Archiv des Autors: Bruno E. Landthaler

Einleitung Chaje Sarah

In dieser Parascha sterben Sarah und (am Ende) Avraham.

Damit ist die Geschichte des ersten Stammelternpaars beendet,

und es beginnt die Geschichte von Jizchak und Rivka, dem

zweiten Stammelternpaar. Diese Geschichte ist allerdings

nicht allzu lang, da in der nächsten Parascha bereits Jaakov

(und Esaw) geboren wird und damit die Geschichte Jaakovs

beginnt.

Interessant ist, dass Jizchak – anders als Jischmael – nicht

einfach eine Frau aus der Umgebung nehmen kann. Vielmehr

muss sich der Diener Avrahams aufmachen, um eine Frau aus

der ehemaligen Heimat Avrahams und Sarahs zu suchen. Offensichtlich

ist es also sehr wichtig, welche Frauen die Stammväter

haben. Das wird sich später übrigens noch einmal wiederholen,

wenn Jaakov wieder in die alte Heimat Avrahams

reist, um sich seine Frauen zu suchen (Rachel und Leah). Und

es war auch bei Avraham schon wichtig: Avraham hatte ja

schon einen Sohn (von Hagar). Das reichte aber nicht aus: Es

musste auch ein Sohn von Sarah sein, damit G’tt mit Avraham

einen Bund schließen konnte.

 

Daraus kann man lernen, dass sich das Versprechen G’ttes,

Avraham werde einmal Vater eines großen Volkes sein, nicht

automatisch erfüllt, quasi wunderhaft und wie von Zauberhand.

Nachkommenschaft setzt auch dann, wenn G’tt seinen

Segen dazu gibt, voraus, dass die handelnden Personen selbst

aktiv werden. Avraham muss schon selbst dafür sorgen, welche

Frau sein Sohn einmal bekommen soll, und Jaakov muss später

ebenfalls hart für seine Frauen arbeiten und kämpfen.

Das ist nicht anders mit dem zweiten großen Thema der

Stammelterngeschichten: dem Versprechen von Land. Zwar

hatte G’tt Avraham das Land versprochen, das heißt aber

nicht, dass G’tt für Avraham das Land erobert, damit er sich

bequem darin niederlassen kann. Avraham erwirtschaftet zeit

seines Lebens überhaupt kein Land. Erst als seine Frau stirbt,

sieht er sich genötigt, ein Stück Land zu kaufen, um eine

Grabstätte für seine Frau zu haben. Aber sogar dieses bisschen

Erde musste er selbst von Efron abhandeln. G’ttes Zusagen

bedeuten also in keiner Weise, dass der Mensch sich in seinem

Tun zurücknehmen kann. Ganz im Gegenteil.

Einleitung Paraschat Waetchanan

Diese Parascha ist nicht nur dadurch bedeutsam, weil sie
auf Schabbat Nachamu fällt, sondern auch, weil sich in vielen
Textteilen wichtige Themen der Torah verdichten und sie deshalb
einen großen Nachklang in der Liturgie gefunden hat.
Dass Mosche gleich zu Beginn noch einmal darauf hinweist,
dass er die Zeit im Land Jisrael nicht mehr wird erleben dürfen,
macht die Dringlichkeit klar, aus der heraus alles Folgende
ausgeführt wird: Es bleibt nur noch eine kurze Zeitspanne, in
der Mosche als der prophetische Mittler zwischen G’tt und
Volk stehen und damit Einfluss auf das Schicksal des Volkes
nehmen kann.

Alles, was sich seit dem Bundesschluss am Berg Sinai
(Chorev) unter der Führung Mosches ereignet hat, bildet die
Grundlage für das gesamte zukünftige Leben dieses Volkes im
Gelobten Land. Aus diesem Grund besteht Mosche wiederholt
darauf, das Volk genau diese Grundlage zu lehren. Und deshalb
wird hier auch das Zehnwort, das schon im Buch Schemot
verkündet wurde, wiederholt, wenngleich auch mit signifikanten
Abweichungen (siehe Ex 20,1–17, Schemot, S. 74–77). Vor
allem das Schabbat-Gebot weicht von der Version im Buch
Schemot ab, da es auf Mizrajim verweist und nicht auf die
Schöpfung. Devarim betont also, dass das Volk aus der Versklavung
befreit und unter das Gesetz gestellt wurde. Dieses
Volk (und sein Land) wird ganz auf das g’ttliche Gebot bezogen
vorgestellt. Dies wird vor allem in dem Text Schma Jisrael
überdeutlich: Der Einzelne soll sich ganz und gar auf den Ewigen
hin ausrichten (»ihn mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele
und mit ganzer Kraft lieben«). Er soll sein gesamtes Leben an
den Geboten orientieren: im täglichen Leben zu Hause (beim
Aufstehen, beim Hinlegen) wie auch in räumlicher und zeitlicher
Ausdehnung (Tfillin, Mesusa). Über die Generationen
hinweg (den Kindern erzählen) und an allen Orten sollen die
Gebote einen dauernden Bestand haben. Nur in diesem allumfassenden
Verständnis – so die Botschaft des Buches Devarim
– hat das Volk Jisrael eine Chance, über die Zeiten hinweg
zu existieren.
Aber noch ein zweiter Punkt wird in dieser Parascha besonders
betont: die Unsichtbarkeit des G’ttes Jisraels und die Aufforderung,
diesen G’tt zu lieben, ohne sich G’ttesbilder, Statuen
oder andere Artefakte anzufertigen. Hier wird deutlich
gemacht, dass das Volk keine Gestalt (tmuna) sehen konnte.
Nur eine Stimme (kol), eigentlich ein Schall, ein Donner, war
zu hören. Jisrael soll sich keine Götterstatue machen, mit anderen
Worten: Jisrael soll sich seinen G’tt nicht so »basteln«
können, wie es ihn gerne hätte, ihm Eigenschaften geben, die
man gerne an ihm sähe, die ihn aber auch beschränken würden.
Insbesondere für unsere so stark auf die visuelle Kultur fokussierte
Gesellschaft kann dies auch als Aufforderung gelesen
werden, die Augen ruhig einmal zu schließen und umso intensiver
hinzuhören. Dass das Volk nicht einfach »die Worte«,
sondern lediglich den »Schall der Worte« hört, ist gleichzeitig
ein subtiler Hinweis darauf, dass Mosche zwar die schriftliche
Torah bringen wird, Jisrael aber auch die mündliche Torah
aufzunehmen und weiterzugeben hat – nur konnte man eben
am Berg nicht alles bis ins Kleinste verstehen.
Und schließlich ist das Hören auch für das Hineinwachsen
in die Gemeinschaft Jisraels eine Grundvoraussetzung, und
deshalb spielen gerade die nachfolgenden Generationen in
dieser Parascha eine zentrale Rolle. An vielen Stellen im Buch
Devarim werden die Eltern ermahnt, ihre Kinder zu unterweisen
und ihnen das Hören beizubringen. Denn nur wer hören
lernt, so eine der Grundüberzeugungen des Judentums, wird
auch zu fragen verstehen (Dtn 6,20: Wenn dich dein Kind
irgendwann einmal …). Insofern wird das Schma Jisrael, das
»Höre Jisrael«, im Buch Devarim zum Leitmotiv, das an vier
zentralen Stellen wiederaufgenommen wird (Dtn 5,1; 6,4; 9,1
und 20,3).
Darin präsentiert das Buch Devarim eine letztlich zeitlose
Ebene: Es sind immer die Eltern, die dem Kind vom Auszug
und von der Wüstenwanderung erzählen und das Kind an das
Rechtssystem heranführen. Nur das Erzählen ermöglicht also,
dass alle Mitglieder des Volkes in das Recht eingewiesen werden
und dass sich ein ganzes Volk an dieses Recht halten kann.
In dieser Parascha wird diese Lernsituation dialogisch vorweggenommen:
»Wenn dich dein Kind irgendwann einmal
fragen wird: ›Was sollen denn die ganzen Gesetze und Vorschriften?‹
« Dies verdeutlicht zum einen, dass die Unterweisung
der Nachkommen an die Ereignisse aus der Geschichte
rückgebunden und von dorther begründet wird. Zum anderen
werden aber auch schon jüdische Kinder zum Nachfragen ermutigt
und zwingen ihre Eltern damit, sich und ihnen über ihr
Tun Rechenschaft abzulegen.

Fragen zu Paraschat Wajelech

A) Allgemeine Fragen

Wie alt ist Mosche geworden?
Wer ist der Nachfolger von Mosche?
Wer soll später das Land unter den Jisraeliten aufteilen?
Was schrieb Mosche auf?
Das, was Mosche aufgeschrieben hatte, soll den Jisraeliten vorgelesen werden. Wann?

B) Fragen für Fortgeschrittene

Weshalb darf Mosche nicht in das Land einziehen?
Weshalb soll den Jisraeliten die Tora vorgelesen werden?
Kannst du dir vorstellen, weshalb im Judentum es so wichtig ist zu lernen?
Welches Fest könnte auf diese Parascha zurückgehen?

