben, weil sie nicht für die Wiederbelebung bestimmt sind.

blies er den Lebensgeist: G“tt schuf den Menschen irdisch und himmlisch: den Körper aus Irdischem und die Seele aus Himmlischem. Dies erklärt sich auch aus den Schöpfungstagen: am ersten Himmel und Erde, am zweiten den Raum für die Himmlischen, am dritten das Trockene für das Irdische, am vierten die Lichter für die Himmlischen, am fünften die Wasser für die Irdischen. Deshalb musste am sechsten Tag Himmlisches und Irdisches im Menschen erschaffen werden, da sonst Neid zwischen den Himmlischen und Irdischen entstanden wäre.

Lebendiges Wesen: Auch Tiere werden lebendige Wesen genannt. Aber beim Menschen ist es die höchste Steigerung des Lebens, da der Mensch mit Vernunft und Sprache ausgestattet ist.

Nachdem er nun den Menschen gebildet hatte, pflanzte G“tt, der Ewige, einen Garten in Eden und setzte in diesen Garten den Menschen. G“tt, der Ewige, ließ allerlei Bäume in diesem Garten wachsen, schön anzusehen und die Früchte gut zum Essen, auch den Baum vom Leben und den Baum von der Erkenntnis des Guten und Bösen pflanzte er inmitten dieses Gartens…

G“tt, der Ewige, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit dieser ihn bearbeiten und bewachen konnte. Und G“tt, der Ewige, befahl dem Menschen: „Von allen Bäumen in diesem Garten magst du essen und es dir schmecken lassen. Aber von dem Baum von der Erkenntnis des Guten und Bösen, von diesem Baum sollst du nicht essen. Denn sobald du davon auch nur eine Frucht nimmst, wirst du sterben.“

Nachdem der Mensch in den Garten Eden gesetzt worden war, sagte G“tt: „Es ist nicht gut, dass der Mensch so ganz allein für sich ist. Ich will ihm eine Hilfe machen, die zu ihm passt.“

Es ist nicht gut: Damit man nicht sagen kann: Schau, im Himmel ist einer und einzig und ohne Zweiten und auf Erde ist auch einer und einzig und ohne Zweiten. [Damit würde der Mensch zum Konkurrenten von G“tt. Deshalb ist der Mensch zweigeschlechtlich geschaffen].

Hilfe machen: [Der hebräische wörtliche Ausdruck heißt „eine Hilfe, ihm gegenüber“. Daraus entnimmt Raschi:] Wenn der Mensch Glück hat, ist sie ihm eine Hilfe, hat er aber nicht Glück, so stellt sie sich ihm entgegen.

So bildete G“tt, der Ewige alle Tiere und alle Vögel aus der Erde und brachte sie vor den Menschen, um zu sehen, wie er sie nennen würde.

Bildete G“tt: Das ist genau die Erschaffung der Tiere, wie sie schon oben beschrieben ist.

Denn so, wie der Mensch die Tiere benannte, so sollten sie auch für immer heißen. Da gab der Mensch also allen Tieren ihre Namen. Aber eine Hilfe, die zu ihm passte, fand er nicht.

Fand er nicht: Als G“tt die Tiere zum Menschen brachte, brachte er sie paarweise. Da sagte der Mensch: Alle haben einen Partner, nur ich nicht.

Da schließlich brachte G“tt, der Ewige, einen tiefen Schlaf über den Menschen und nahm etwas aus der Seite des Menschen, verschloss die Stelle, baute das zu einer Frau und brachte die Frau zum Menschen.

Tiefen Schlaf: Damit der Mensch das Stück Fleisch nicht sehe, mit dem die Frau geschaffen worden ist. Sonst würde sie ihm nur verächtlich werden.

Aus der Seite: Wie vorher gesagt: Zwei Gesichter waren geschaffen worden, die jetzt getrennt werden.

Da sagte der Mensch: „Dieses Mal ist es endlich ganz von mir. Sie soll ‘Frau´ heißen, weil sie vom ‘Mann´ ist.“ Das ist auch der Grund, weshalb der Mann seinen Vater und seine Mutter verlässt, um mit seiner Frau zusammensein zu können und mit ihr *Kinder zu haben*.

Soll Frau heißen: [Hebräisch heißt ‘Mann´ ‘isch´ und ‘Frau´ ‘ischa´. Aufgrund dieses Wortspiels folgert Raschi:] Daran erkennt man, dass die Welt in der heiligen Sprache (Hebräisch) erschaffen worden ist.

Weshalb der Mann: Das sagt der göttliche Geist, weil er auch den Söhnen Noachs [d.h. den Nichtjuden] die nahen Verwandten verbieten will. [Raschi zielt bei dieser Aussage also auf das Inzestverbot]

Mit ihr Kinder zu haben: [Im Hebräischen: werden zu einem Fleisch. Dies deutet Raschi:] In den Kindern, die beide bekommen, werden sie zu einem Fleisch.

Und die beiden waren nackt, der Mensch, Adam, und seine Frau. Aber sie hatten noch keine Scham voreinander.

Noch keine Scham: Sie kannten noch keine Keuschheit, um zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können. Und das, obwohl sie schon Verstand hatten, um Tieren einen Namen geben zu können. Aber es fehlte noch der „böse Trieb“, der erst kam, als sie von der Frucht gegessen hatten.

Zusammenfassung: Nun erhält der Mensch sein Gegenüber, die Frau, der Mensch wird also in der Zweigeschlechtlichkeit begründet, doch wird dieses Gegenüber nach der Übertretung sofort in der Schuldzuweisung missbraucht: Die Frau, die du mir gegeben hast, ist schuld, dass ich von der Frucht gegessen habe. Von einem gemeinsamen Tun ist da wenig zu spüren, vielmehr von einem Gegeneinander. Für G“tt ist das die beste Garantie dafür, dass der Mensch nicht G“tt gleich wird. Dieses Thema wird später im Turmbau zu Bavel noch einmal breit aufgegriffen.

Die Übertretung des Gebots

(3) Die Schlange war schlauer als alle anderen Tiere, die G“tt, der Ewige, gemacht hatte. Sie sprach zu der Frau:

listiger: Eigentlich hätte hier anschließen sollen, dass G“tt ihnen Felle gab und sie bekleidete. Aber diese Erzählung ist dazwischengeschaltet, um klar zu machen, welchen Plan die Schlange hatte: Sie sah nämlich die beiden nackt beim Geschlechtsverkehr und wurde lüstern auf die Frau. [Im Hebräischen ist „listig“ und „nackt“ dasselbe Wort].

„Hat G“tt zu euch wirklich gesagt, dass ihr von keinem Baum im Garten essen dürft?“

Von keinem Baum: Obwohl die Schlange sah, dass die Menschen von den Bäumen aßen, redete sie auf die Frau ein, um die Rede auf den Baum in der Mitte zu bringen.

Da sagte die Frau: „Wir dürfen von den Früchten essen, ja, aber nur von dem Baum in der Mitte des Gartens, davon dürfen wir nicht essen, nicht einmal berühren dürfen wir ihn. Wir müssen sonst sterben, hat G“tt gesagt.“

Nicht einmal berühren: Das fügte die Frau zum Verbot dazu, deshalb verstieß sie gegen das Verbot, so wie es Spr 30,6: Füge seinem Wort nichts hinzu.

Darauf erwiderte die Schlange zur Frau: „Ach was. Ihr werdet nicht sterben! Und auch G“tt weiß ganz genau, dass euch die Augen aufgehen werden und ihr, wie G“tt selbst, Gutes und Böses erkennen könnt, wenn ihr davon esst.“

Ihr werdet nicht sterben: Die Schlange stieß die Frau solange, bis sie den Baum berührte, um ihr anzuzeigen, sowenig wie es eine Todesstrafe auf Berührung gibt, sowenig auf den Genuss der Früchte.

G“tt weiß: Die Schlange sagte zur Frau: Jeder Handwerker hasst seinen Zunftgenossen. G“tt hat vom Baum gegessen und eine Welt erschaffen, nun hat er Angst vor einem Rivalen, der vom Baum isst und ebenfalls Welten schaffen kann.

Wie G“tt selbst: Nämlich Schöpfer von Welten zu sein

Da sah die Frau den Baum in der Mitte des Gartens genauer an und sah, dass die Früchte sehr süß aussahen und dass sie bestimmt sehr gut schmecken würden. Schließlich nahm sie eine Frucht von diesem Baum und aß sie. Auch ihrem Mann, der bei ihr stand, gab sie eine Frucht, und auch er aß davon.

Da sah die Frau: Das bedeutet, dass sie die Worte der Schlange akzeptierte. Denn sie gefielen ihr und sie schenkte ihnen Glauben.

Für die Augen: So wie die Schlange vorher sagte: euch werden die Augen aufgehen.

Sehr gut schmecken: Und dass es gut sei, so zu sein wie Gott.

Auch ihrem Mann: Sie hatte Angst, dass er sonst am Leben bleiben und sich eine andere Frau nehmen würde.

Da gingen ihnen plötzlich die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Deshalb flochten sie sich Feigenblätter zusammen und machten sich Schürzen, um sich an ihrer Scham zu bedecken.

Die Augen auf: Das bezieht sich auf das Erkennen, nicht auf das Sehen.

Sie erkannten: Auch der Blinde weiß, dass er nackt ist, was bedeutet es also? Sie hatten eine Pflicht, ein Gebot nicht zu übertreten, aber sie „entkleideten“ sich von dieser Pflicht.

Feigenblätter: Derselbe Baum, von dem sie gegessen hatten. Durch das sie verdorben wurden, durch das wurde ihnen geholfen. Aber der Baum ist im Hebräischen nicht ganz klar genannt, weil der Ewige nicht wollte, dass eines seiner Geschöpfe gekränkt würde.

Irgendwann hörten sie die Stimme G“ttes, des Ewigen. Er wanderte in der Kühle des Abends durch den Garten. Schnell versteckten sie sich, Adam und seine Frau, vor G“tt, dem Ewigen, hinter Büschen, irgendwo im Garten.

Da rief G“tt, der Ewige, nach Adam und sagte: „Wo bist du denn, Adam?“ Und der antwortete: „Ich habe deine Stimme im Garten gehört, und da fürchtete ich mich, weil ich doch nackt bin, und deshalb habe ich mich vor dir versteckt.“

Wo bist du: G“tt kannte den Aufenthalt der Menschen, aber er fragte nur, um ein Gespräch zu beginnen. Er wollte nicht, dass sie sich erschrecken, wenn er ihnen die Strafe verkündete.

Darauf sagte G“tt, der Ewige, streng zu Adam: „Wer hat dir denn gesagt, dass du nackt bist? Hast du etwa von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe?“ Ganz leise antwortete Adam: „Diese Frau, die du mir gegeben hast, die hat mir von diesem Baum gegeben. Ich habe dann eben gegessen.“

Wer hat dir gesagt: Woher weißt du, welche Schamesröte den Nackten trifft?