Einleitung zu Paraschat Wajelech

Diese Parascha konzentriert sich schon ganz auf die Zeit, in

der die Jisraeliten das Land in Besitz genommen haben werden

und Mosche nicht mehr unter ihnen sein wird. Dazu wird nun

Jehoschua als Nachfolger Mosches und künftiger Anführer offiziell

eingesetzt. Auch die rabbinische Tradition (Mischna

Avot 1,1) hat diese wichtige Stellung des Jehoschua hervorgehoben,

denn Jehoschua empfing die Torah unmittelbar von

Mosche. Bei dieser »Amtsübergabe« wird ihm vor allem der

g’ttliche Beistand zugesichert.

Darüber hinaus organisiert Mosche den für das ganze Buch

Devarim zentralen Punkt: die Einhaltung der Gebote, damit

der Landbesitz auf Dauer gehalten werden kann. Denn wer

die Gebote nicht kennt, der kann sie auch nicht einhalten. Um

das Einhalten der Torah also zu ermöglichen, wird nun in die-

ser Parascha zweierlei festgelegt: Mosche schreibt die gesamte

Torah nieder und bestimmt gleichzeitig, dass künftig alle

sieben Jahre nach dem Sukkotfest eine Versammlung einzuberufen

sei, um eben diese Torah laut vorzulesen, damit der

Inhalt und der Wortlaut der Torah den Jisraeliten auch immer

gegenwärtig bleibe. Mit den Schlussreden und dem abschließenden

Segen begründet Mosche also noch vor dem Eintritt in

das Land gleichsam die erste Versammlung der Jisraeliten, die

künftig ein regelmäßiges Ritual werden soll. Jede und jeder

Einzelne der Jisraeliten wird dabei verpflichtet, die Torah zu

hören. Das schließt ganz explizit auch die Kinder ein sowie die

Fremden, die unter den Jisraeliten leben. Damit ist bereits in

der Torah selbst das grundgelegt, was im späteren Judentum

zur Selbstverständlichkeit werden sollte: die Konzentration

auf die regelmäßige Wiederholung der Torah, das gemeinsame

Lesen und Lernen der schriftlichen und mündlichen Grundlage

des Volkes Jisrael. In dieser Parascha findet sich daher auch

das letzte Gebot an die Jisraeliten, das besagt, dass eigentlich

jede und jeder verpflichtet ist, einen Sefer Torah, das heißt eine

Torah-Rolle, zu schreiben oder wenigstens schreiben zu lassen.

Entnommen aus: Liss/Landthaler, Erzähl es deinen Kindern, Bd. 5, Berlin 2016

Paraschat Wajelech

Einleitung          Fragen zur Parascha

Keine Furcht bei der Eroberung

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Dann ging Mosche und richtete alle diese Worte an ganz Jisrael, und sagte: „Schaut her, ich bin heute einhundertzwanzig Jahre alt geworden. Aber nun kann ich nichts mehr tun, weil mir *meine Macht genommen worden ist*. Denn ihr wisst: Der Ewige hat mir nicht mehr erlaubt, über den Jarden zu ziehen. Aber habt deshalb keine Angst. Der Ewige wird vor euch nun herziehen, er wird euch Platz schaffen in dem Land, das er euch versprochen hat. Der Ewige, euer G“tt, wird euch nicht verlassen.“

Jehoschua

Dann ließ Mosche Jehoschua kommen und sagte ihm vor der ganzen Gemeinde: „Nun liegt es an dir, dass dieses Volk sicher in das Land kommt, das der Ewige schon den Vätern versprochen hat. Der Ewige wird es ihnen geben. Du aber sollst dann das Land unter ihnen aufteilen. Sei darüber nicht verzagt, der Ewige wird dir beistehen.“

Die geschriebene Tora

Dann schrieb Mosche die ganze Lehre, die er bis hierher erläutert hatte, auf und gab sie den Kohanim, also den Söhnen Lewis, die den Aron ha-Qodesch trugen. Und auch allen Ältesten Jisraels gab er sie. Daraufhin sagte er ihnen: „Nach sieben Jahren zur Zeit von Sukkot, dann, wenn die Jisraeliten vor dem Ewigen erscheinen, sollst du diese Lehre vor ganz Jisrael laut vorlesen. Deshalb sollst du ganz Jisrael vor dir versammeln: alle Männer, alle Frauen, auch alle Kinder und alle Fremden, die bei dir wohnen. Damit sie alle die Lehre hören und daraus lernen können. Nur so können sie sich an die Gebote halten und nach ihnen leben.“

Von Mosche zu Jehoschua

Nach diesen Worten sagte der Ewige zu Mosche: „Nun sind deine Tage gezählt, dein Ende naht! Nun rufe Jehoschua zu dir. Ihr sollt beide zur Wohnung des Ewigen gehen.“
Das machte Mosche. Und als sie bei der Wohnung waren, entstand eine große Wolkensäule, in der sich der Ewige ihnen zeigte. Und der Ewige sagte zu Mosche: „Wenn du tot bist, wird es einmal passieren, dass sich dieses Volk gegen mich aufstellen und anderen Göttern nacheifern wird. Sie werden unseren Vertrag, den wir zwischen uns geschlossen haben, brechen und sich nicht daran halten, was ich ihnen angeordnet habe. Dann werde ich darüber zornig werden, und ich werde mich vor ihnen verbergen, so dass es ihnen gar nicht mehr gut gehen wird. Und sie werden einsehen, dass es ihnen deshalb so schlecht ergeht, weil ich nicht mehr in ihrer Mitte bin. Aber ich werde verborgen bleiben, weil sie Böses getan haben. Deshalb sollt ihr euch das Lied *Haasinu* aufschreiben. Ihr sollt es die Kinder Jisraels lehren, damit, wenn sie in Bedrängnis sind, dieses Lied singen können. Dann werden sie sehen, dass ich ihr böses Tun schon längst im Voraus gesehen habe.“
Und Mosche schrieb das Lied auf und brachte es Jisrael bei. Dann gab Mosche Jehoschua *die Tora* und sagte ihm: „Du musst jetzt sehr stark sein, denn du wirst die Kinder Jisraels ins Land führen, das ich ihnen versprochen habe.“
Als Mosche die ganze Lehre aufgeschrieben hatte, gab er den Lewiten die Tora und sagte ihnen: „Nehmt nun dieses Buch, *bewahrt es euch* und legt es zum Aron. Das Buch wird euch als Zeuge dienen. Denn ich kenne euch! Schon jetzt, da ich noch lebe, ist das Volk mürrisch und widerspenstig gewesen. Wieviel mehr, wenn ich erst einmal tot bin. Ihr werdet euch abwenden und nur Übles tun, alles, was dem Ewigen missfällt. Darum soll dieses Buch immer in eurer Mitte sein.“
Als Mosche das gesagt hatte, begann er, das Lied vor der ganzen Gemeinde vorzutragen.

Einleitung zu Paraschat Nizzavim

In dieser Parascha wird es nun ernst: Die Jisraeliten werden auf den Bund mit G’tt verpflichtet. Auch hier gilt, dass die Verpflichtung für das ganze Volk besteht und damit jeder Einzelne diesen Bund zu tragen und auszufüllen hat. Deshalb betont Paraschat Nizzavim eigens, dass jeder Einzelne einbezogen ist, also nicht nur die Anwesenden, sondern auch – wie schon der Midrasch und Raschi auslegen – alle künftigen Generationen. Somit kann es auch keine Einzelnen geben, die sich heimlich aus dem Bund herausstehlen, womöglich mit dem Hinweis, dass der Bund ja schließlich nicht mit ihnen persönlich geschlossen worden sei. Um dies zu verhindern, lässt dieser Text keine Ausflüchte gelten und erwähnt die Frauen und Kinder sogar eigens. Auch soll sich niemand damit herausreden können, dass die Torah mit dem Einzelnen gar nichts zu tun habe. Das Gesetz ist jedem Jisraeliten ganz nah und verlangt eigentlich nur das, was der Mensch von sich aus ohnehin möchte. Raschi pointiert hier den Text dahingehend, dass das Gesetz schriftlich und mündlich vorliegt. Mit anderen Worten: Das schriftliche Gesetz (also die Torah) mag etwas weit entfernt sein, weil es eine Wirklichkeit widerspiegelt, die heute so nicht mehr existiert. Aber eben deshalb gibt es ja auch die mündliche Torah, also die Auslegung und Weiterführung der schriftlichen Torah. Sie muss immer wieder an die veränderten Verhältnisse angepasst werden. Deshalb ist sie auch »dem Herzen (lev) nahe«, denn in der Torah bezeichnet das Herz den Sitz aller intellektuellen Fähigkeiten. Die Torah ist also nicht einfach immer aktuell, sie muss von Jisrael immer wieder aktualisiert werden.

Paraschat Nizzavim formuliert aber auch einen Gedanken, der uns Heutigen eher Probleme bereitet: Es ist der immer wieder betonte Zusammenhang zwischen Ergehen und Tun, also dem, wie es einem (gut oder schlecht) ergeht, und dem, wie man zuvor (gut oder schlecht) gehandelt hat. Wenn die Jisraeliten sich nicht an die Gebote halten, kommen die Verfluchungen über sie. Nicht nur die biblische Weisheitsliteratur hat mit diesem Gedanken immer wieder gehadert; auch für uns ist der Gedanke problematisch, jemanden, den es hart getroffen hat, auch noch dadurch sozial zu stigmatisieren, dass man ihm seine schlechte Lebensführung vor Augen hält. Aber die Hebräische Bibel will an dieser Stelle nicht einfach einen Straf- oder Vergeltungsgedanken formulieren: Sie geht vielmehr von der Selbstwirksamkeit einer (bösen) Tat aus, die einen Menschen oder eine ganze Gruppe verändert und deren Leben nachhaltig bestimmt: »Der Fluch wird sich auf ihn lege « (Dtn 29,19), denn die (böse) Tat ist »da« und nimmt damit im Leben des Einzelnen oder des Volkes einen entsprechenden Raum ein. »In deinem Schuldraum bist du gestrauchelt«, sagt der Prophet Hoschea* über Jisrael (Hos 14,2), und meint damit eben nicht einfach »durch deine Schuld«, denn das Tun des Volkes hat Konsequenzen. Die Torah wie auch die Propheten weisen immer wieder darauf hin, dass es G’tt ist, der dieses Tun als Schuld aufdeckt und deren Folge wirksam werden lässt. Ähnlich hat dies auch Raschi interpretiert: Ihm zufolge ist das Verborgene die Sache G’ttes und das Offenkundige die Sache der Gesellschaft. Die offensichtlichen Verfehlungen sollen also durch die Gemeinde bestraft werden, die »verborgenen« Übertretungen, die nicht offensichtlich und nicht auf den ersten Blick als schuldhafte Tat auszumachen sind, die wird G’tt bestrafen.

Entnommen aus: Liss/Landthaler, Erzähl es deinen Kindern, Bd. 5, Berlin 2016

Paraschat Nizzavim

Einleitung

Das Volk Jisrael steht vor G“tt

29,9

Nun also steht ihr heute alle da vor dem Ewigen, eurem G“tt. Ihr alle: Das bedeutet: die Ältesten, die Jüngsten, Männer, Frauen, Eltern, Kinder, alle, die ihr zum Volk Jisrael gehört. Und nun wollt ihr auf all das hören, was euch der Ewige, euer G“tt, geboten hat und wollt ihn, den Ewigen als euren G“tt anerkennen. Denn heute will G“tt euch zu seinem Volk machen, so wie er es schon den Vätern Avraham, Jizchaq und Jaaqov versprochen hat.

Aber nicht genug; nicht nur euch allein, die ihr hier alle steht, will er zu seinem Volk machen und euch auf seine Gebote verpflichten, sondern auch alle die, die heute nicht hier stehen und bei euch sein können, *also auch die kommenden Generationen*.

Wer sich heimlich nicht an die Gebote gebunden fühlt

Ihr wisst ja noch, wie das war, als ihr von Ägypten gekommen und wie ihr durch das Land fremder Völker gewandert seid. Da habt ihr manche Gräuel gesehen, Sachen, die der Ewige, euer G“tt, nicht will, dass ihr sie tut.

Es könnte nun sein, dass unter euch jemand ist, der sich davon anste-cken ließ und deshalb hier steht und gar nichts wissen will von dem, was der Ewige, euer G“tt, euch gebietet. Der hier steht und lieber Götzen anbeten will, statt den Geboten seines G“ttes zu folgen. Dann könnte es auch sein, dass dieser Mensch, wenn er die ganzen Fluchworte hört, die ich gesprochen habe, sich denkt: Pah, das trifft mich alles nicht, ich segne mich selbst und mir wird es wunderbar ergehen.

Und es könnte auch sein, dass nicht nur ein einzelner Mensch unter euch so denkt, sondern vielleicht sogar eine ganze Familie oder gar ein ganzer Stamm von euch.

Dann müsst ihr wissen, dass es diesem Menschen oder dieser Familie oder diesem Stamm recht übel ergehen wird. Ich werde dann seine Fehler, die er bislang unabsichtlich getan hat, nicht mehr entschuldigen, ich werde ihm alles aufrechnen. Und dann wird ihn all das treffen, was die Fluchworte meinten, die ich vorher gesprochen habe.

Und wenn dann Leute von weither kommen und sagen: wie kann das sein, dass es diesem Menschen oder dieser Familie oder diesem Stamm so schlecht ergeht, dass er Krankheiten hat und ihnen nichts gelingt, dann musst du wissen, dass das daher kommt, dass er oder die Familie oder der Stamm den rechten Weg des Bundes verlassen hat. Deshalb ist der Zorn über G“tt gekommen und hat vernichtet, zerstört und drangsaliert.

Denn denkt dran: *Die verborgenen Verfehlungen sind dem Ewigen, unserem G“tt, überlassen. Aber alle Verfehlungen, die für alle zu se-hen sind, die muss die Gemeinde bestrafen*.

Das Erbarmen

30

Bist du nun zerstreut unter die Völker und aus deinem eigenen Land vertrieben, dann ist es noch lange nicht zu spät. Denn wenn du dich wieder besinnst und zurückkehrst zu den Geboten, die der Ewige, dein G“tt, dir auferlegt hat, wenn du also auf die Stimme G“ttes hörst und alles, was heute gesagt worden ist, ganz ehrlich machen willst, dann wird auch der Ewige, dein G“tt, wieder an dich denken und sich deiner erbarmen. Und er wird *sich mit dir* aus allen Völkern herausführen und dich in das Land Jisrael heimführen. Dann kannst du daheim wieder glücklich werden. Dann wird dein G“tt die Herzen deiner Kinder beschneiden, dass sie den Ewigen mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele lieben. Dann wirst du wieder auf die Gebote hören, und der Ewige wird dich nicht mehr verfluchen und er wird dich den Überfluss des Lebens genießen lassen.

Denn bedenke eines: Das Gebot, das ich dir heute gebe, es ist nicht *verborgen* und es ist nicht zu weit entfernt. Es ist nicht im Himmel, damit niemand sagen kann: Wer von uns will in den Himmel steigen, um das Gebot von dort oben zu holen? Das Gebot ist auch nicht überm Meer, damit niemand sagen kann: Wer will von uns übers Meer fahren, um es zu holen? Vielmehr ist dir das Gebot ganz nah. Es ist in deinem Mund, es ist in deinem Herzen, so dass es ganz bei dir ist, und du dich immer danach richten kannst. *Denn das Gebot hast du schriftlich und mündlich vorliegen*.

Leben oder Tod

Nun also: Ich lege dir heute das Leben und das Gute vor dich hin, aber auch den Tod und das Böse. Denn die Gebote, die ich dir gebe, sind nichts anderes als der Weg ins Leben und zum Guten. Wenn du auf diesem Weg gehst, dann wirst du am Leben bleiben und dir wird es gut gehen, der Ewige, dein G“tt, wird dich in allem, was du tust, segnen. Aber das Gegenteil gilt auch: Wenn ihr euch abwendet und nicht den Weg der Gebote geht, dann werdet ihr, das sage ich euch heute schon, sicher nicht am Leben bleiben und nicht lange in dem Land, das ich euch gebe, bleiben können.

Heute nun rufe ich Himmel und Erde als Zeugen auf, dass ich euch beides vorgelegt habe: das Leben und den Tod, den Segen und den Fluch. Es ist nun an dir: Wähle das Leben, damit nicht nur du, sondern auch deine Nachkommen leben können. Und das tust du, indem du den Ewigen, deinen G“tt, liebst, auf seine Stimme hörst und ihm in allem nachfolgst. Auf diese Weise kannst du am Leben bleiben und das Land in Besitz halten, das schon deinen Vätern Avraham, Jizchaq und Jaaqov versprochen worden ist.
 

 

Einleitung Paraschat Nasso

Mit dem Ende der letzten und dem Beginn dieser Parascha werden vor allem die Lewiim als ein eigener Stand in den Blick genommen. Sie sind zum einen der Ersatz für die Erstgeborenen, zum anderen haben sie gerade in dieser Funktion die Aufgabe, einen besonderen Dienst am Heiligtum zu verrichten. Da es im Buch Bamidbar nun vor allem darum geht, mit dem Heiligtum auf Wanderschaft zu gehen, ist genau dieser Dienst notwendig geworden. Denn das Heiligtum kann nicht von irgendjemandem getragen werden, aber die Kohanim alleine wären für diese gewaltige Aufgabe zu wenige. Daher kommen nun die Lewiim ins Spiel: Sie sind zwar keine Kohanim und können den Opferdienst am Heiligtum nicht verrichten, aber sie sind diejenigen, die für den Transport durch die Wüste verantwortlich sind und ihn bewerkstelligen müssen. Mit der Organisation dieser Aufgaben sind die Jisraeliten eigentlich bereit, mit dem Heiligtum für die weitere Wanderschaft durch die Wüste aufzubrechen.