Diese Frau: Damit weist er die Wohltat, die ihm erwiesen worden ist, von sich.

Daraufhin sagte G“tt, der Ewige, zur Frau: „Was hast du da getan?“ Schnell erwiderte die Frau: „Die listige Schlange, die hat mich irre gemacht. Und ich habe dann von dem Baum gegessen.“

Da wandte sich G“tt, der Ewige, endlich der Schlange zu und sagte: „Weil du das getan hast, sollst du von allen Tieren des Feldes verflucht sein: Fortan sollst du auf dem Bauch kriechen, und Staub sollst du fressen, solange du lebst.“

Weil du das getan hast: Daraus erkennt man, dass man für einen Verführer nichts Entlastendes sucht. [Die Schlange hatte keine Gelegenheit, sich zu verteidigen].

Auf dem Bauch: Die Schlange hatte also zuvor Füße, die ihr nun abgeschlagen wurden.

Und zur Frau gewandt sagte er: „Du wirst viel Ärger mit deinen Kindern haben, schon das Gebären wird für dich sehr beschwerlich sein. Nach deinem Mann wird’s dich drängen, doch der will nur immerzu herrschen über dich.“

Ärger: Bei der Erziehung der Kinder.

Nach deinem Mann: Du willst zwar mit ihm schlafen, aber du wirst dich nicht trauen, ihn mit Worten darum zu bitten. Vielmehr wird er über dich herrschen und er allein wird darüber bestimmen.

Und zu Adam gewandt sagte er: „Weil du auf deine Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem zu essen ich dir verboten habe, soll der Erdboden um deinetwillen verflucht sein: Mit großer Mühe sollst du dich von ihm ernähren, Dornen und Disteln sollen dir die Arbeit auf dem Feld erschweren. Dein Brot sollst du dir hart verdienen müssen, bis du zur Erde zurückkehren wirst, von der ich dich genommen habe. Denn Staub bist du, und zu Staub sollst du wieder werden.“

Verflucht sein: Die Erde wird Allerlei hervorbringen, wie Fliegen, Flöhe, Ameisen.

Kraut des Feldes: Was ist hier die Verwünschung, wo ihm doch alles Kraut zum Essen zur Verfügung steht? Wenn du deine Kräuter und Früchte säst, werden Dornen und Disteln wachsen und andere wilde Kräuter. Und gegen deinen Willen wirst du das, was du nicht gesät hast, essen.

Adam gab seiner Frau den Namen Chava, da sie die Mutter von allen Menschen wurde.

Adam gab seiner Frau: Nun kehrt die Geschichte zum eigentlichen Thema zurück, nämlich zur Namensgebung. Die Geschichte ist nur deshalb unterbrochen, weil oben erwähnt war, dass die beiden nackt waren. Daran schloss sich die Geschichte mit der Schlange an, die die beiden beim Geschlechtsverkehr beobachtete und ein Verlangen nach der Frau hatte, weshalb sie einen Plan ausheckte. [Es ist sehr bemerkenswert, wie Raschi hier mit literarischen Kriterien hantiert und genau bemerkt, dass es Hauptstränge und Nebenstränge in einer Erzählung geben kann.]

Jenseits von Eden

Danach machte G“tt, der Ewige, für Adam und Chava Röcke aus Fellen und bekleidete sie damit. Und er sagte: „Nun, da der Mensch wie wir geworden ist und Gutes und Böses erkennen kann, schicke ich ihn aus dem Garten Eden fort, damit er nicht auch noch vom Baum des Lebens isst und so etwa ein ewiges Leben erlangen könnte.“

Wie wir geworden: Durch das Unterscheiden von Gut und Böse ist der Mensch einzigartig unter den Irdischen, wie ich einzigartig unter den Himmlischen bin.

Damit er nicht auch noch: Denn dann würde er ewig leben und den Geschöpfen weismachen können, dass er ein Gott sei.

Und G“tt, der Ewige, schickte Adam und seine Frau Chava aus dem Garten Eden fort, damit er die Erde bearbeiten kann, von der er genommen wurde. Und so vertrieb er sie aus dem Garten und ließ zum Osten hin Keruven aufstellen, die mit flammenden Schwertern den Baum des Lebens bewachten.

Keruven: Das sind Engel der Zerstörung.

Zusammenfassung: In diesem Sinn ist auch das Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen, zu verstehen: Durch die Übertretung des Verbotes erkennen sich nun Mann und Frau als je unterschiedliche Wesen („sie erkannten, dass sie nackt waren“) und treten durchaus in Konkurrenz zueinander auf. Das musste natürlich ein göttliches Verbot sein, weil dadurch es G“tt selbst ist, der den Menschen mit dieser Erkenntnis ausgestattet hat, und nicht der Mensch, der sich selbst diese Erkenntnis bringt. Denn hätte der Mensch quasi von sich aus das Böse erkannt, wäre der Mensch der Schöpfer des Bösen geworden, und damit der Mensch zum Gegenspieler G“ttes.  
Obwohl sich diese Übertretung sehr negativ anhört und Adam und Chava für diese Tat sehr gescholten wurden, hat es etwas Positives: Der Mensch kann erkennen, er kann unterscheiden, er hat die Freiheit, dies oder jenes zu tun, je nach Einsicht. Der Mensch ist gerade dadurch eben keine vorprogrammierte Maschine, sondern kann nun endlich seine Verantwortung für sich und die Schöpfung erst richtig wahrnehmen, indem er, aufgrund eigener Erkenntnis, seinen eigenen Weg finden muss.

Qain und Hevel

(4) Adam und Chava lebten zusammen. Und Chava wurde schwanger und gebar einen Sohn, den sie Qain nannte. Einige Zeit später wurde sie wieder schwanger und gebar wieder einen Sohn. Den nannte sie Hevel. Beide wuchsen heran und wurden erwachsen. Hevel wurde Schafhirte, Qain dagegen wurde ein Ackerbauer.

Lebten zusammen: Sie hatten schon im Gan Eden miteinander geschlafen und Kinder bekommen.

Den: [Im Hebräischen gibt es in diesem einen Satz drei Akkusativpartikel. Diese deuten nach traditioneller Auslegung darauf hin, dass etwas Weiteres mitgesagt werden soll, deshalb folgert Raschi:] Die drei Akkusativpartikel sind Hinzufügungen. Das lehrt uns, dass mit Qain eine Zwillingsschwester geboren wurde und mit Hevel zwei Mädchen.

Erworben: [Die beiden Wörter „Qain“ und „erworben“ sind im Hebräischen sehr ähnlich, deshalb wird der Name entsprechend begründet].Chava sagte zu Adam: Als der Ewige uns erschuf, erschuf er allein. Nun, bei diesem Kind sind wir beide Partner vom Ewigen.“

Schafhirte: Weil der Erdboden verwünscht worden war, trennte sich Hevel von dessen Bearbeitung. [Dies wirft bereits ein negatives Licht auf Qain, da er sich nicht abwandte].

Eines Tages brachte Qain von den Früchten der Erde ein Geschenk dem Ewigen. Und auch Hevel brachte von den Erstlingen seiner Herde ein Geschenk, von den Besten nahm er sie. Da wandte sich aber der Ewige nur Hevel und seinem Geschenk zu und freute sich über sie.

Von den Früchten: Von den schlechten Früchten. [Weil es bei Hevel heißt, dass er vom Besten nahm, schlussfolgert Raschi, dass Qain schlechte Früchte nahm.]

Wandte sich: Ein Feuer kam vom Himmel und verzehrte das Geschenk.

Zu Qain dagegen wandte er sich nicht, auch freute er sich über sie nicht. Das verärgerte Qain sehr, und er war sehr traurig darüber. Aber der Ewige sagte zu Qain: „Warum lässt du deinen Kopf hängen und bist so traurig? Es gibt keinen Grund dafür. Denn hast du recht gehandelt, so kannst du hoch erhobenen Hauptes gehen. Wenn du aber nicht recht gehandelt hast, so wartet die Sünde schon auf dich und bedrängt dich. Aber denk daran: Du kannst sie beherrschen, wenn du es nur willst.“

Bedrängt dich: Das ist der böse Trieb, der immerzu danach verlangt, jemanden zum Straucheln zu bringen.

Daraufhin begann Qain mit seinem Bruder Hevel *einen Streit* und sie gingen gemeinsam aufs Feld. Dort überfiel Qain seinen Bruder und erschlug ihn.

Einen Streit: Qain begann mit Streit, um einen Grund zu haben, seinen Bruder umzubringen.

Der Ewige sagte zu Qain: „Qain, wo ist dein Bruder?“ Der aber antwortete: „Was weiß ich! Soll ich etwa der Aufseher für meinen Bruder sein?“

Wo ist dein Bruder: Der Ewige sprach zunächst beruhigende Worte, damit Qain die Möglichkeit habe, seine Tat einzugestehen.

Der Ewige aber sagte: „Was hast du da getan? Das Blut deines Bruders schreit von der Erde bis zu mir herauf! Deshalb sollst du verflucht sein. Für dich wird der Erdboden nichts mehr hergeben. Du wirst auf der Erde herumirren und überall flüchtig sein, keine Ruhe wirst du mehr finden!“

Blut: Das ist im Hebräischen im Plural formuliert. Dafür gibt es mehrere Erklärungen: Hevels Blut und das Blut seiner Nachkommen, oder: Qain hatte viele Wunden geschlagen, weil er nicht wusste, durch welchen Schlag er ihn töten könnte.

Nichts mehr hergeben: Damit wurde sowohl Qain bestraft als auch der Erdboden selbst, der wieder gesündigt hatte, weil er den Mund öffnete, um das Blut zu empfangen (wie es ausführlich im Text der Tora steht)

Da fing Qain zu weinen an und wimmerte: „Hab ich denn so Schlimmes getan, dass du mir nicht mehr verzeihen kannst? Schau: ich soll vor dir flüchten, mich vor dir verstecken. Jeder, der mich findet, kann mich erschlagen. Ich bin doch schutzlos jedem ausgeliefert!“ Daraufhin sagte der Ewige zu Qain: „Jeder, der Qain erschlägt, soll dafür siebenfach gestraft werden.“ Und der Ewige machte dem Qain ein Zeichen, das ihn vor anderen schützen sollte.

Nicht mehr verzeihen: [Wörtlich heißt es Hebräisch: dass du meine Schuld nicht mehr tragen kannst]. Du trägst den Himmel und die Erde, aber meine Schuld kannst du nicht mehr tragen? [So fragt Qain den Ewigen].

Siebenfach gestraft: Die Strafe selbst wird aber nicht erklärt.

Ein Zeichen: Der Ewige zeichnete einen Buchstaben aus dem Namen G“ttes auf seine Stirn.

So zog Qain fort vom Ewigen und ließ sich im Osten des Gartens Eden nieder. Dort lebte er mit seiner Frau zusammen, und die gebar ihm einen Sohn, der Chanoch genannt wurde.