Aber der eigentliche Aufbruch wird erst in der nächsten Parascha weitererzählt. Diese Parascha wendet sich nun plötzlich von den Aufgaben der Lewiim ab und den normalen Jisraeliten wieder zu. Teilweise werden auch Themen aufgenommen, die wir schon aus dem Buch Wajikra bereits kennen: So wird die Bestimmung erzählt, wonach aussätzige Menschen nun aus dem Lager gebracht werden sollen; wir finden die Vorschrift, dass all diejenigen, die sich plötzlich einer Schuld bewusst werden, diese bekennen und ein Ascham, eine Opfergabe für die Schuld, bringen sollen. Paraschat Naso enthält aber auch zwei Anweisungen, die in dieser Weise bislang noch nicht bekannt waren: die erste behandelt die Frage, wie ein „eifernder“ Mann im Umgang mit seiner des Ehebruchs verdächtigen Frau verfahren soll; die zweite widmet sich einem Ritual, mittels dessen sich ein gewöhnlicher Jisraelit für eine bestimmte Zeit dem Ewigen ganz besonders unterwerfen („weihen“) kann, indem er ein sogenannter Nasir wird.  Ganz offensichtlich geht es darum aufzuzeigen, dass das Lager, das jetzt ja durch das Heiligtum ein besonderes Lager geworden ist, nicht nur durch geschultes Kultpersonal so geführt werden kann, dass die Präsenz G’ttes unter Jisrael möglich ist, sondern dass hierzu auch die ganz gewöhnlichen Jisraeliten ihren Teil der Verantwortung gleichermaßen aufgebürdet bekommen: unmittelbar einsichtig durch die Aussätzigen, die nun aus dem Lager an einen besonderen Ort gebracht werden müssen, aber auch durchaus einsichtig bei all denjenigen, die eine subjektiv empfundene Schuld abtragen wollen: Der Ort des Lagers macht es notwendig, dass jeder Zweifel an einer Übertretung ausgeschlossen wird. Hier setzt auch das sogenannte Eiferordal an, mit dessen Hilfe der Mann seine Zweifel an der Treue seiner Frau zerstreuen kann.

Allein der Nasir spricht ein Thema an, das über diese Ausrichtung hinausreicht: Es geht nicht um die Eindämmung oder Eliminierung von Schuld, sondern um einen besonderen Status, den sich ein gewöhnlicher Jisraelit, Männer wie Frauen, selbst auferlegen kann. Das fällt auf: Denn die Stände, die bisher im Buch Wajikra und Bamidbar hervorgehoben worden sind, der Kohen und der Lewi, ergeben sich qua Abstammung, insofern sie eben entweder von Aharon oder aus einem der Familien der Lewiim hervorgehen. Damit ist nicht nur, wie im Falle der Männer, das Privileg für den Priesterdienst verbunden, sondern beispielsweise auch, wie im Falle der Männer und der Frauen, auch die Pflicht, bestimmte familienrechtliche Einschränkungen auf sich zu nehmen. Allein der Nasir nimmt Beschränkungen des täglichen Lebens für eine gewisse Zeit freiwillig auf sich, Beschränkungen übrigens, die teilweise an den Dienst der Kohanim erinnern! Und nicht umsonst wird der Nasir ebenfalls als „heilig“ bezeichnet. Dass das Nasiräertum im späteren Judentum keine wirkliche Aufnahme gefunden hat und von den Rabbinen misstrauisch beäugt worden ist, zeigt, wie wenig asketisch das Judentum ausgerichtet ist. In der Vorstellung des Buches Bamidbar kann jedoch der Nasir eine wichtige Funktion insofern ausüben, als er gewissermaßen als „Laie“ ein Mehr an Pflichten auf sich nimmt und genau dadurch die gewöhnlichen Jisraeliten gegenüber den herausgehobenen Ständen aufwertet. Es scheint fast so, dass hier die religiöse Verankerung im ganzen Volk versucht und nicht allein auf die Professionalität der Stände gesetzt wird.

Paraschat Wajischlach mit Raschi

Jaaqovs Erkundungen

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Nun, da Jaaqov seiner Heimat näher kam, schickte er Boten voraus zu seinem Bruder Esaw und ließ ihm sagen: „Ich habe mich die ganze Zeit meiner Abwesenheit bei unserem Onkel Lavan als Fremder aufgehalten. Ich habe bei ihm gearbeitet und mir dabei Rinder und Esel, Schafe und viele Bedienstete erworben. Und ich schicke ein paar Boten voraus, damit du mir wohlgesonnen sein sollst.“

schickte er Boten aus: Damit sind wirklich Engel gemeint. [Raschi geht hier auf die sprachliche Besonderheit ein, dass das hebräische „mal´ach“ sowohl gewöhnlicher „Bote“ als auch „Engel“ bedeuten kann.

bei Lavan als Fremder aufgehalten: Da gibt es mehrere Erklärungen. Die erste deutet darauf hin, dass der Segen, den Jaakov von seinem Vater erhalten hat, über seine Brüder zu herrschen, nicht in Erfüllung gegangen ist. Denn er wurde dort nicht zum Fürsten, sondern blieb ein Fremder. Daher muss nun Esaw keinen Groll gegen ihn hegen. Eine andere Erklärung: das hebräische „garati“ ich habe als Fremder gewohnt hat den Zahlwert 613. Dies deutet darauf hin, dass Jaakov die 613 Gebote der Tora dort eingehalten hat, obwohl er bei dem Bösewicht Lavan lebte.

Als die Boten zurückkamen, meldeten sie ihm: „Auch dein Bruder Esaw kommt dir bereits entgegen und er hat vierhundert Leute mitgenommen.“
Als Jaaqov das hörte, wurde ihm angst und bange und er begann sofort, sein Hab und Gut in zwei verschiedene Lager aufzuteilen, da er dachte, dass wenn Esaw ein Lager überfällt, er wenigstens noch eines übrig hat.

wurde ihm angst und bange: [im Hebräischen stehen hier zwei verschiedene Ausdrücke, die Raschi erklären möchte] ihm war angst, dass er getötet werden könnte. Und ihm war bang, dass er andere töten könnte.

zwei verschiedene Lager: Er wollte mit dem zweiten Lager kämpfen, so dass es Esaw nicht besiegen könnte. Daraus sieht man, dass sich Jaakov auf drei Dinge vorbereitete: auf Geschenke, auf das Gebet und auf den Kampf. [Mit anderen Worten: Jaakov machte sich auf alles gefasst und ließ keine Möglichkeit aus, das Zusammentreffen mit seinem Bruder zu organisieren.]

Und Jaaqov betete: „G“tt meines Vaters Avraham und G“tt meines Vaters Jizchaq, Ewiger du, der du immer wieder gesagt hast, dass ich in meine Heimat zurückkehren soll: Ich weiß, dass ich zu gering bin, um Wohltaten von dir zu empfangen, aber rette mich vor den Plänen meines Bruders! Ich fürchte mich vor ihm. Hast du nicht gesagt, dass du mir Nachkommen geben willst, so zahlreich wie der Sand am Meer?“
Und er blieb über Nacht bei seinen Lagern. Am anderen Morgen nahm er verschiedene Geschenke für seinen Bruder: viele Ziegen, Schafe, Kamele, Kühe und Esel. Diese Geschenke nahm er und gab sie Bediensteten und sagte zu ihnen: „Nehmt diese Herden und geht meinem Bruder entgegen. Aber geht getrennt los. Zuerst der erste mit seinen Tieren, dann der zweite mit seinen und so immer fort. Und wenn der erste dann Esaw begegnet, kann er ihm sagen, dass das ein Geschenk für ihn von Jaaqov sei. Und wenn der zweite ihn trifft, so sagt der das gleiche und so immer fort. Und sagt ihm: Dein Knecht Jaaqov kommt hinter uns her.“ Jaaqov hatte nämlich schreckliche Angst vor Esaw, weshalb er versuchte, ihn mit diesen Geschenken etwas milder zu stimmen.
Jaaqovs Kampf
Und noch in der Nacht nahm er seine Frauen und Mägde und seine Kinder und überquerte den Fluss Jabboq und brachte all sein Eigentum hinüber. Nur er selbst blieb allein zurück.
Da plötzlich rang ein Mann mit ihm, bis der Morgen endlich anbrach. Als der Mann aber sah, dass er gegen Jaaqov nicht ankommen konnte, fasste er ihn so stark an der Hüfte, dass die Hüfte Jaaqovs sich verrenkte und fürchterlich schmerzte. Der Mann sagte: „Lass mich gehen. Schau, der Morgen ist schon angebrochen!“ Da erwiderte Jaaqov: „Nein, ich lasse dich nicht eher los und dich gehen, bis du mich gesegnet hast.“ Da fragte der Mann: „Was ist dein Name?“ Und Jaaqov sagte: „Jaaqov“, darauf sagte der Mann: „Nein, du sollst nicht länger Jaaqov heißen, sondern Jisrael! Denn du hast mit G“tt und mit Menschen gekämpft und hast stets gesiegt.“ Da bat Jaaqov: „Sag mir auch deinen Namen!“ Aber der Mann sagte nur: „Was fragst du nach meinem Namen?“ Statt dessen segnete er Jaaqov. Jaaqov nannte den Ort Peniel, denn, so sagte er sich: „Ich habe hier ein göttliches Wesen von Angesicht zu Angesicht gesehen und meine Seele ist gerettet worden.“
Da ging die Sonne gerade auf und Jaaqov hinkte wegen seiner Hüfte. Das ist auch der Grund, weshalb die Juden bis heute den hinteren Teil des Tieres nicht essen.
Jaaqov und Esaw treffen sich
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Und nun war es soweit: In einiger Entfernung konnte Jaaqov Esaw mit seinen Leuten erkennen, wie sie immer näherkamen. Da verteilte er die Kinder auf ihre Mütter und stellte zunächst die Dienerinnen Silpa und Bilha mit ihren Kindern voran, dahinter Lea mit ihren Kindern und ganz zum Schluss Rachel mit ihrem Josef. Er selbst aber machte sich Mut und ging voran. Als er in der Nähe von Esaw angekommen war, warf er sich siebenmal vor seinem Bruder auf die Erde nieder. Da lief Esaw ihm entgegen, umarmte ihn, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Beide, Jaaqov und Esaw, weinten.
Und Esaw schaute sich um und sah die Frauen und die vielen Kinder. Da sagte er: „Wer sind denn diese ganzen Leute, die bei dir sind?“ Darauf antwortete Jaaqov: „Es sind die Kinder, mit denen mich G“tt beschenkt hat.“ Da kamen zunächst die Dienerinnen mit ihren Kindern näher und verbeugten sich vor Esaw, dann kam auch Lea mit ihren Kinder heran, verneigte sich ebenfalls, zuletzt trat auch Josef und Rachel heran, und auch sie verneigten sich.
Da ergriff Esaw das Wort: „Seid mir alle herzlich willkommen. Aber sage mir, mein Bruder, was wolltest du mit den Herden, die du mir entgegengeschickt hast?“ „Ich wollte dich milde stimmen,“ antwortete Jaaqov, woraufhin Esaw sagte: „Ach, Bruder, ich hab doch genug, behalte du, was dir gehört!“
Aber Jaaqov wollte noch nicht klein beigeben und sagte: „Aber nein. Wenn du mir gesonnen bist, so nimm mein Geschenk an. Nimm doch mein Friedensgeschenk an, das ich dir gegeben habe, denn G“tt hat mir alles glücken lassen und ich habe von allem alles.“ Und so redete Jaaqov auf Esaw ein, bis dieser endlich die Geschenke annahm.
Und Esaw sagte zu Jaaqov: „Nun denn, lass uns jetzt aufbrechen und weiterziehen.“ Aber Jaaqov erwiderte: „Du weißt, dass wir Kinder und Jungtiere bei uns haben, die können nicht so schnell wandern. Deshalb geh du voran, ich will mit der Herde und meinen Leuten langsam nachkommen.“ Und so machten sie es. Esaw zog voraus und Jaaqov langsam hinterher.
Er zog bis nach Sukkot. Dort baute er ein Haus, machte seinem Vieh Ställe und ließ sich (vorerst) hier nieder.
Das Verbrechen an Dina
Aber die Reise ging noch weiter, bis Jaaqov in der Stadt Schechem ankam. Dort stellte er seine Zelte vor der Stadt auf, ging in die Stadt und suchte jemanden, von dem er ein Stück Land kaufen konnte. Die Söhne Chamors, des Vaters von Schechem, gaben ihm tatsächlich ein Feldstück für einen bestimmten Betrag, und dort konnte Jaaqov nun seine Zelte aufstellen. Sobald er die Zelte aufgestellt hatte, errichtete er einen Altar und nannte diesen Altar „G“tt, der G“tt Jisraels“.
34
Eines Tages ging Dina, die Tochter Leas, hinaus, um sich in der Gegend etwas umzusehen und zu schauen, wie die Mädchen vom Ort hier so sind. Da kam aber Schechem, der Sohn des Chamor, daher und fühlte ein grausiges Verlangen nach Dina. Er packte sie, legte sich zu ihr und tat ihr Gewalt an. Obwohl er zu dem Mädchen gewalttätig war, hing dennoch sein Herz an ihr und er liebte sie, weshalb er nach seiner Tat beruhigend auf das Mädchen einredete, damit es sich nicht fürchten sollte.
Zu seinem Vater Chamor aber sagte er: „Vater, geh zum Vater der Dina und sag ihm, dass ich seine Tochter heiraten möchte.“
Unterdessen hatte allerdings Jaaqov schon mitbekommen, was Dina widerfahren war und dass man ihr Gewalt angetan hatte. Als seine Söhne vom Feld nach Hause kamen, erfuhren auch sie es, was ihrer Schwester geschehen war. Und sie waren sehr wütend auf Schechem, denn dass sich ein Fremder zu Dina legte und ihr Gewalt antat, das durfte in Jisrael nicht geschehen, es war eine Schandtat.
Da kam Chamor kurze Zeit später bei Jaaqov vorbei, um mit ihm über Dina und Schechem zu reden: „Mein Sohn Schechem liebt deine Tochter Dina. Es wäre sehr schön, wenn du sie ihm zur Frau geben könntest. Überhaupt können wir es doch so machen, dass wir auch untereinander heiraten. Eure Kinder nehmen von unseren, und unsere von euren. Schließlich wohnt ihr doch nun auch in dieser Gegend, und das ganze Land soll euch doch offen sein. Zieht in diesem Land herum und macht euch hier ansässig. Wir werden uns sicher gut verstehen!“
Nun sprach auch Schechem zu Jaaqov und seinen Söhnen: „Es wäre sehr schön, wenn ihr meiner Bitte entsprechen könntet. Ich möchte euch auch alles geben, was ihr mir sagt. Fordert von mir Geschenke, und ich gebe sie euch. Aber gebt mir eure Dina, die mir so ans Herz gewachsen ist.“
Als die Söhne Jaaqovs das hörten, antworteten sie Schechem sehr schlau: „Es geht leider nicht, dass wir unsere Schwester einem Mann geben, der noch nicht beschnitten ist, das gilt bei uns als eine Schande! Aber wenn du unbedingt Dina zur Frau haben möchtest, könnt ihr euch alle ja beschneiden lassen. Dann hätten wir kein Problem mehr. Dann können wir unsere Töchter euch geben und wir eure Töchter nehmen. So können wir bei euch bleiben und zu einem Volk werden.“
Das gefiel dem Chamor und dem Schechem gar nicht schlecht. Und so gingen sie nach Hause und machten sich sofort ans Werk und überzeugten alle Leute, dass es doch gut wäre, wenn Jaaqovs Leute und all seine Herden hier sich niederlassen könnten, dass man zu einem Volk würde und dass man sich gegenseitig auch heiraten könnte und dass es nur eines dazu bedürfe, nämlich dass man sich beschneiden lassen müsse, wie sie beschnitten sind. Und die Leute ließen sich von den Reden Chamors und Schechems überzeugen und gingen zum Tor der Stadt Schechem, wo alles Männliche beschnitten wurde.
Aber am dritten Tag, an dem Tag also, da die Schmerzen der Wunde am größten sind und man Wundfieber bekommen kann, da kamen zwei der Söhne Jaaqovs, Schimon und Levi, nach Schechem und überfielen mit ihren Schwertern die Stadt und erschlugen alles Männliche. Auch Chamor und seinen Sohn Schechem erschlugen sie mit dem Schwert, und sie nahmen Dina, die noch im Haus Schechems verweilte, mit sich und zogen ab.
So fielen die Söhne Jaaqovs über die Stadt Schechem her, weil man Dina entwürdigt und ihr Gewalt angetan hatte. Und sie plünderten die Stadt, nahmen Schafe, Rinder und Esel mit sich, nahmen Kinder und Frauen gefangen.
Als Jaaqov das sah, sagte er zu Schimon und Lewi: „Ihr macht mich traurig, weil ihr mit dieser Tat nun meinen Namen in Verruf bringt. Wir sind doch nur wenige! Wenn sie sich jetzt gegen uns versammeln, dann schlagen sie uns tot und wir haben keine Chance gegen sie.“ Aber seine Söhne erwiderten nur: „Soll man Dina denn derart in den Dreck ziehen dürfen?“
Jaaqov zieht weiter
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Nach all diesen Ereignissen sagte G“tt zu Jaaqov: „Bleib nicht hier! Zieh weiter, geh nach Bet-El hinauf. Dort kannst du deine Zelte aufschlagen und dich niederlassen. Bau dir dort einen Altar für G“tt.“ Da sagte Jaaqov zu seinen Leuten, die bei ihm wohnten: „Auf, entfernt alle Götterfigürchen, die ihr noch bei euch habt. Dann wascht euch und zieht frische Kleider an. Denn wir wollen von hier aufbrechen und nach Bet-El weiterziehen. Dort möchte ich dann G“tt einen Altar bauen, denn G“tt hat dort auf mich gehört und mir in meiner Not geholfen.“
Da gingen alle seine Diener und alle, die bei ihm wohnten, in ihre Wohnstätten, holten die Götterfigürchen, die sie bei sich hatten, und brachten sie Jaaqov. Jaaqov aber vergrub die ganzen Figürchen unter der Terebinthe bei Schechem.
Dann brachen sie auf. Aber G“tt machte es, dass die Völker um sie herum sie nicht verfolgten und töteten. So konnten sie ungestört bis nach Bet-El reisen. Als sie in Bet-El angekommen waren, baute Jaaqov einen Altar und nannte den Ort „G“tt von Bet-El“. Denn hier war es, wo sich ihm G“tt gezeigt hatte, als er vor seinem Bruder Esaw geflohen war. Und nun geschah es wieder, und G“tt zeigte sich Jaaqov und segnete ihn und sprach: „Dein Name soll nicht mehr Jaaqov sein, vielmehr sollst du Jisrael heißen.“ Und weiter sagte er zu ihm: „Ich bin der allmächtige G“tt. Du sollst nun fruchtbar sein und dich vermehren, so dass von dir ein ganzes Volk, nein, eine ganze Schar von Völkern abstammen soll, und viele Könige werden nach dir geboren werden. Das Land, das ich schon Avraham und Jizchaq versprochen habe, dieses Land will ich dir geben.“ Da stieg G“tt vor ihm nach oben auf, an dem Ort, an dem er mit ihm geredet hatte. Und weil Jaaqov davon so stark beeindruckt war, stellte er einen Denkstein an diesem Ort auf, goss über diesen Stein besondere Getränke und dazu auch Öl. Und Jaaqov nannte diesen Ort, an dem G“tt mit ihm gesprochen hatte, Bet-El.
Rachels zweiter Sohn
Aber auch in Bet-El blieben sie nicht, sondern brachen wieder auf und nahmen den Weg Richtung Ephrat. Unterwegs gebar Rachel – da sie schwanger war – einen Sohn. Aber die Geburt war sehr schwer und Rachel hatte sehr starke Schmerzen und das Kind wollte nicht sofort kommen. Als die Geburt aber endlich vorbei war, sagte die Hebamme zu Rachel: „Sei getröstet. Du hast wieder einen Sohn geboren.“ Aber Rachel war schon ganz schwach, und mit ihrer letzten Kraft sagte sie noch: „Mein Sohn soll Ben-Oni heißen.“ Und dann starb Rachel. Sie starb auf dem Weg nach Ephrat (das heute Bet-Lechem heißt). Dort wurde sie auch begraben. Und Jaaqov stellte an ihrem Grab einen Denkstein auf. Das Grab kann man bis auf den heutigen Tag noch sehen. Aber Jaaqov nannte seinen jüngsten Sohn nicht Ben-Oni, sondern Benjamin.
Reuvens Verbrechen und Jizchaqs Tod
Nachdem er Rachel begraben hatte, zog Jisrael weiter und schlug seine Zelte in der Gegend von Migdal-Eder auf. Dort passierte es, dass Reuven eines Tages zu Bilha, der Dienerin von Rachel, ging und sich zu ihr legte, um mit ihr Spaß zu haben. Das blieb nicht geheim, und Jisrael erfuhr davon.
Nach langer Reise kam Jaaqov nach Mamre, zu seinem Vater Jizchaq zurück. Es war eine lange Zeit vergangen, seit sie sich gesehen hatten. Aber nachdem Jizchaq, der schon sehr alt war – nämlich einhundertachtzig Jahre -, seinen Sohn noch einmal gesehen hatte, da verstarb er sehr schnell. Und Jaaqov und Esaw, die beiden Söhne Jizchaqs, begruben ihren toten Vater.
Esaws Leben
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Esaw hatte sich ja verschiedene Frauen aus den benachbarten Völkern genommen. Die eine hieß Adah, eine andere Oholibamah und die dritte hieß Basemath. Alle drei Frauen hatten ihm Kinder geboren, und so war auch Esaws Familie mit der Zeit recht groß geworden. Und da sowohl seine als auch Jaaqovs Familie sehr groß geworden waren, nahm Esaw eines Tages seine Frauen, Kinder, seine ganzen Herden und seine Bediensteten, einfach alles, was ihm gehörte, und trennte sich von Jaaqov und zog in das Land Seir. Dort lebte er von nun an.
Und aus Esaw und seinen Söhnen entstanden viele Völker und zahlreiche Könige.