Im Osten: Die Ostseite nimmt immer die Vertriebenen auf. Auch Adam ließ sich im Osten des Gartens nieder. Und Mosche bestimmte Zufluchtsstädte zunächst östlich des Jarden (vgl. Dtn 4,41).

Wie die Welt bevölkert wurde

(5) Nachdem nun Qain seinen Bruder Hevel erschlagen hatte, gebar Chava, die Frau von Adam, noch einmal einen Sohn, den sie Seth nannte. Auch viele weitere Kinder, Söhne und Töchter, gebar Chava noch, von denen wir die Namen nicht mehr kennen. Und auch Qain und Seth und all die anderen Kinder von Adam und Chava bekamen selbst wiederum Kinder, und auch die wiederum hatten Kinder und so immer fort. Und die Erde bevölkerte sich auf diese Weise immer mehr und Menschen wohnten schließlich überall auf der Erde verstreut.

Aber die Menschen waren nicht immer gut zueinander. Sie stritten sich, belogen sich, betrogen und machten Dinge, die G“tt, dem Ewigen, sehr missfielen.

Da bereute der Ewige sehr, dass er die Erde und die Tiere und die Menschen erschaffen hatte, und er war sehr betrübt.

Bereute: Nicht bereuen, sondern: der Ewige tröstete sich damit, dass er den Menschen unter den Irdischen und nicht unter den Himmlischen erschaffen hatte.

Betrübt: Der Ewige beschloss, den Menschen zu betrüben, so übersetzt Onkelos, eine alte aramäische Übersetzung. Andere Möglichkeit: Er überlegte, was er mit dem Menschen anfangen solle. Andere Möglichkeit: Er trauerte, weil das Werk seiner Hände nun untergehen soll.

Da sprach der Ewige: „Ich will den Menschen, den ich erschaffen habe, vom Erdboden vertilgen. Und nicht nur den Menschen, sondern alles, was ich erschaffen habe, das Vieh bis hin zum Gewürm und die Vögel des Himmels, alles. Denn ich bereue sehr, dass ich sie erschaffen habe.“ Allein Noach fand Gefallen in den Augen des Ewigen.

vertilgen: Es steht hier hebräisch nicht „vertilgen“ oder „vernichten“, sondern „auflösen“. Denn der Mensch ist Staub und der Ewige lässt Wasser über die Erde kommen, dass sich der Mensch einfach auflöst.

Das Vieh: Weshalb das Vieh: weil es nur um des Menschen willen geschaffen worden war. Wenn der Mensch nun nicht mehr ist, dann muss das Tier  auch nicht mehr sein.

Zusammenfassung: Die „menschliche“ Geschichte wird nach dem Rauswurf aus dem Gan Eden sofort weitererzählt in der Geschichte von Qain und Hevel. Nach dieser Geschichte liegt die menschliche Problematik genau darin, dass man die eigene Unzulänglichkeit nicht bei sich selbst sucht, sondern stets einen anderen dafür verantwortlich macht. Denn es war Qain, der (nach Raschi) die schlechten Früchte zum Geschenk für G“tt machte, nicht Hevel. Und weil Qain von G“tt dafür mit Nichtbeachtung gestraft wurde, lenkte er seinen Zorn auf seinen Bruder Hevel und erschlug ihn. Aber G“ttes Rede an Qain bringt deutlich zum Ausdruck: das ist kein Automatismus, du musst das nicht so machen, deine Freiheit besteht genau darin, dieses Verlangen, andere stets für dich in die Verantwortung zu ziehen, zu beherrschen. Schließlich hast du Verstand und du kannst erkennen und unterscheiden, was richtig und falsch, was gut und böse ist. Gleichwohl wird Qain von G“tt nicht einfach nur verlassen, sondern gleichermaßen von ihm geschützt und mit dem „Kainsmal“ ausgestattet.
Wurde Qain trotz seiner Tat von G“tt noch geschützt, so soll das keine Garantie für den Übeltäter sein. Das zeigt die Hinführung zur „Sintflutgeschichte“, wo es heißt, dass es den Ewigen „gereute“, die Menschen gemacht zu haben und dass er deshalb die ganze Schöpfung wieder rückgängig machen möchte. Das böse Treiben der Menschen ist demnach zu groß geworden. Das bedeutet also, dass der Mensch seine Freiheit nicht ins Unendliche ausziehen kann, er muss sich seiner Verantwortung stellen, damit nicht unschuldig Andere darunter leiden müssen, wenn er sich seiner Verantwortung gänzlich entzieht.
Man kann sich nun fragen, was die Generationen vor der „Sintflut“ (mabbul) von denen nach der Mabbul unterscheiden. Schließlich geht es nach der Mabbul gleich weiter mit der Geschichte vom Turmbau zu Bavel. Unsere Rabbinen haben das schön deutlich gemacht: Die Generationen vor der Mabbul haben sich gegenseitig fertig gemacht (gemordet, gestohlen usw.), die Generation des Turmbaus hat sich dagegen zusammengetan, um einen Turm zu bauen. Es ist also etwas passiert, das die Menschen zusammenführte. Und das ist zum einen, dass G“tt eine Berit (einen Bund) mit den Menschen geschlossen hat, G“tt begleitet den Mensch nun also auf seinem Weg, und zum anderen sind im Rahmen der Berit erste minimale Vorschriften erlassen worden (die sogenannten noachidischen Gebote). Damit wird das menschliche Zusammenleben auf einen wenigstens minimalen geregelten Sockel gestellt und ist nicht mehr der völligen Willkür ausgesetzt. Das ist denn auch die Voraussetzung für die dauerhafte Existenz der Welt.

Paraschat Wajechi

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Menasche und Efrajim

(47,29) Jaaqov lebte im Land Ägypten insgesamt siebzehn Jahre. Und er war 147 Jahre alt, da spürte er, dass es mit ihm langsam zu Ende gehen würde. Da ließ er seinen Sohn Josef zu sich rufen und sagte ihm:

„Wenn ich, lieber Josef, um etwas bitten dürfte? Lege deine Hand unter meine Hüfte zum Zeichen, dass du mir etwas versprichst! Ich bitte dich darum, dass du mich nicht in Ägypten begräbst, wenn ich gestorben sein werde. Ich möchte bei meinen Vätern liegen. Deshalb führe mich aus Ägypten hinaus und begrabe mich dort, wo meine Väter schon begraben sind.“ Und Josef versprach es. Aber Jaaqov war das noch nicht genug: „Schwöre es mir!“ Und Josef schwor es. Da legte Jaaqov seinen Kopf zurück auf sein Bett.

(48) Nach einiger Zeit berichtete man Josef, dass sein Vater Jaaqov krank geworden sei. Sofort nahm Josef seine beiden Söhne Menasche und Efrajim, die ihm in Ägypten geboren worden waren, mit und ging zu seinem Vater Jaaqov. Da wurde Jaaqov mitgeteilt, dass sein Sohn Josef zu ihm komme.

Jaaqov richtete sich mit seiner letzten Kraft auf und setzte sich in seinem Bett hin. Als Josef eingetreten war, sagte Jaaqov zu ihm: „Mein Sohn! Schau, G“tt, der Allmächtige, er erschien mir im Land Kenaan, und er segnete mich und er sagte zu mir, dass ich fruchtbar sein und viele Kinder und Enkel haben würde, und dass eine ganze Menge von Völkern einmal von mir abstammen und dass meine Nachfahren das Land Kenaan einmal in Besitz nehmen würden und dort wohnen könnten. Und deshalb sollen auch deine beiden Söhne, die du bei dir hast – Efrajim und Menasche -, auch zu mir gehören, wie Reuven und Schimon zu mir gehören. Die Kinder, die du nach diesen beiden bekommen wirst, die sollen dann zu dir gehören. Aber überlasse mir deine beiden Söhne Efrajim und Menasche (damit sie später einmal ihren Anteil am Land erhalten sollten).

Und als Jaaqov aufsah, da sah er die beiden Söhne Josefs und fragte: „Und wer sind diese beiden da?“

„Aber Vater, das sind meine Söhne, die mir G“tt geschenkt hat.“

„Komm! Bring sie hierher ans Bett. Ich möchte sie gerne noch segnen, solange ich kann!“
Jisraels Augen waren nämlich schon ganz schwach geworden, und er konnte kaum noch etwas sehen. Josef führte seine Söhne weiter nach vorn, hin zum Bett. Da küsste und umarmte sie Jaaqov.

„Ich konnte schon nicht glauben, dich je wieder sehen zu dürfen. Und nun? Nun sehe ich nicht nur dich, sondern auch noch deine Kinder. Welch eine Freude!“

Und Josef nahm die beiden von Jaaqov wieder fort und warf sich selbst mit dem Gesicht auf den Boden. Erst nach einer Weile nahm er wieder die beiden, Efrajim und Menasche, und führte sie so vor Jaaqov, dass Efrajim links und Menasche rechts von Jaaqov zu stehen kamen. Da streckte Jisrael seine rechte Hand aus und legte sie auf den Kopf Efrajims, der links neben ihm stand, und seine linke Hand streckte er aus und legte sie auf den Kopf Menasches, der rechts neben ihm stand, Jaaqov machte dies mit Bedacht, obwohl Menasche der erstgeborene Sohn Josefs war und deshalb die rechte Hand verdient hätte.
Und Jaaqov segnete auf diese Weise Josef und sagte:

„Der G“tt meiner Väter Avraham und Jizchaq, der G“tt, der mich stets, seitdem ich lebe, bis heute gehütet, der Engel, der mich vor allen Gefahren gerettet hat, er segne die Kinder, denn mit ihnen soll mein Name und der Name von Avraham und Jizchaq weiterleben, und wie die Fische sollen sie sich auf der Erde vermehren.“

Als Josef aber sah, dass sein Vater die rechte Hand auf den Kopf Efrajims statt auf den Menasches gelegt hatte, wurde er ganz nervös, stand auf und nahm die Hand seines Vaters, um sie auf den Kopf Menasches zu legen. Dabei flüsterte er seinem Vater zu: „Nicht so, mein Vater. Denn Menasche ist der Erstgeborene, nicht Efrajim, und deshalb sollst du die rechte Hand auf Menasche legen.“ Jaaqov widersetzte sich aber Josef und beharrte darauf, wie er die Hände gelegt hatte und antwortete: „Ich weiß, ich weiß. Menasche wird auch zu einem großen Volk werden. Aber sein jüngerer Bruder wird zu einem größeren Volk werden.“ So segnete Jaaqov die beiden Söhne Josefs und sprach: „So wird Jisrael seine Kinder segnen, indem es spricht: G“tt lasse dich wie Efrajim und Menasche werden.“ So bevorzugte Jaaqov Efrajim vor Menasche.