Paraschat Chaje Sarah mit Raschi

Der Tod Saras

23,1
Sara war 127 Jahre alt. So alt wurde Sara. Dann starb sie in Kiryat-Arba, dem heutigen Hebron, im Land Kenaan. Und Avraham kam herbei, um seine Frau Sara zu betrauern. Und er weinte sehr um sie, denn er hatte sie sehr geliebt.

Kiryat-Arba: „Die Stadt der Vier“. Warum die ‚Vier’? Wegen der vier Ehepaare, die dort begraben wurden: Adam und Chawwa; Avraham und Sara; Jizchaq und Rivka; Jakob und Lea [Rachel ist nämlich in Efrata, das ist Bet-Lechem, begraben worden und zählt hier nicht mit].

Kam herbei: Woher kam er denn? Er kam aus Beersheva. Er war nämlich nach der Bindung Jizchaqs nach Beersheva gegangen. Man sieht daran, dass die Bindung Jizchaqs erst vor kurzem passiert war, aber es hatte Sara das Herz gebrochen, dass ihr Sohn fast geopfert wurde, so dass sie an ihrem Kummer starb.

Dann ging er zu den Söhnen Chets und sagte ihnen: „Meine Frau und ich haben bei euch immer als Fremde gewohnt, und ihr habt mich hier wohnen lassen. Es wäre schön, wenn ihr mir nun, da Sara gestorben ist, ein kleines Stück Land überlassen könntet, damit ich Sara begraben kann.“

Fremde gewohnt: Ursprünglich sind wir Fremde, Ausländer, denn wir kamen aus einem anderen Land, aber wir wohnen jetzt hier. Es liegt an euch, ob ich Sara nach dem Ausländerrecht begrabe (dann muss ich das Land kaufen), oder nach dem Recht der hier Ansässigen (dann steht es mir umsonst zu).

Da antworteten die Söhne Chets: „Hör uns in dieser Sache an! Du bist ein von Gott ganz besonders Begnadeter. Und deshalb und weil wir dich sehr respektieren, erlauben wir dir, deine Tote in einem unserer besten Grabstätten zu begraben. Niemand von uns wird dir das verwehren.“
Da stand Avraham auf, verneigte sich vor den Söhnen Chets und sagte ihnen in einem feierlichen Ton: „Ich schätze euer Angebot sehr! Aber wenn ihr wollt, dass ich meine Frau beerdige, dann wirkt doch auf Efron ein, dass er mir die Höhle von Machpela gibt. Ich werde den vollen Preis dafür bezahlen.“

Machpela: Im Wort ‚Machpela’  steckt das Wort ‚gedoppelt’: die Höhle hatte nämlich ein Untergeschoss und ein oberes Stockwerk. Auch von Dawid wird berichtet, dass er die Tenne des Jebusiters Arawna für den vollen Preis kaufte, um dort einen Altar zu errichten (2Sam 24,18-25). [Wie bei Avraham auch, muss Dawid das Angebot des Jebusiters zurückweisen und darauf bestehen, das Land kaufen zu wollen].

Da Efron selbst anwesend war, sagte er vor allen Leuten zu Avraham: „Aber Avraham, nicht doch! Hör mich an, wir wollen es folgendermaßen machen: Ich schenke dir die Höhle mitsamt dem Feld, nimm die Höhle und begrabe deine Frau darin.“

Selbst anwesend: Alle Leute ließen ihre Arbeit ruhen, um zur Ehre Saras am Tor zu sein.

Da stand wiederum Avraham auf, verneigte sich und begann zu reden: „Lieber Efron, hör mich an, alle ringsum sollen mich hören: Ich zahle dir den vollen Preis für das Feld, nimm das Geld von mir, und ich werde meine Tote begraben.“

Nimm das Geld: Ich möchte es nicht geschenkt haben, und ich möchte, dass du das akzeptierst.

Da antwortete Efron: „Mein Herr, hör mich an! Ein Stück Land, das einen Wert hat von vierhundert Schekel Silber, was hat das schon für einen Wert zwischen uns? Begrab nur deine Tote.“

Wert: Ist das überhaupt wichtig?

Da endlich war Avraham zufrieden, denn er verstand richtig, dass Efron ihm nun das Stück Feld mit der Höhle verkaufen wollte. Avraham zahlte den Preis für das Feld und die Höhle, die sich auf diesem Feld befand, das Stück Erde von Machpela.

2. Aufruf
Und so wurde das erste Stück Land dem Avraham zum Eigentum. Und Avraham ging hin und begrub seine Frau Sara in der Höhle auf dem Feld von Machpela, im Land Kenaan, bei Hebron.

Zum Eigentum: Das Feld, die Höhle und alle Bäume gingen in Avrahams Besitz über.

Jizchaq wird verheiratet

24,1
Avraham war alt und betagt, und der Ewige hatte ihn mit allem gesegnet. Da nun sagte er zu seinem ältesten Diener: „Mein Lieber, du musst mir etwas hoch und heilig versprechen! Dazu lege deine Hand unter meine Hüfte und dann schwöre mir beim Ewigen: dass du darauf achtest, dass mein Sohn Jizchaq keine Frau aus den umliegenden Völkern bekommt. Vielmehr sollst du selbst in das Land gehen, wo ich herkomme, und von dort sollst du meinem Sohn Jizchaq eine Frau nehmen.“

Mit allem: Der Zahlwert des Wortes ‚mit allem’  ist derselbe wie des Wortes ‚Sohn’, nämlich: 52, und deshalb wird nachfolgend erzählt, dass er für seinen Sohn eine Frau suchte. [Jeder Buchstabe im hebräischen Alphabet hat einen bestimmten Zahlwert. Damit können Wörter, die den gleichen Zahlwert haben, in Verbindung zueinander gebracht werden, auch wenn sie vielleicht auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Diese Art der Auslegung nennt man Gematria].

Unter meine Hüfte: Warum ausgerechnet unter seine Hüfte? Es meint hier: an sein Glied. Warum? Weil jeder, der einen Schwur tut, einen heiligen Gegenstand (wie z.B. die Torarolle) in die Hand nehmen muss, und die Beschneidung war das erste Gebot, das Avraham unter Schmerzen erfüllt hatte, und darum war ihm dieser Körperteil so wichtig wie ein heiliger Gegenstand.