Jisrael sagte daraufhin zu Josef: „Josef, ich werde sterben! Aber G“tt wird mit euch sein. Er wird euch in das Land unserer Väter zurückführen, das verspreche ich dir. Und ich werde dir einen eigenen Anteil vom Land geben, (nämlich Schechem, wo man dich begraben wird).“

Der Segen und der Tod Jaaqovs

(49) Als Jaaqov nun spürte, dass er bald sterben würde, da rief er alle seine Kinder um sich zusammen und sagte zu ihnen:

„Kommt her zu mir, ich will euch über euch etwas sagen, hört mir zu!“ „Du, Reuven, bist der Erste unter meinen Kindern, du müsstest der Größte von ihnen sein, du hast aber etwas Schreckliches getan, deshalb bist du der Größte nicht. Ihr, Schimon und Lewi, seid euch gleich. Ihr habt Gewalt im Kopf, ihr habt in wüstem Zorn gemordet. Deshalb sollt ihr zerstreut werden unter Jisrael. Auf Jehuda schauen aber alle. Er ist wie ein junger Löwe, seine Macht soll er nie verlieren. Sevulun wohnt an der Küste, dort, wo die Schiffe vor Anker gehen. Jissaschar ist wie ein starker Esel, und wo das Land so reizvoll ist, da leiht er den Lasten seine Schultern. Dan ist der Richter des Volkes, er ist wie die Schlange auf dem Weg, die dem Pferd in die Ferse sticht. Gad wird von vielen bedrängt, doch er drängt zurück. Bei Ascher wachsen die Leckereien, er beliefert den königlichen Hof. Naftali ist wie ein schlanker Baum, der hoch in den Himmel ragt. Josef ist wie ein junger Baum an der Wasserquelle, aber man hasste ihn und alle lauerten auf ihn. Er blieb aber fest, weil er die Kraft des G“ttes Jisraels hatte, auf die er hoffen konnte. Er soll deshalb mit allen Segnungen gesegnet sein. Benjamin ist wie ein räuberischer Wolf, der morgens seine Beute frisst.“ Alle segnete er mit einem besonderen Segen.

Danach sagte er zu allen: „Meine Kinder, ich werde nun sterben. Versprecht mir, dass ihr mich in der Höhle in Machpela begrabt, also dort, wo mein Großvater Avraham ein Stück Land gekauft hat als Grabstätte für seine Frau Sara und für sich. Dort, in dieser Höhle, liegen auch Jizchaq und Rivqa, meine Eltern, und Lea, meine Frau. Dort also sollt ihr mich auch begraben.“

Als Jaaqov alle diese Worte gesagt und alles gerichtet hatte, zog er sich auf sein Bett zurück, und dort starb er.

(50) Da warf sich Josef auf seinen Vater und weinte an seinem Hals eine lange Zeit. Als er sich wieder erhob, befahl er den Ärzten, Jaaqov einzubalsamieren, wie es in Ägypten üblich war. Und so balsamierten die Ärzte Jisrael ein.

Jaaqovs Begräbnis

Nach vierzig Tagen – solange dauerte das Einbalsamieren – beweinten auch die Ägypter Jaaqov, und zwar siebzig Tage lang, wie sie es gewohnt waren. Aber als die Zeit der Klage und der Trauer vorüber war, ging Josef zum Pharao und sagte ihm: „Mein Vater hat mich schwören lassen, dass ich ihn nach seinem Tod in seiner Grabstätte in seiner Heimat begraben soll. Und so will ich es jetzt tun: Ich möchte in meine alte Heimat ziehen, um meinen Vater zu begraben, und wenn ich das erledigt habe, werde ich wieder nach Ägypten zurückkehren.“

Da antwortete der Pharao: „Nun denn, mach, was du geschworen hast.“

Und so reiste Josef nach Kenaan, um seinen Vater zu beerdigen. Und mit ihm waren nicht nur Diener des Pharao, sondern auch seine ganze Familie, also seine eigenen Söhne, seine Brüder und die ganze Familie seines Vaters. Nur die Kinder der Brüder blieben zurück, wie auch die ganzen Herden ebenfalls zurückblieben.

Als sie ankamen, hielten sie inne, um für Jaaqov noch einmal laut zu klagen und zu trauern. Sieben Tage lang verharrten sie dort in Trauer. Und genau so, wie Jaaqov es von seinen Söhnen verlangt hatte, machten sie es: Sie trugen ihn nach Kenaan und begruben ihn in der Höhle Machpela, in dem Feld also, das Avraham vor langer Zeit einmal gekauft hatte.
Zurück in Ägypten

Als Josef seinen Vater begraben hatte, kehrte er, zusammen mit all denen, die mit ihm waren, nach Ägypten zurück.

Zurück in Ägypten, hatten die Brüder wieder Angst vor Josef, denn sie dachten sich, dass nun Josef gegen sie wieder Hass verspüren könnte, wo der Vater nicht mehr da war. Und aus dieser Angst heraus ließen sie Josef sagen: „Du sollst wissen, dass unser Vater folgendes vor seinem Tod festgelegt hat: Josef solle seinen Brüdern verzeihen, er solle die Untaten der Brüder vergeben.“ Und nun wollen wir, dass du das auch tust. Aber Josef begann, als er sie so sprechen hörte, zu weinen. Und auch seine Brüder kamen auf ihn zu und warfen sich vor ihm auf den Boden und sagten ihm: „Nein, wir wollen dir dienen.“ Aber Josef half ihnen hoch und entgegnete: „Lasst nur. Bin ich etwa an G“ttes Stelle? Natürlich habt ihr mir Böses getan, aber G“tt hat es doch zu Gutem gewendet. Was wollt ihr also mehr.“

Und so tröstete Josef seine Brüder.

Josef blieb in Ägypten und kam Zeit seines Lebens nicht wieder nach Kenaan zurück. Er wurde 110 Jahre alt, er konnte noch die Enkel und Urenkel von Efrajim und auch die Kinder von Menasches Sohn Machir sehen. Aber als er alt geworden war und merkte, dass er schwach wurde, sagte er zu seinen Brüdern: „Ich sterbe, ich spüre es. Denkt daran, dass euch G“tt aus diesem Land wieder zurückbringen wird. Er wird an euch denken und euch aus Ägypten in das Land zurückbringen, das er einst Avraham, Jizchaq und Jaaqov versprochen hatte.“ Und in dieser letzten Stunde seines Lebens ließ er die Brüder schwören, dass sie, wenn G“tt an sie denkt und sie aus Ägypten herausführen wird, seinen Leichnam dann mitnehmen sollen.

So starb Josef, 110 Jahre alt. Man balsamierte ihn ein und legte ihn in einen Sarg.

Einleitung zu Paraschat Wajechi

Das ist die letzte Parascha im Buch Bereschit. Eigentlich ist die Geschichte von Josef schon in der letzten Parascha zu ihrem Ende gekommen, aber nun geht es noch darum, die Stammvätererzählungen insgesamt zu einem Ende zu bringen. Und so wird davon berichtet, wie Jaaqov stirbt, wie er – im Land Kenaan! – beerdigt wird, auch wird erzählt, wie Josef stirbt. Und bereits in diesen letzten Abschnitten wird der weitere Verlauf der Geschichte vorweggenommen. Denn Josef bittet seine Brüder, dass sie – bzw. ihre Nachfahren – den Leichnam Josefs mitnehmen sollen, wenn G“tt sie eines Tages aus Ägypten herausführen und nach Kenaan bringen wird. Damit ist in wenigen Worten der ganze weitere Bogen der Tora – vom Buch Schemot, über die Bücher Wajiqra und Bemidbar und Devarim bis zum Buch Jehoschua (dem ersten Buch aus dem zweiten Teil der Bibel) – gezogen.

Eine Besonderheit weist diese Parascha noch auf: der Segen Efrajims und Menasches. Diese beiden Kinder nimmt Jaaqov mit dem Segen sozusagen zu sich auf und reiht sie in die zwölf Brüder ein. Weshalb? In der Tora gibt es unterschiedliche Stammesaufzählungen. Eine wichtige ist die Lagerordnung der Israeliten um das Wüstenheiligtum während der Wanderung durch die Wüste. Es lagern auf jeder der vier Seiten des Heiligtums je drei Stämme, das sind die zwölf Stämme Israels. Allerdings wird hier der Stamm Lewi nicht als ein eigener gezählt, weil die Lewiten als Diener des Heiligtums (aus denen auch die Priester hervorgehen) direkt um das Heiligtum lagern (und später auch kein eigenes Gebiet in Israel haben werden). Einen eigenen Stamm Josef kennt diese Aufzählung nicht, sondern eben die beiden Stämme Efrajim und Menasche. Damit  verbindet die Geschichte vom Segen der beiden Kinder Josefs die zwölf Söhne Jaaqovs und die spätere Stammzählung, die eigentlich (mit Lewi) dreizehn beträgt.

Fragen zu Paraschat Wajechi

A) Allgemeine Fragen zur Parascha

Wo möchte Jaaqov begraben werden?

Auf welche Weise segnet Jaaqov seine Enkel Menasche und Efrajim?

Wie alt ist Jaaqov geworden?

Wo wird Jaaqov begraben? Wer begräbt ihn dort?

Was fürchten die Brüder nach dem Tod von Jaaqov?

Ist Josef je wieder in Kenaan gewesen (seit er nach Ägypten verkauft worden ist)?

Was war der letzte Wunsch Josefs?
B) Fragen für Fortgeschrittene

Eigentlich haben in der Bibel die Erstgeborenen immer besondere Rechte und innerhalb der Familie eine besondere Bedeutung. Aber immer wieder erzählt die Bibel, dass gerade die Erstgeborenen zurückgesetzt werden und dafür die jüngeren Brüder (oder der jüngere Bruder) bevorzugt werden. Welche Erstgeborenen in den Vätererzählungen kennst du, auf die das zutrifft?

Wer wurde alles in der Höhle Machpela begraben? Und wer nicht?

Zu den Stämmen Israels gehören später Efrajim und Menasche. Was ist das Besondere an diesen beiden? Wer von den Söhnen Jaaqovs gehört dagegen später nicht zu den Stämmen?

Was wird über die Trauer berichtet, was heute noch im Judentum wichtig ist?

Paraschat Wajigasch

Wajigasch PDF

Jehuda vor Josef

(44,18) Da trat Jehuda vor Josef und sagte: „Mein Herr! Bitte lass mich etwas erklären, ohne dass du zornig wirst! Als du uns gefragt hattest, ob wir noch Verwandte in unserer Heimat hätten, da gaben wir an, dass wir noch einen Vater daheim hätten und einen Bruder, der einzige, der von seiner Mutter übriggeblieben ist: ein Bruder ist schon längst tot. Und wie du das erfahren hast, hast du von uns verlangt, dass wir diesen unseren Bruder zu dir bringen sollen. Ohne ihn würden wir kein Getreide von dir erhalten. Als wir nun in unsere Heimat kamen und unserem Vater berichteten, was du von uns forderst, da wurde unser Vater sehr traurig. Denn der Jüngste war ihm der einzig verbliebene Sohn in der Heimat. So blieben wir also in unserer Heimat, bis unser Vater wiederum zu uns sagte, dass wir nach Ägypten ziehen, da das Getreide und alle Nahrungsmittel zur Neige gingen, und uns mit Vorräten eindecken sollen. Da sagten wir unserem Vater, dass wir ohne unseren jüngsten Bruder nicht nach Ägypten würden ziehen können, denn du verlangtest von uns ja, dass wir diesen Bruder mitbringen sollten. Da fing unser Vater zu weinen an, denn es wäre ihm ein Arges gewesen, den Jüngsten fortziehen zu lassen und ihn vielleicht nie wieder zu sehen. Da sagte ich meinem Vater, dass ich mich für den jüngsten Bruder verbürgen und dafür sorgen würde, dass er ganz sicher zu seinem Vater heimkehren kann. Wenn nicht, sollte ich vor meinem Vater so dastehen, als hätte ich das schwerste Verbrechen begangen. Und deshalb bitte ich dich, mein Herr: Lass meinen jüngsten Bruder ziehen, und behalte mich an seiner Statt als Sklave bei dir. Du weißt, dass ich es nicht aushalten könnte, ohne meinen Bruder vor meinen Vater zu treten. Wie könnte ich das Leid meines Vaters sehen?“

Josef gibt sich zu erkennen

(45) Als Josef das hörte, konnte er sich nicht länger verstellen. Doch waren zu viele Leute um ihn herum, so dass er befahl: „Geht hinaus! Alle! Nur ihr Brüder aus Kenaan bleibt hier.“ Und alle Bedienstete des Hofes verließen den Raum, so dass sich nun endlich Josef seinen Brüdern zu erkennen geben konnte. Er brach in ein lautes Weinen aus, so laut, dass es sogar noch der Pharao hören konnte. Und zu seinen Brüdern sagte er: „Ich bin Josef! Hört ihr? Euer Bruder. Sagt mir schnell: Lebt mein Vater noch?“ Aber seine Brüder standen um ihn herum und starrten ihn nur an, so überrascht und beschämt waren sie von dieser Neuigkeit. Und Josef forderte sie auf: „Auf, kommt her.“ Da kamen sie langsam näher. Und Josef rief noch einmal: „Ich bin Josef, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt, erinnert ihr euch noch? Aber macht euch keine Gedanken, ich bin euch nicht mehr böse, auch wenn es nicht gerade nett von euch war. Aber immerhin: G“tt hat es so eingerichtet: Denn nun kann ich euch in eurer Not retten. Und ich sage euch: Die Hungersnot wird sich noch eine ganze Weile hinziehen, mindestens fünf Jahre noch. Da gibt es nichts zu säen und nichts zu ernten. Nur meine Vorratskammern sind voll. Deshalb sage ich: Nicht ihr habt mich nach Ägypten gebracht, sondern G“tt selbst. Er hat mich hierher gesandt, damit ich euch nun am Leben erhalten kann. Aber jetzt was anderes: Kehrt schnell um, eilt zu unserem Vater und sagt ihm, dass ich Herr über Ägypten geworden bin und dass er so schnell wie möglich nach Ägypten kommen soll. Er soll nicht zögern. Denn ich habe vor, euch einen kleinen Landstrich weiter südlich zu überlassen, der Landstrich heißt Goschen, und ihr sollt euch mit euren Herden und allem, was euch gehört, dort niederlassen, damit ich euch immer in meiner Nähe habe. Und ich werde dort für euch sorgen die ganzen langen Jahre hindurch, in denen noch Hungersnot sein wird. Nun also auf: Bringt unseren Vater hierher.“

Nach dieser Rede fiel Josef seinem Bruder Benjamin um den Hals. Und beide weinten. Danach küsste er alle anderen Brüder und alle weinten und umarmten sich und erzählten sich, was sie seit damals, als sie ihn verkauft hatten, erlebten.

Und es ging nicht lange, da wurde am Hof des Pharao gemunkelt, dass Josefs Brüder in Ägypten angekommen seien. Und als sich dieses Gerücht Pharao bestätigen ließ, da freute sich auch Pharao mit Josef über diese Neuigkeit und ließ ihm ausrichten, dass seine Brüder schleunigst in ihre Heimat reisen sollten, alles, was sie in ihrer Heimat noch hätten, einpacken und auf Kamele schnüren und nach Ägypten reisen sollten. Denn er, Pharao, wolle seiner Familie das Schönste im Land Ägypten geben und sie solle das Beste zu essen erhalten.

Und so gab Josef seinen Brüdern auf Pharaos Befehl Wagen und genügend Nahrung für die Reise nach Kenaan. Darüber hinaus schenkte er den Brüdern schöne Kleidung, dem Benjamin aber gab er noch reichlich Geld und auserlesene Gewänder. Auch dem Vater ließ er Geschenke vorausschicken: Nämlich zehn Esel, die mit den besten Erzeugnissen Ägyptens beladen waren, und zehn Eselinnen, die mit Getreide, Brot und anderen Nahrungsmitteln bepackt waren. So entließ er die Brüder.

Jaaqov reist nach Ägypten

Und so zogen die Brüder aus Ägypten und kamen in ihre Heimat Kenaan, zu ihrem Vater Jaaqov. Und kaum dass sie ihn sahen, begannen sie sofort zu erzählen, dass Josef gar nicht tot sei, sondern noch lebe, mehr noch, dass er wie ein Herrscher in Ägypten sei und das Sagen dort habe. Aber Jaaqov wollte von all dem nichts wissen, er glaubte ihnen ihre Geschichten nicht. Aber sie schilderten alles, was sie mit Josef erlebt und was er mit ihnen gesprochen hatte, und als Jaaqov dann auch noch den Wagen sah, mit dem seine Kinder ihn nach Ägypten bringen sollten, da erwachte allmählich sein Geist, und seine Augen leuchteten, und Jisrael sagte: „Genug der Trauer! Mein Sohn Josef lebt. Und wir wollen uns aufmachen, damit ich ihn noch sehen kann, bevor ich sterbe.“

(46) Und so brach Jisrael mit allem auf, was er hatte. Zunächst kam er in Beersheva vorbei, dort brachte er ein Geschenk für den G“tt seines Vaters Jizchaq. Da sagte G“tt zu Jisrael in einer nächtlichen Erscheinung: „Ich bin G“tt, der G“tt deines Vaters. Hab keine Angst, nach Ägypten zu reisen. Denn ich möchte dich zu einem großen Volk machen. Ich werde mit dir nach Ägypten hinabziehen, ich werde dich aber auch wieder aus Ägypten herausführen. Josef wird dir die Augen zudrücken.“

Da machte sich Jaaqov von Beersheva auf. Und die Söhne Jisraels führten ihren Vater, ihre Kinder und Frauen auf den Wagen nach Ägypten. Und sie nahmen alles mit, was sie in Kenaan hatten, und so kamen sie in einer großen Karawane in Ägypten an, Jaaqov und all die Seinen. Alle brachte er mit: seine Söhne, seine Enkel, seine Töchter und Enkelinnen, alle brachte er mit (…)

Bevor Jaaqov aber bei Josef angekommen war, schickte er Jehuda voraus, damit er ihnen den Weg in das Land Goschen zeige. So kamen sie also im Land Goschen an. Und Josef spannte seinen Wagen an und fuhr seinem Vater entgegen. Und als Jaaqov seinen Sohn Josef erkannte, warf er sich um dessen Hals und weinte lange Zeit. Dann sagte Jisrael zu Josef: „Nun, da ich dich noch einmal gesehen habe, will ich gerne sterben.“ Josef sagte daraufhin: „Ich will gehen und dem Pharao alles berichten. Er soll wissen, dass mein Vater und alle meine Brüder zu mir gekommen sind, und sie sind mit allem, was sie haben, gekommen, auch mit ihren Herden. Und deshalb,“ fügte Josef noch hinzu, „sagt dem Pharao, wenn er nach eurem Beruf fragt, dass ihr schon immer Viehzüchter gewesen seid. Denn wenn ihr das sagt, könnt ihr hier im Land Goschen bleiben. Ihr müsst nämlich wissen, dass die Ägypter Schafhirten nicht sonderlich mögen und sie deshalb lieber etwas außerhalb ansiedeln, also auch in Goshen.

Jaaqov bei Pharao

(47) So machte sich also Josef auf, um dem Pharao von seiner Familie zu berichten. Und er erzählte alles von seinem Vater und seinen Brüdern, und dass die ganze Familie gegenwärtig im Land Goschen weilt. Und da Josef auch fünf seiner Brüder mitgenommen hatte, konnte er diese gleich dem Pharao vorstellen.

Und der Pharao nahm auch die Brüder Josefs in Empfang und fragte sie: „Was ist euer Broterwerb?“ Und da antworteten die Fünf, wie es Josef ihnen aufgetragen hatte: „Unser Herr! Schafhirten sind wir. Das waren auch schon unser Vater und Großvater. Wir waren das schon immer. Wir beabsichtigen, uns eine Zeitlang in dieser Gegend aufzuhalten, da wir für unsere Schafe keine Weide mehr haben. Du weißt ja: Die große Hungersnot treibt uns durchs Land. Darum wollen wir unseren Herrn bitten, seine Diener, so es ihm gefällt, eine gewisse Zeit im Land Goschen wohnen und weiden zu lassen.“

Da wandte sich Pharao an Josef: „Dein Vater und deine Brüder sind zu dir gekommen. Du weißt, dass dir Ägypten offen steht. Deshalb lasse deine Familie in der besten Gegend Ägyptens ansiedeln. Von mir aus können sie gerne im Land Goschen wohnen und weiden. Und wenn sie tüchtige Hirten sind, so ernenne sie zu Oberaufsehern auch über meine Herden. Dann können sie meine Herden ja gleich mitbetreuen.“

Danach brachte Josef auch seinen Vater Jaaqov zum Pharao und stellte diesen ihm vor. Und Jaaqov begrüßte den Pharao mit einem Segen. Da fragte der Pharao:

„Wie viele sind die Jahre deines Lebens?“

„Die Jahre meiner Wanderschaft betragen 130 Jahre. Das ist nicht sehr viel, und trübe waren die Jahre allemal. Meine Väter haben mich übertroffen, die Tage ihrer Wanderschaft habe ich nicht erreicht.“

Zum Abschied segnete Jaaqov Pharao, und Jaaqov und Josef gingen wieder fort. Josef siedelte seinen Vater und seine Brüder, so wie es der Pharao angeordnet hatte, in der besten und fruchtbarsten Gegend Ägyptens an, in Ramses, im Land Goschen. Und nachdem Josef das angeordnet hatte, kümmerte er sich stets um seine Familie und versorgte sie mit Brot und allem, was sie nötig hatten.

Josef sorgt für Ägypten

Im ganzen Land Ägypten gab es aber kein Brot, da die Dürre sehr groß geworden war und es schon seit Monaten nicht mehr geregnet hatte. Es herrschte überall in Ägypten und auch in Kenaan eine große Hungersnot.