Da sagte der Diener: „Ich möchte gerne tun, was du sagst. Was ist aber, wenn die Frau, die ich für deinen Sohn finde, nicht mitkommen möchte? Soll ich dann Jizchaq in deine alte Heimat zurückbringen?“
„Auf keinen Fall,“ antwortete Avraham, „es wird sich ein Weg finden, der Ewige, der mich aus meiner alten Heimat hierhergeführt hat, er wird es auch richten können, dass du für meinen Sohn eine Frau nehmen und sie hierher führen kannst. Sollte allerdings die Frau, die du gefunden haben wirst, nicht mitkommen wollen, so bist du von deinem Schwur wieder frei. Aber merk dir eins: Meinen Sohn führe nicht in meine alte Heimat zurück!“

Wieder frei: Meinetwegen magst du dann eine Frau von Aner, Eshkol oder Mamre nehmen (es sind immerhin Amoriter und keine Kenaaniter).

Alte Heimat: Er wusste nämlich, dass noch nicht sein Sohn, wohl aber sein Enkel Jaakov zurückkehren würde.

Da legte der Diener zum Zeichen des Schwurs seine Hand unter die Hüfte von Avraham und schwor ihm, was Avraham verlangte.
3. Aufruf
Kurze Zeit darauf wurde der Diener mit zehn Kamelen Avrahams ausgestattet, und allerlei Kostbarkeiten wurden ihm mitgegeben. Dann machte er sich, so reich bepackt, auf und zog nach Mesopotamien, in die alte Heimat seines Herrn.

Kamele Avrahams: Avrahams Kamele waren an ihrem Maulkorb zu erkennen, den sie trugen, um ja nicht auf anderen Feldern unberechtigt zu grasen.

In die alte Heimat: Er hatte ihm eine Schenkungsurkunde über sein gesamtes Eigentum mitgegeben, damit sie ihm umso schneller ihre Tochter mitschickten.

Nach einer langen Reise kam er endlich an. Er ließ die Kamele bei einem Wasserbrunnen ausruhen. Es war Abend, und es war die Zeit, da die jungen Mädchen aus der Stadt herauskamen, um Wasser zu schöpfen.
Da bat er: „Ach Ewiger! Denk an meinen Herrn Avraham und lasse meine Aufgabe hier glücklich gelingen und eine junge Frau finden für Jizchaq. Ich werde jetzt zu einem der Mädchen, die aus der Stadt kommen, sagen: gib mir doch etwas zu trinken. Und wenn dieses Mädchen darauf antwortet: Nimm nur, ich will auch deine Kamele tränken, dann möchte ich davon ausgehen, dass du, Ewiger, dieses Mädchen für Jizchaq bestimmt hast.“
Es dauerte nicht lange, da trat ein Mädchen an den Brunnen. Das Mädchen war sehr schön und anmutig. Es hatte einen Wasserkrug auf der Schulter und ging zum Brunnen hin und füllte ihren Krug. Da lief der Diener des Avraham hin und bat das Mädchen: „Gib mir doch etwas zu trinken, ich bin so durstig.“ Sofort nahm das Mädchen den Krug von der Schulter und reichte dem Mann zu trinken. Und als dieser getrunken hatte, sagte sie noch: „Auch deinen Kamelen will ich zu trinken geben.“ Und da leerte sie ihren Krug in die Tränkrinne aus, lief noch einmal zum Brunnen, um erneut Wasser zu schöpfen, und brachte so Wasser für alle Kamele des Dieners.
Darüber war der Diener erstaunt, aber er wartete noch ab, ob das das Mädchen war, das er für Jizchaq nach Kenaan mitnehmen sollte. Dennoch nahm er aus seinem Gepäck schöne Ringe und Armreifen für das Mädchen, einen Nasenreif und zwei goldene Armspangen, zehn Goldschekel schwer. Dann fragte er: „Wer bist du? Und wer ist dein Vater, deine Mutter? Meinst du, dass ihr genug Platz in eurem Haus habt, damit ich dort übernachten könnte?“

Erstaunt: Er war fassungslos darüber, dass sein Wort schon in so vielen Punkten eingetreten war, und das einzige, was er nun noch wissen musste, war, ob sie aus Avrahams Familie stammte.

Wartete: Er war richtig erschrocken und dachte nach, und deshalb blieb er wie angewurzelt stehen und wartete ab, ob der Ewige seinen Weg hatte gelingen lassen.

Aus seinem Gepäck: Schon hier deutet der Text auf Dinge, die später wichtig werden: die zwei Armspangen lassen uns an die zwei Tafeln des Bundes denken, und ihr Gewicht, zehn Schekel, an das Zehnwort. So sind die Bibeltexte auch untereinander verwoben.

Fragte er: Eigentlich hätte er sie das fragen müssen, bevor er ihr den ganzen Schmuck gab, aber nach allem, was bisher geschehen war, war er der Überzeugung, dass Avrahams Verdienste dafür gesorgt hatten, dass der Ewige seinen Weg hatte gelingen lassen.

Das Mädchen antwortete: „Mein Vater ist Bethuel, der Sohn von Milka und Nachor, und ich bin Rivqa (damit wusste er sofort, dass er zu Verwandten seines Herrn Avraham gekommen war). Ich denke schon, dass wir genug Platz haben, auch Stroh und Futter ist genügend vorhanden.

Antwortete: Sie antwortete ihm genau in der Reihenfolge, in der er gefragt hatte, und ihre Antwort sagte ihm, dass er gern auch mehrere Nächte als Übernachtungsgast bleiben könne.

Da verneigte sich der Mann und warf sich vor dem Ewigen nieder und sagte:

4. Aufruf
„Gepriesen, Ewiger, du Gott meines Herrn Avraham! Du hast ihm deine Treue nicht genommen und hast ihm beigestanden.“ Das Mädchen aber lief zum Haus ihrer Mutter und erzählte dort alles, was sie erlebt hatte.

Haus ihrer Mutter: Früher hatten die Frauen ein eigenes Haus, in dem sie ihre Arbeit verrichteten, und sie ging dorthin, weil ein Mädchen nur ihrer Mutter alles erzählt.

Rivqa hatte einen Bruder, der Lavan hieß. Als nun Lavan die Geschichte hörte und sah, welche Armreifen und Ringe seine Schwester plötzlich trug, da rannte er hinaus zum Brunnen und sagte zu dem fremden Mann:

Rannte er hinaus: Er rannte, weil er schon sah, dass seine Schwester an einen reichen Fremden geraten war, und er seine Augen schon auf das Vermögen geworfen hatte. [Raschi zeichnet die Figur des Lavan von vornherein negativ].

„Komm nur herein, du Gesegneter des Ewigen! Warum stehst du noch draußen. Ich habe bereits das Haus aufgeräumt, und es ist auch genug Platz für deine Kamele da.“

Aufgeräumt: Er hatte nicht nur einfach Ordnung gemacht, sondern auch alle Götzen aus dem Haus geräumt.

Da ging der Mann mit Lavan mit. Man sattelte die Kamele ab, fütterte die Kamele und brachte Wasser, damit die Reiter sich frisch machen konnten. Nachdem sich der Mann hergerichtet hatte, bekam er schließlich auch etwas zu essen aufgetischt. Da sagte der Mann aber: „Ehe ich zu essen beginne, möchte ich mein Herzensanliegen vorbringen.“ Und Lavan forderte ihn auf zu reden. Da sagte der Mann:
„Ich bin ein Diener Avrahams. Der Ewige hat meinen Herrn Avraham reich gesegnet, so dass er hoch angesehen ist und von allem genug hat: von Schafen, Rindern, von Silber und Gold, auch von Dienern und sonstigen Bediensteten. Auch seine Frau Sara hat ihm noch in hohem Alter einen Sohn geschenkt. Dem gab er alles, was er hatte.

Dem gab er alles: An dieser Stelle zeigte er ihnen die Schenkungsurkunde.

Nur mich hat er schwören lassen, dass ich seinem Sohn keine Frau aus der Umgebung nehmen soll, vielmehr soll ich in seine alte Heimat zurückkehren, um dort nach einer Frau Ausschau zu halten. Und so tat ich. Ich reiste hierher, kam heute an die Quelle, und betete zu Gott:

Heute: ‚Heute’ ist betont: „Ich zog erst heute aus, und kam doch heute schon an.“ Der Midrasch sagt, die Erde zog sich unter ihm zusammen, d.h. dass seine Reise wunderhaft schnell vonstatten ging.

Das Mädchen, das mir aus ihrem Krug zu trinken gibt und auch meinen Kamelen, das soll die Frau für Avrahams Sohn sein. Und die erste, die kam, war Rivqa. Sie gab mir zu trinken, und ohne zu fragen tränkte sie auch meinen Kamelen. Da fragte ich sie: „Wessen Tochter bist du“, und sie antwortete: „Die Tochter Betuëls, des Sohnes Nahors, den ihm Milka gebar“. Dann beschenkte ich Rivqa vor Freude sofort mit Armreifen und Ringen.

Dann beschenkte ich: Er erzählt es nicht in der Reihenfolge, in der es sich zugetragen hatte, denn er hatte ihr bereits den Schmuck gegeben als er sie nach ihrem Namen und ihrer Herkunft fragte. Das hatte er absichtlich gemacht, damit sie seine Aussage nicht gegen ihn verwenden und womöglich sagen würden: „Wie konntest du ihr den Schmuck geben, wo du nicht einmal wusstest, wer sie ist“, d.h. „du hast einfach der Erstbesten den Schmuck gegeben?!“

Nun frage ich euch, ob ihr meinem Herrn Avraham soviel Liebe erweisen könnt, dass ihr Rivqa seinem Sohn zur Frau gebt. Sagt es mir, damit ich mich notfalls nach rechts oder links umschauen kann!“

Nach rechts oder links: Nach rechts, also von den Töchtern Jischmaels, und nach links: von den Töchtern Lots, denn der wohnte nördlich von Avraham.