Und Josef, der alles Getreide verwaltete, verkaufte nach und nach das Getreide in den Silos und machte so die Kassen des Pharao voll. Als aber die Ägypter kein Geld mehr hatten, um Getreide zu kaufen, da versammelten sie sich vor Josef und riefen ihm zu: „Gib uns Brot! Wir haben kein Geld mehr. Sollen wir jetzt etwa sterben?“ Da entgegnete Josef den Beschwerdeführern: „Nun, wenn ihr kein Geld habt, so bringt eure Herden und tauscht sie gegen Getreide.“

Und so machten sie es. Sie kamen mit ihren Herden vor Josef und tauschten die Tiere gegen Getreide. So sorgte Josef auch in diesem Jahr für alle Hungernden gegen den Preis der Tiere.

Aber das Jahr ging zu Ende, die Hungersnot jedoch nicht. Und so kamen sie wiederum zu Josef, um ihm mitzuteilen: „Wir müssen leider zugeben, dass wir mittlerweile weder Geld noch Herden haben. Alles hat Pharao, wir haben nichts mehr. Nur noch unseren Leib und unser Ackerland. Sollen wir deshalb verhungern? Kauf deshalb uns und unser Ackerland und bezahle uns in Brot. Wir und unser Ackerland sollen ruhig dem Pharao untertan sein, aber gib uns Korn, damit wir nicht zugrunde gehen müssen.“

Da kaufte Josef für den Pharao alle Ägypter und ihr Ackerland dazu und gab als Preis Getreide aus. Und so kam es, dass das ganze Land in den Besitz des Pharao kam. Die Ägypter brachte er in die Städte.

Nur das Ackerland der Priester brauchte Pharao nicht zu kaufen. Denn die Priester erhielten von Pharao stets ihren Teil an Getreide, so dass sie sich und ihr Land nicht verkaufen mussten.

Zum Volk gewandt sagte Josef: „Seht her! Ich habe euch und euer Ackerland im Namen des Pharao gekauft. Hier bekommt ihr Saatkörner. Geht nun hin und sät auf euren Äckern. Aber weil das Land nun dem Pharao gehört, müsst ihr ihm von der Ernte stets den fünften Teil abführen. Ein Fünftel, habt ihr das gehört?, gehört dem Pharao. Der Rest mag euch gehören. Damit ihr euch und eure Familien wieder selbst ernähren könnt und damit ihr genug habt, um neues Saatkorn einzukaufen.“

Da antworteten die Leute: „Du hast uns gerettet! Wir wollen gerne unserem Pharao versklavt sein – die Hauptsache ist, du bist uns gnädig und denkst an uns.“

Und so erließ Josef ein wichtiges Gesetz in Ägypten, wonach ein Fünftel der Ernte stets dem Pharao gehört. Allein das Ackerland der Priester gehörte nur den Priester, und diese mussten auch nichts an Pharao abführen.

Jisrael aber wohnte in Ägypten, im Land Goschen. Sie ließen sich dort nieder, kauften sich Land und Häuser, und die Jisraeliten waren fruchtbar und bekamen viele Kinder.

Einleitung zu Paraschat Wajigasch

In dieser Parascha kommt nun die gesamte Josefsgeschichte zu ihrem Höhepunkt: Die Träume des Josef wurden Realität, weil sich die Brüder auch vor ihm verbeugt haben (vorige Parascha), und die Familie wird in Ägypten zusammengeführt. Damit ist das Fundament gelegt für die weitere Geschichte des Volkes Jisrael in Ägypten.

Wer hat nun Josef nach Ägypten geführt? Josef selbst meint im Text, dass es nicht eigentlich die Brüder waren, sondern G“tt selbst. Nun zeigt die Josefsgeschichte überaus deutlich, dass es etwas zu wenig ist, wenn man sagt, dass G“tt dies und jenes gemacht habe, und das nicht nur, weil G“tt in dieser Novelle ohnehin kaum eine aktive Rolle im Geschehen spielt. Vielmehr bedarf es der handelnden Personen, ohne die nichts ist. Die Träume des Josef allein hätten nichts bewirkt. Notwendig für die Geschichte waren die Brüder, die hasserfüllt auf die Träume reagierten und Josef nach Ägypten verkauften. Die Herkünftigkeit der Träume von G“tt, wie das Josef immer wieder postuliert, verweist ja nicht auf G“tt als der eigentliche Akteur der Geschichte, sondern darauf, dass das Geschehen, das allzu menschliche Geschehen, auf einer geschichtlichen Metaebene eine eigene Deutung erfährt, die über die Psychologie der Figuren hinausreicht und ermöglicht, die gesamte Geschichte Jisraels als ein zielgerichtetes zu interpretieren. Denn der größere Bogen ist deutlich: Jisrael muss nach Ägypten, damit es die Befreiung aus Ägypten geben kann, damit auch die Erfahrung vom Sinai und damit wiederum die Volkwerdung Jisraels und die Landnahme. Die Tora besteht darauf, dass das keine zufälligen Ereignisse sind, sondern dass sie den „Sinn“ Jisraels ausmachen.

Fragen zu Parschat Wajigasch

A) Allgemeine Fragen zur Parascha

Wieso tritt ausgerechnet Jehuda vor Josef, um für Benjamin zu bitten, dass er auf keinen Fall Sklave werden könne?

Wo soll sich die Familie Josefs in Ägypten niederlassen?

Glaubte Jaaqov seinen Söhnen sofort, als sie ihm von Josef erzählten?

B) Fragen für Fortgeschrittene

Um das Land Goschen gibt es verschiedene Ausführungen, wer und wie das Land der Familie Jaaqovs versprochen hat. Versuche die verschiedenen Erzählperspektiven zu finden.

Jaaqov siedelt nach Ägypten über. Wann kommt er wieder zurück nach Kenaan (wird nicht in dieser Parascha erzählt).

Josef sagt im Text, dass G“tt es war, der das alles so gefügt hat, dass die Brüder nun vor der Hungersnot gerettet werden können. Versuche, diese Aussage anhand des Text der gesamten Josefsgeschichte zu bestätigen oder zu korrigieren.

Paraschat Mikez

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Josef vor Pharao

(41) Am Ende von zwei Jahren geschah es, dass der Pharao einen Traum hatte. Der Traum war folgender: Der Pharao stand am Nil. Und wie er da so stand, sah er, dass sieben Kühe aus dem Nil stiegen, schöne Kühe, fette Kühe, und die Kühe weideten dort am Ufer des Nils. Dann stiegen wieder sieben Kühe aus dem Nil. Aber diese Kühe waren hässlich und mager dazu. Und die mageren Kühe gingen auf die schönen Kühe zu. Und da geschah es, dass die mageren Kühe die fetten fraßen.

Der Pharao erwachte von diesem Traum, aber er schlief wieder ein. Da träumte er weiter. Und der zweite Traum, den er träumte, war folgender: Sieben Ähren kletterten an einem Halm hoch, dicke Ähren und schöne Ähren. Und auch sieben dünne Ähren kletterten hoch, und die dünnen Ähren verschlangen die fetten Ähren.

Da erwachte der Pharao wieder aus seinen Träumen. Am anderen Morgen war er ganz verwirrt, das Herz pochte ihm, so setzten ihm die Träume zu. Schnell ließ er weise und schriftkundige Männer kommen, die ihm die Träume deuten sollten. Und erzählte den weisen Männern seine Träume. Aber keiner von den weisen Männern war in der Lage zu sagen, was solche Träume zu bedeuten hatten.

Zufällig stand der Obermundschenk in der Nähe und bekam mit, dass die schriftkundigen Männer allesamt nicht in der Lage waren, die Träume zu deuten. Da plötzlich erinnerte sich der Obermundschenk an Josef, der doch so trefflich Träume zu deuten verstand, und ging auf den Pharao zu und sagte ihm: „Verehrter König! Vielleicht erinnert Ihr Euch daran, dass Ihr mich und den Oberbäcker vor langer Zeit ins Gefängnis geworfen habt. Im Gefängnis geschah es, dass wir beide, der Oberbäcker und ich, in einer einzigen Nacht merkwürdige Träume hatten, und jeder Traum hatte eine besondere Bedeutung. Aber bei uns war ein hebräischer Sklave, dem wir unsere Träume erzählten. Und dieser junge Sklave verstand es vortrefflich, die Träume zu deuten. Und nicht nur, dass er sie deuten konnte, genauso, wie er die Träume auslegte, so geschah auch alles. Der Oberbäcker wurde getötet und ich erhielt meine Aufgabe am königlichen Hof wieder zurück.“

Als der Pharao von Josef hörte, da schickte er nach ihm aus und ließ ihn holen. Eilig liefen einige Diener zu Josef und brachten ihn in den Palast. Josef wurde rasiert, auch bekam er neue Kleider an, damit er würdig vor dem Pharao auftreten konnte. Und nachdem sich Josef fein gemacht hatte, trat er vor den Pharao, nicht wissend, was der von ihm wollte.
Sofort sagte der Pharao zu Josef: „Ich hatte Träume, fürchterliche Träume, und niemand in meinem Reich ist in der Lage, mir die Bedeutung der Träume zu sagen. Ich habe gehört, dass man dir einen Traum nur zu erzählen braucht und schon verstehst du die Deutung.“ Ganz bescheiden antwortete Josef: „Es ist nicht meine Gabe, Träume zu deuten. G“tt wird es sein, der dir die Bedeutung der Träume offenlegt.“

Und so begann der Pharao, die Träume, die er in dieser Nacht hatte, zu erzählen. Er erzählte von den fetten und den mageren Kühen und davon, wie die mageren die fetten fraßen. Auch erzählte er von den schönen vollen Ähren und von den dürren Ähren, die die vollen verschlangen.

Nachdem Josef die Träume angehört hatte, sagte er zum Pharao: „Die beiden Träume, die du hattest, waren eigentlich nur ein einziger Traum. G“tt hat dir kundgetan, was er mit dir vorhat. Die Zahl sieben deutet auf sieben Jahre. Die sieben fetten Kühe bedeuten sieben fette, erntereiche, gute Jahre. Die sieben mageren Kühe bedeuten dagegen sieben Hungerjahre. Und die Hungersnot wird so groß sein, dass der Ertrag der sieben fetten Jahre schnell verzehrt sein wird. Dass Pharao zweimal geträumt hat, soll darauf hinweisen, dass die ganze Sache bei G“tt fest beschlossen ist und dass es davon kein Entrinnen mehr gibt. Und so soll der Pharao vorgehen: Er soll sich einen klugen und umsichtigen Mann auswählen und ihn über das Land Ägypten einsetzen. Der soll dafür sorgen, dass in den fetten sieben Jahren genügend in die Speicher gebracht wird, damit dort Vorräte angesammelt werden können. Diese Vorräte sollen aufbewahrt werden, bis die sieben Jahre des Hungers kommen. Durch die Vorräte geht das Land nicht zugrunde.“

Was Josef da sagte, beeindruckte den Pharao stark. Und er sagte zu seinen Dienern, die um ihn herumstanden: „Werden wir je einen finden wie diesen hier, in dem der Geist G“ttes ist?“ Und zu Josef gewandt, sagte der Pharao weiter: „Da G“tt dir das alles bekannt gegeben hat und du deshalb alle an Klugheit und Umsicht übertriffst, sollst du derjenige sein, der über das Land Ägypten gesetzt sein soll. Du wirst den Ägyptern befehlen, was zu tun sei, und mein Volk wird deinen Befehlen Folge leisten. Ich bin dir gegenüber nur durch meinen Thron überlegen, denn ich habe die Pharaonenwürde.“ Und der Pharao nahm seinen Ring vom Finger und steckte ihn Josef an und legte ihm eine goldene Kette um den Hals zum Zeichen außerordentlich großer Macht. Und ganz feierlich sagte der Pharao zu Josef: „Mit diesem Ring und dieser Kette setze ich dich über ganz Ägypten!“

Josef fuhr mit einem prächtigen Wagen vom königlichen Hof durch die Straßen und alle riefen vor ihm her: „Auf die Knie!“

So wurde Josef Herrscher über Ägypten. Der Pharao nannte Josef von nun an Zafenat-Paneach, auch suchte er für Josef die Asenath, ein Mädchen aus hohem Hause, als Frau aus.

Josef war dreißig Jahre alt, als er vom Pharao zum Herrscher über Ägypten eingesetzt wurde.

Josef der Herrscher

Josef durchzog ganz Ägypten und schaute sich an, wie das Land reiche Ernte trug. Da gab er Anordnungen, dass die Überschüsse eingesammelt werden und in großen Gebäuden eingelagert werden sollten. So legte Josef in allen Städten Vorräte an. Im Verlauf der sieben Jahre türmten sich die Vorräte immer höher auf, und es waren ungeheure Mengen, die Josef als Vorräte anlegen ließ.

Noch bevor die Hungersnot über das Land hereinbrach, da gebar Asenath, die ägyptische Frau des Josef, zwei Söhne. Den Erstgeborenen nannte Josef Menasche, denn, so sagte sich Josef, „G“tt hat mich alles Unglück vergessen lassen (naschani elohim).“ Der Sohn, der nach Menasche geboren wurde, nannte Josef Efraim, denn, so sagte sich Josef, „G“tt hat mich in diesem Land sehr fruchtbar werden lassen (hiphrani elohim).“

So gingen die sieben fruchtbaren Jahre vorüber und es begannen die anderen, die mageren Jahre; eine Hungersnot brach über Ägypten herein, und nicht nur in Ägypten, sondern in den ganzen umliegenden Ländern ebenso. Aber Josef hatte ja vorgesorgt, so dass die Ägypter beruhigt in die Zukunft blicken konnten.

Aber als die Hungersnot die Ägypter zu spüren bekamen und sie allmählich nichts mehr zu essen hatten, da gingen sie zum Pharao und verlangten Brot. Aber der Pharao schickte sie zu Josef, der ja der Verwalter über die Vorräte war. So gingen die Ägypter zu Josef, und Josef ließ die Vorratskammern öffnen und das Getreide, das er angesammelt hatte, an die hungernden Ägypter verkaufen.

Aber nicht nur die Ägypter kamen zu Josef, um Getreide zu erwerben. Vielmehr hatte es sich auch in den anderen Ländern herumgesprochen, dass die Ägypter enorme Vorräte angesammelt hätten, so dass nun auch aus dem Ausland Leute zu Josef kamen und Getreide kauften.

Die Brüder bei Josef

(42) Auch in Kenaan brach die Hungersnot aus, und die Leute dort hatten kaum mehr etwas zu essen. Aber Jaaqov hatte davon gehört, dass in Ägypten Vorräte genug vorhanden seien und dass man sich dort mit genügend Getreide eindecken könne. So sagte er zu seinen Söhnen: „Ich habe gehört, dass es in Ägypten noch genug Getreide geben soll. Reist deshalb dorthin und kauft für uns Getreide ein, damit wir hier nicht verhungern.“
So machten sich zehn Brüder Josefs auf die Reise und zogen nach Ägypten. Benjamin, der jüngste Sohn Jaaqovs, durfte allerdings nicht mit, denn Jaaqov wollte nicht, dass Benjamin nicht auch noch etwas zustößt.

Nach langer Reise kamen die Brüder endlich in Ägypten an und erkundigten sich, wo das Getreide zu kaufen sei. Viele Menschen standen vor den Getreidesilos. Endlich konnten auch die Brüder zum Herrn über das Land vorrücken, um ihren Teil einzukaufen. Sie verneigten sich vor dem hohen Herrn bis tief auf den Boden.

Josef erkannte sofort seine Brüder, die sich da vor ihm verneigt hatten, doch er tat, als kenne er sie nicht.

Er fragte sie: „Wo kommt ihr her?“ und die Brüder antworteten: „Aus dem Land Kenaan. Wir sind gekommen, um Lebensmittel einzukaufen.“ Da wusste Josef nun ganz sicher, dass es seine Brüder waren und er erinnerte sich an die Träume, die er damals hatte. Da fauchte er sie an: „Ihr seid doch nur Spione! Ihr wollt euch hier umschauen, um zu sehen, wo Ägypten schwach ist.“ Aber sie entgegneten ihm: „Nicht doch. Wir wollen nur Lebensmittel einkaufen. Wir sind die Söhne eines Vaters, wir sind wirklich ehrliche Leute!“ Aber Josef erwiderte: „Ach! Ehrliche Leute! Ihr seid Spione!“ Aber die Brüder erklärten ihm: „Wir sind zwölf Brüder, alle von einem Vater. Unser jüngster Bruder ist noch bei seinem Vater im Land Kenaan, ein anderer Bruder ist verschollen.“ Da sagte Josef nur: „Das glaube ich euch nicht. Ihr seid Spione. Aber um euch zu prüfen, ob ihr die Wahrheit gesagt habt, soll es so sein, dass ihr solange hier bleibt, bis euer jüngster Bruder hier auftaucht. Los, schickt einen von euch, der den Jüngsten holen soll. Die anderen aber bleiben gefangen. Und wehe, es stimmt nicht, was ihr gesagt habt. Dann seid ihr tatsächlich Spione!“

So wurden die Brüder Josefs ins Gefängnis gebracht. Drei Tage lang saßen sie dort ein, dann kam Josef zu ihnen und machte ihnen einen Vorschlag: „Ich will ja nicht hässlich zu euch sein. Deshalb soll nur einer von euch im Gefängnis zurückbleiben, die anderen reisen nach Hause und nehmen auch genügend Getreide mit, damit ihr daheim zu essen habt. Wenn ihr daheim seid, macht euch gleich wieder auf und kommt zurück, aber mit eurem Jüngsten, ist das klar! Wenn sich aber euer Reden als Lüge herausstellen wird, werdet ihr alle sterben.“

Nachdem Josef das gesagt hatte, redeten sie untereinander und sagten: „Da sehen wir es. Jetzt müssen wir dafür bezahlen, dass wir unseren Bruder einfach im Stich ließen und uns nicht darum kümmerten, dass er uns um Gnade bat.“

Da ergriff Reuven das Wort und sagte: „Ich habe es damals ja gleich gesagt, dass ihr dem Kind nichts tun sollt. Aber nein, ihr wolltet euer Mütchen an ihm kühlen. Und jetzt wird sein Blut von uns gefordert.“

Josef stand noch bei ihnen und hörte ihnen zu. Sie aber wussten nicht, dass Josef alles verstehen konnte. Schnell wandte sich Josef von ihnen ab und weinte. Als er sich ausgeweint hatte, kam er zurück, nahm Schimon und ließ ihn vor ihren Augen binden. Daraufhin befahl er, dass den Brüdern Säcke mit Getreide gegeben und dass das Geld, das sie schon bezahlt hatten, ebenfalls in die Säcke gelegt werden solle. Außerdem sollten die Brüder auch Reiseproviant erhalten, damit sie auf der langen Reise nicht hungern müssten.
So machten sich die Brüder auf Richtung Kenaan, bis sie spät am Abend in einer Herberge unterkamen, um dort die Nacht zu verbringen. Als einer der Brüder den Eseln etwas zu fressen geben wollte und deshalb einen der Getreidesäcke öffnete, sah er das Geld obenauf liegen, und alle Brüder erschraken darüber. Ihnen stand das Herz still, sie zitterten und flüsterten sich zu: Was hat uns G“tt da nur angetan?

Wieder in Kenaan

Nach langer Reise kamen sie endlich bei ihrem Vater Jaaqov an und berichteten ihm alles, was sie erlebt hatten. Vor allem mussten sie ihm erzählen, weshalb sie nur zu neunt nach Hause gekommen waren und weshalb Schimon in Ägypten bleiben musste. Auch berichteten sie ihm, dass sie nun Benjamin mit nach Ägypten nehmen müssten, damit sie Schimon wieder freibekämen.

Und dann öffneten sie alle ihre Getreidesäcke und sahen, dass in allen Säcken das Geld obenauf lag. Da gerieten sie in Furcht. Und ihr Vater schrie auf: „Ihr raubt mir alle meine Kinder. Erst Josef, jetzt Schimon. Und schon bald wollt ihr auch noch Benjamin mitnehmen!“

Da vesuchte Reuven, seinen Vater zu beruhigen: „Sollte ich dir deinen Jüngsten nicht wiederbringen, dann töte meine beiden Söhne! Du kannst Benjamin mir ruhig anvertrauen!“

Aber Jaaqov blieb dabei: „Meinen Sohn kriegst du nicht. Schon sein Bruder ist tot. Er allein ist übrig. Es würde mein Herz brechen, wenn meinem Jüngsten nun auch noch etwas zustoßen sollte.