Nachdem der Diener Avrahams geendet hatte, antwortete Lavan und Betuel, der Vater von Rivqa:

Lavan und Betuel: Lavan war ein Bösewicht, denn er fiel seinem Vater einfach ins Wort. [Diese Aussage erhält Raschi dadurch, dass der Sohn vor dem Vater genannt wird].

„Wie du es geschildert hast, ist die ganze Sache vom Ewigen ausgegangen, deshalb können wir nichts sagen. Hier ist Rivqa, sie steht vor dir. Nimm sie mit dir mit und zieh hin, damit sie die Frau des Sohnes von Avraham werden kann.“
Als der Mann das hörte, warf er sich auf den Boden vor den Ewigen.

Warf er sich: Aus diesem Vers lernt man, dass man dem Ewigen für eine gute Nachricht dankt.

5. Aufruf
Dann holte er aus seinem Gepäck goldenes Geschmeide und wunderbare Gewänder hervor und beschenkte damit Rivqa. Aber auch ihr Bruder Lavan und ihre Mutter beschenkte er mit allerlei Früchten, die er aus seiner Heimat mitgebracht hatte. Dann aßen und tranken sie gemeinsam, und der Diener blieb mit seinem Tross und übernachtete dort.
Am andern Morgen stand er schon früh auf und bat seine Gastgeber: „Entlasst mich nun, ich muss zurück zu meinem Herrn.“ Da wandten Lavan und seine Mutter ein: „Wir denken, dass es doch besser wäre, wenn Rivqa nicht sofort mit dir mitginge. Lass sie doch noch ein paar Tage hier, zehn vielleicht, danach kann sie mit dir ja mitgehen.“

Mitgehen: Nur ihr Bruder und ihre Mutter redeten mit ihm. Wo war denn Betuel? Er wollte die ganze Sache hintertreiben; da kam ein Engel vom Ewigen und tötete ihn. Ein paar Tage meint hier: ein Jahr. Rivqas Mutter und ihr Bruder baten um einen Aufschub für ein Jahr, weil man einer Jungfrau vor ihrer Hochzeit Zeit gibt, um sich mit Schmuck zu versorgen. ‚Zehn’ meint hier auch nicht zehn Tage, sondern zehn Monate, weil man nicht um wenig bittet, um dann gleich nochmals aufstocken zu müssen.

Da sagte der Mann nur: „Haltet mich nicht auf. Der Ewige hat meinen bisherigen Weg glücken lassen. So will ich auch jetzt aufbrechen und zu meinem Herrn zurückkehren.“ Lavan und seine Mutter lenkten ein: „Lass uns Rivqa fragen.“

Lass uns Rivqa fragen: Aus diesem Vers lernt man, dass man eine Frau nur mit ihrem Einverständnis verheiratet. [Da die Frau bei ihrer Verheiratung in traditionellen Gesellschaften nur wenig gefragt wird, ist diese Äußerung Raschis zur Vermählungspraxis sehr aufschlussreich].

Da holten sie Rivqa und fragten sie, ob sie denn jetzt schon mit dem Mann verreisen möchte. Da sagte sie nur: „Ja, ich will und ich werde!“

Und ich werde: Ich werde gehen: von mir selbst aus, auch, wenn ihr das nicht wolltet. [Diese Selbstständigkeit der Frau wird auch von Raschi stark betont].

Da ließen sie Rivqa gehen und gaben ihr noch Dienerinnen mit und wünschten ihr für ihr weiteres Leben alles Gute. Sie gaben ihr einen Segen und sagten zu ihr: „Du, unsere Schwester, werde Mutter von tausendmal Zehntausend! Deine Nachkommen sollen besetzen das Tor ihrer Feinde.“

Deine Nachkommen: Der Ewige hatte ja zu Avraham auf dem Berg Moriah gesagt: „Vermehren werde ich deine Nachkommen“. Ihr Segen meinte also: „Möge es der Wille des Ewigen sein, dass diese Nachkommen von dir abstammen und nicht von einer anderen Frau!“.

Und Rivqa und der Mann machten sich auf und zogen fort.

Jizchaq und Rivqa treffen sich

Jizchaq war in die Gegend des Brunnens von Lahai-Roï gekommen und hatte sich im Negev niedergelassen. Einmal nun ging er gegen Abend zum Feld, und als er die Augen hob, sah er in einiger Entfernung Kamele kommen.

Gegend des Brunnens: Er war dort hingegangen, um seinem Vater Avraham Hagar zu bringen, damit er sie zur Frau nehme. [Nach tradtioneller Überlieferung ist Ketura, die Avraham am Ende dieser Parascha heiratet, identisch mit Hagar].

Zum Feld: Er ging dorthin, um zu beten.

Auch Rivqa spähte hinaus und sah Jizchaq weit entfernt stehen. Da fragte sie ihren Begleiter, da sie von dem Anblick ganz angetan war: „Wer ist der Mann dort vorne?“ „Das ist mein Herr, der Sohn von Avraham,“ antwortete dieser. Sofort nahm sie, weil das damals Sitte war, einen Schleier und verhüllte sich damit.

Sah Jizchaq: Sie sah, wie schön er war und war ganz erstaunt darüber.

Als der Begleiter mit Rivqa angekommen waren, erzählte der Diener alles ganz genau.

Erzählte der Diener: Er erzählte ihm alle wunderhaften Begebenheiten: wie sich die Erde unter ihm zusammengezogen hatte, und dass ihm Rivqa durch sein Gebet begegnet war.

Da nahm Jizchaq Rivqa und führte sie in das Zelt – und sie war ihm wie Sara, seine Mutter.
Und es dauerte nicht lange, da nahm er Rivqa zur Frau, und er gewann sie sehr lieb und tröstete sich so über den Verlust seiner Mutter hinweg.

Sie war ihm wie Sara: Hier ist nicht gemeint: ins Zelt seiner Mutter Sara (das Wort ‚Zelt´ wäre sonst nicht determiniert!), sondern: ‚… ins Zelt – und siehe, sie wurde seiner Mutter Sara gleich’. Das heißt, sie wirkte wie seine Mutter Sara. Es war nämlich so: Als Sara noch lebte, da brannte ein Licht von Erew Schabbat bis Erew Schabbat und Segen ruhte auf ihrem Teig, dass er immer wieder aufging, und eine Wolke lag auf dem Zelt, und als sie starb, hörte dies alles auf. Als nun Rivqa kam, kamen alle diese Dinge zurück.

Verlust seiner Mutter: So ist es im Leben eines Mannes: Solange seine Mutter lebt, schließt er sich an sie an; wenn sie einmal gestorben ist, tröstet er sich mit seiner Frau.

Die weiteren Kinder Avrahams

25,1   6. Aufruf
Aber Avraham nahm sich nach dem Tod seiner Frau Sara nochmals eine Frau, die hieß Ketura.

Ketura: Das ist Hagar, sie wurde Ketura genannt, weil das, was sie tat, so lieblich wie Räucherwerk (ketoret) war, und weil sie ihre ‚Tür’ verschlossen hielt; d.h. sie hatte von dem Tag an, als sie sich von Avraham trennen musste (Gen 21,14), keine Beziehungen zu Männern mehr gehabt. Es war eigentlich nur eine Nebenfrau: Ketura-Hagar. Und der Unterschied zwischen Ehefrau und Nebenfrau ist der: Ehefrauen haben eine Ketuba, Nebenfrauen nicht. Die Geschenke, die Avraham ihnen gab, hatte er selbst geschenkt bekommen, und wollte von ihnen keinen Nutzen haben.

Ketura gebar im Laufe der Zeit mehrere Söhne, nämlich Simran, Jokschan, Medan, Midian, Jischbak und Schuach. Aber Avraham gab alles, was er hatte, seinem Sohn Jizchaq, seinen Söhnen, die er mit seinen Nebenfrauen hatte, gab er Geschenke und schickte sie weit weg von Jizchaq: nach Osten, ins Morgenland, weit weg von seinem Sohn Jizchaq.
Avraham wurde 175 Jahre alt. Dann starb er in diesem glücklichen Alter, alt und lebenssatt. Seine Söhne Jizchaq und Jischmael begruben ihn in der Höhle von Machpela, dort, wo bereits Sara begraben lag.

Jizchaq und Jischmael: Jizchaq und Jischmael – in dieser Reihenfolge. Aus diesem Vers sieht man, dass Jischmael sich gebessert und Jizchaq den Vorrang eingeräumt hatte, obwohl dieser der Jüngere war.

Nach dem Tod Avrahams segnete Gott auch den Jizchaq.

Segnete: Avraham wollte ihn nämlich nicht segnen, denn er sah den Esaw aus ihm hervorgehen, und daher sagte er sich: Das überlasse ich besser dem ‚Herrn über die Segen’, und so kam der Heilige selbst und segnete ihn.

7. Aufruf
Auch Jischmael wurde sehr alt, er verschied mit 137 Jahren. (…)

Verschied: Dieser Ausdruck wird nur bei Gerechten angewandt.