Zweite Reise nach Ägypten

(43) Aber die Hungersnot nahm kein Ende und die Vorräte, die die Brüder aus Ägypten mitgebracht hatten, gingen langsam zur Neige. Und weil das so war, sagte Jaaqov zu seinen Söhnen:

„Ihr seht, unsere Vorräte gehen zu Ende.  Deshalb geht ein zweites Mal nach Ägypten, um für uns Lebensmittel zu kaufen.“ Aber Jehuda antwortete seinem Vater: „Der Herrscher in Ägypten hat uns aber gewarnt und gesagt, dass wir nicht wiederkommen sollen ohne unseren kleinsten Bruder Benjamin. Wenn du uns also deinen Jüngsten mitgibst, dann wollen wir gerne ein zweites Mal nach Ägypten reisen. Wenn du das aber nicht tust, dann können wir nicht nach Ägypten.“

Da klagte Jaaqov: „Warum nur habt ihr mir das angetan! Warum habt ihr dem Mann überhaupt gesagt, dass ihr noch einen weiteren Bruder habt!“ Da antworteten die Brüder: „Nun, dieser Mensch in Ägypten hat uns ausgefragt, hat nach dem Vater gefragt, nach diesem und jenem, und eben auch, ob wir noch weitere Brüder hätten! Konnten wir denn wissen, dass dieser Mensch unseren kleinen Bruder gleich sehen wollte?“

Da sagte Jehuda zu seinem Vater: „Gib uns deinen Jüngsten mit, dann wollen wir noch einmal nach Ägypten reisen, damit wir leben können und nicht sterben müssen. Ich stehe für meinen kleinen Bruder ein. Ich sage dir: Wenn ich dir deinen Jüngsten nicht wieder heil nach Hause bringe, dann soll ich ein Leben lang als Sünder vor dir stehen.“

Da endlich willigte Jisrael ein: „Nun denn, wenn es sein muss, dann tut es. Aber bringt diesem Herrscher Geschenke mit, ich lasse euch allerlei Dinge einpacken. Und auch das: Nehmt das Geld, das ihr in euren Säcken gefunden habt, wieder mit, und nicht nur dieses Geld, sondern gleich doppelt so viel. Und auch euren Bruder nehmt mit. Geht zu diesem Mann in Ägypten. Und ich bete dafür, dass G“tt, der Allmächtige, euch Gnade finden lässt bei diesem Menschen. Auf dass er euch wieder ziehen lässt und auch Benjamin unversehrt wieder nach Hause zurückkehren kann. Und wenn es sein soll, dass ich meine Kinder verlieren soll, dann soll es eben so sein!“

Und so machten sich die Brüder ein zweites Mal nach Ägypten auf. Sie nahmen Geschenke mit, und auch das Geld in doppelter Höhe, und den Benjamin nahmen sie auch mit und reisten nach Ägypten.

Josef und seine Brüder

Dort erschienen sie gleich nach der Ankunft vor Josef. Und als Josef sah, dass seine Brüder tatsächlich auch den Benjamin dabei hatten, sagte er zu seinem Verwalter: „Führe diese Leute ins Haus. Und dann ordne an, dass geschlachtet und dass aufgetischt werden soll. Denn diese Männer essen heute mit mir zu Mittag.“ Und der Verwalter trat ab und machte, was Josef angeordnet hatte; er führte die fremden Männer ins Haus.

Und die Brüder bekamen Angst, als sie in das Haus geführt wurden, denn sie dachten sich, dass es bestimmt wegen des Geldes sei, das das letzte Mal bei ihnen in den Getreidesäcke zum Vorschein kam, deshalb würden sie in das Haus geführt. Bestimmt, so dachten sie weiter, kommen sie jetzt und fallen über uns her und machen uns zu Sklaven.

Weil sie sich so fürchteten, gingen sie zum Verwalter hin, der dort noch stand, und erzählten ihm die ganze Geschichte, wie sie das letzte Mal in der Unterkunft gesehen hatten, dass da Geld in ihren Getreidesäcken lag. Und zum Schluss sagten sie: „Nun wollen wir das Geld zurückbringen. Wir haben auch neues Geld dabei, damit wir unser Getreide kaufen können.“

Aber der Verwalter antwortete nur: „Habt keine Angst. Euer G“tt hat euch den Schatz in die Säcke gelegt. Und außerdem: da kommt euer Geld zu mir: Und in diesem Augenblick kam Schimon zu ihnen.

Da führte der Verwalter also die Männer in das Haus, gab ihnen Wasser, so dass sie sich ihre Füße waschen konnten. Auch gab er ihren Eseln Futter. Die Brüder waren ganz aufgeregt und legten schon die Geschenke, die sie mitgebracht hatten, zurecht, denn sie hatten gehört, dass sie mit dem Herrscher über Ägypten zu Mittag essen sollten.

Nun endlich kam Josef nach Hause. Kaum war Josef eingetreten, da kamen die Brüder ihm entgegen, übergaben ihm ihre Geschenke und warfen sich vor ihm zu Boden. Josef fragte nach ihrem Wohlergehen, und auch nach ihrem Vater erkundigte er sich. Da antworteten die Brüder: „Unser Vater, dein Diener, er ist noch wohl auf.“ Und wieder verneigten sie sich vor ihm und warfen sich vor ihm zu Boden.

Da sah Josef nun endlich Benjamin, seinen Bruder, den Sohn seiner eigenen Mutter, und fragte die Brüder: „Und das, ist das euer jüngster Bruder, von dem ihr gesprochen habt?“ Zu Benjamin sagte er noch: „G“tt sei dir wohlgesonnen, mein Sohn!“

Mehr konnte Josef nicht mehr sagen. Denn er war zu aufgerüttelt, weshalb er schnell nach draußen eilen musste. Er rannte in sein Zimmer und weinte sich zuerst einmal aus. Als ihm wieder leichter war, wusch er sein Gesicht und ging wieder zu seinen Brüdern. Er nahm sich sehr zusammen, als er sagte: „Nun auf! Bringt das Essen!“

Und so geschah es auch. Die Diener brachten das Essen, und es wurde an verschiedenen Tischen aufgetragen: besonders für Josef, besonders für die Brüder und wieder separat für die Ägypter, die dabei waren und mitessen durften. Das war so, weil es bei den Ägyptern üblich war, dass sie nicht mit Menschen aus anderen Völkern zusammen aßen.

Und so aßen sie. Sie saßen nach Alter geordnet, vom Erstgeborenen bis zum Jüngsten. Und Josef gab ihnen von seinem Tisch ab, besonders für Benjamin gab es ausgesprochen viel zu essen. Auch tranken sie alle zusammen, bis sie etwas zu viel getrunken hatten.

Der silberne Becher

(44) Als das Essen zu Ende war, sagte Josef zu seinem Verwalter: „Füll ihnen die Getreidesäcke mit Lebensmitteln, soviel sie tragen können. Und in jeden Getreidesack lege ihr Geld obenauf. Und hier, diesen silbernen Becher, den sollst du in den Sack vom Jüngsten stecken.“ Und der Verwalter machte, was Josef gesagt hatte.

Am andern Morgen konnten die Männer wieder ihre Heimreise antreten. Kaum waren die Männer aus der Stadt, da sagte Josef zu seinem Verwalter: „Schnell, setz ihnen nach. Wenn du sie eingeholt hast, dann sagst du ihnen Folgendes: Was ist das, dass ihr Gutes mit Bösem beantwortet? Ausgerechnet den silbernen Becher meines Herrn, aus dem er trinkt und aus dem er die Zukunft vorhersehen kann! Das ist sehr gemein von euch.“

Und so machte sich der Verwalter auf, und nachdem er sie eingeholt hatte, sagte er nun all die Worte, die ihm Josef aufgetragen hatte. Aber die Brüder antworteten: „Nicht doch! Wie sollten wir Silber oder Gold stehlen, wo wir doch das letzte Mal schon alles Geld, das bei uns gefunden wurde, wieder zurückgebracht hatten. Aber bitte: Bei dem du den Becher findest, der soll sterben, und wir anderen wollen euch allen Sklaven sein.“ Der Verwalter sagte nur: „Nun denn, so soll es sein: Derjenige, bei dem der Becher gefunden wird, der soll Sklave bei mir sein. Die anderen können ja gehen.“

Und schnell machten sich die Brüder daran, ihre Getreidesäcke auf den Boden zu stellen und die Säcke zu öffnen. Und der Verwalter ging von einem zum anderen. Beim Ältesten fing er an, beim Jüngsten hörte er auf. Und dort fand er auch den Becher und nahm ihn hervor, dass alle es sehen konnten.

Da zerrissen sie alle ihre Kleider. Sie beluden ihre Esel wieder und kehrten in die Stadt zurück und kamen zu Josef.

Dort warfen sie sich zu Boden. Josef aber sagte zu ihnen: „Was habt ihr da nur getan. Wisst ihr denn nicht, dass ein Mensch wie ich über besondere Kräfte verfügt und schon Bescheid weiß, was um ihn passiert?“

Jehuda erwiderte: „Mein Herr, was sollen wir dir sagen? Wie sollen wir uns rechtfertigen? G“tt hat unsere Schuld büßen lassen. Ich sage nur: Wir wollen alle deine Sklaven sein, mein Herr, wir alle, und auch der, bei dem der Becher gefunden worden ist.“

Da brauste Josef auf: „Ich denke überhaupt nicht daran, euch zu Sklaven zu nehmen. Allein der, bei dem der Becher gefunden worden ist, allein der soll mein Sklave werden. Ihr andern könnt in Frieden nach Hause gehen zu eurem Vater.“

Einleitung zu Paraschat Mikez

In dieser Parascha wird das Motiv des Traumes weiter ausgeführt. Denn mit Hilfe dieses Motivs kommt Josef aus dem Gefängnis frei und wird dem Pharao vorgeführt, dem er seine Träume deuten kann. Waren Josefs Träume noch der Grund dafür, dass seine Brüder ihn nach Ägypten verkauften (denn sie nahmen die Träume des Josef ernst und fühlten sich ihm gegenüber unterlegen!), sind nun die Träume des Pharao der Grund dafür, dass die Familie Josefs wieder zusammen gebracht wird. Denn nur mit Hilfe der Traumdeutung wird Josef Herrscher über Ägypten und wird so unmittelbarer Ansprechpartner für die Brüder, die nun, wegen der Hungersnot, nach Ägypten kommen.

Aber weshalb gibt sich Josef nicht sofort zu erkennen? Josef spielt im Gegenteil ein grausames Spiel mit den Brüdern, indem er sie immer wieder in Angst und Schrecken versetzt. Zuerst gibt er ihnen ihr Geld wieder heimlich zurück, so dass sie – bei der zweiten Reise nach Ägypten – Angst haben, als Diebe dazustehen. Das zweite Mal wird dem Benjamin ein silberner Becher untergeschoben, so dass es so aussieht, als würde Benjamin ein Dieb sein. Ausgerechnet Benjamin, für den sich Jehuda bei seinem Vater verbürgt hatte. Die Antwort auf die Frage, weshalb Josef das alles tut, wird in dieser Parascha bereits angedeutet, aber in der nächsten erst voll ausgeführt. Es geht um die Schuld, die die Brüder auf sich geladen haben, als sie Josef nach Ägypten verkauft hatten. Am Ende dieser Parascha deutet dies Jehuda an. Josef erwartet nicht nur, dass sich seine Träume erfüllen (die Brüder verbeugen sich vor ihm!), sondern dass sich seine Brüder ihrer Schuld bewusst werden und sie auch formulieren.

Fragen zu Paraschat Mikez

A) Allgemeine Fragen

Welche Träume hatte der Pharao?

Wer konnte die Träume des Pharao deuten?

Was bedeuteten die Träume?

Wie rüstete sich Ägypten, damit es heil durch die Hungernot kam?

Wie hießen die Söhne von Josef? Wer von den beiden war der Erstgeborene?

B) Fragen für Fortgeschrittene

An welche Geschichte erinnert der silberne Becher, der den Grund dafür gibt, dass jemand hinterherreitet?

Warum gibt sich Josef nicht sofort zu erkennen?

Weshalb gibt Josef den silbernen Becher ausgerechnet in Benjamins Sack?